559/2022 Gespräche ohne Verständnis

Sehr geehrte Leserin, sehr geehrter Leser,

heute bin ich (Olaf) mit der Bundesbahn unterwegs und versuche gerade, gemäß des alten Bahn-Slogans „Genießen Sie Ihre Fahrt in vollen Zügen!“, den Genuss eines autofreien Reisens zu spüren. Gerade habe ich Gelegenheit, im Rahmen eines ungeplanten Aufenthaltes im Bahnhof einer Kleinstadt im Weserbergland „Feldstudien“ zum Thema „Kommunikation in Alltagssituationen“ zu machen.

Das riesige, alte Bahnhofsgebäude steht fast leer; seine überraschende Größe lässt vermuten, dass entweder die Kleinstadt in längst vergangenen Tagen einmal ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt war oder sich dahin entwickeln sollte – was aber wohl ausblieb. Vielleicht war das Gebäude in der Planung der Bahn auch einfach noch über und man hat sich gedacht, dass in den Auen an der Weser ja noch Platz ist und dann hat man es erstmal an diesen Ort gestellt – und dann hier vergessen. Wie auch immer…

Kommuniziert wird auch hier. Ich bin Teil einer unerwartet zusammengewürfelten Warte-Gruppe, deren Mitglieder inklusive mir sich vor einer halben Stunde noch in der Sicherheit wähnten, ihre Anschlusszüge in Göttingen zu erreichen. Diese Phantasien haben wir nicht mehr; es besteht nun Klarheit, dass wir über eine Stunde unerwarteter Freizeit verfügen können, während wir auf den Ersatz-Zug warten.

Ich klappe den Laptop auf und beginne ein Teamtag-Konzept fortzuschreiben. Spontan entschließe ich mich dann aber, den Dialog mitzuschreiben, der sich gerade an der geschickt eingerichteten Kombination von Bahn-Informations-Schalter, Minimal-Kiosk-Tresenkasse und Post-Filiale entwickelt.

Herzliche Grüße, diese Woche aus dem Kloster Vierzehnheiligen in Bad Staffelstein

Anja Palitza & Olaf Hartke

Thema: Gespräche ohne Verständnis

Zitat: „Die meisten Menschen reden übereinander, aneinander vorbei und gegeneinander an – statt miteinander.“ (Olaf Hartke)

Beispiel: Die offensichtlich kurz vor dem Ruhestand stehende Dame am Post-Kiosk-Bahnschalter begrüßt den sich nähernden Rentner freundlich und dynamisch: „Guten Morgen, was kann ich für Sie tun?“

Rentner, ärgerlich: „Der Zug ist kaputt, wir müssen auf den nächsten warten.“

Bahn-Dame: „Was brauchen Sie denn?“

Rentner: „Eine neue Hüfte. Da muss vorher noch was untersucht werden, deswegen wollte ich in die Stadt. Ich weiß gar nicht, ob sich das bei mir noch lohnt.“

Bahn-Dame: „Da vorne sind Zeitschriften, dann können Sie beim Warten ein bisschen was lesen. Im Kühlschrank sind Getränke.“

Rentner: „Ich wollte nur mal gucken, was es hier so gibt.“

Bahn-Dame: „Ja, dann gucken Sie mal.“

Rentner: „Meine Frau hat mir zwei Stullen eingepackt.“

Bahn-Dame: „Wir haben jetzt im Sommer auch Eis! Da in der Truhe. Aber nicht mehr lange…“

Rentner: „Der Heinz, was mein Nachbar is, der kommt mit der neuen Hüfte gut klar. Aber ich bin ja schon 81 – ich weiß gar nicht, ob sich das Ganze noch lohnt.“

Bahn-Dame: „Ja, nee. Im September wird die Truhe wieder abgeholt. So viele Leute steigen hier auch sonst nie aus.“

Rentner: „Haben Sie nicht auch Wasser, dass nicht so kalt ist?“

Bahn-Dame: „Das ist ein Kühlschrank, darum ist das so kalt. Das tut doch auch gut bei der Hitze.“

Rentner: „Ich wollte mal gucken, ob es hier vielleicht ein lecker Mettbrötchen gibt. Der Zug fährt ja erstmal nicht mehr weiter.“

Bahn-Dame: „Der nächste Zug nach Göttingen kommt um Viertel nach.“

Rentner: „Wenn das nicht wieder gut wird – meine Erika kann doch zuhause nicht den ganzen Garten allein machen.“

Bahn-Dame: „Wird ja jetzt sowieso alles ganz trocken. Sprengen soll man ja auch nicht mehr so viel.“

Rentner: „Aber irgendwas muss ich ja machen. Kann keine Nacht mehr durchschlafen. Aber in meinem Alter noch so was…“

Bahn-Dame: „Ich bin jetzt 64 – aber ich mach das noch ganz gerne hier. Was soll man denn auch den ganzen Tag zuhause machen, oder?“

Rentner: „Lecker Mettbrötchen haben Sie hier nicht, oder?“

Bahn-Dame: „Nur, was Sie hier sehen können.“

Rentner: „Die Augen sind noch gut. Das meiste andere ist auch noch ganz töfte. Nur die Hüfte will nich mehr.“

Bahn-Dame: „Irgendwann ist sowieso alles vorbei, man muss das Leben auch genießen, oder? Is doch so.“

Rentner, den Schalter-Bereich verlassend: „Ich wollte nur mal gucken, was es hier so gibt.“

Bahn-Dame: „Ja, ham Se ja gemacht. Und dann mal alles Gute für die Knie.“

Und zu mir gewandt: „Der wusste auch nicht, was er will, oder?“

Dem Gesprächsmuster folgend hätte ich jetzt so etwas sagen können wie: „Der Zug hatte eine Panne.“ Oder: „Es ist heute noch wärmer als gestern.“

Und vielleicht hätte die Bahn-Dame dann geantwortet: „Der Kühlschrank brummt manchmal ganz komisch, hören Sie das auch?“ Oder: „Mettbrötchen haben wir nicht.“

Information: Wenn ich den Dialog heute nochmal nachlese – die weitere Bahnreise verbrachte ich stehend; an ein Weiterschreiben war gestern in der Enge des überfüllten Zuges nicht mehr zu denken – kommt er mir gar nicht mehr so besonders vor. Der Grund, weshalb ich gestern eifrig mitschrieb: Im Alltag fällt es mir immer wieder auf, dass Gespräche manchmal auf unterschiedlichen Ebenen stattzufinden scheinen, ohne dass es die Beteiligten bemerken. Es werden Informationen mitgeteilt (gesendet) – manchmal auch Gefühle, Bedürfnisse oder auch Bitten – auf die es keine erkennbare Resonanz gibt. Wenn zwei Personen darauf fokussiert sind zu senden, ist kein aufmerksamer Empfänger im Raum. Sie reden „aneinander vorbei“ und die Mitteilungen beider erhalten nicht die gewünschte Aufmerksamkeit des Gegenübers.

Gespräche werden bewusster, erhalten mehr Tiefe und tragen zu mehr Nähe bei, …

  • wenn mindestens eine beteiligte Person in ihrem gedanklichen Hintergrund immer wieder mal prüft, wer im Gespräch gerade Sender ist und wer Empfänger;
  • wenn Empfänger sich auf ihre Aufgabe fokussieren und deutlich mehr zuhören als sprechen;
  • wenn Empfänger an wichtig erscheinenden Stellen im Gespräch wiedergeben, was sie vom Sender gerade verstanden haben;

Wochen-Aufgabe: Wenn Sie bei Gesprächen anderer anwesend sind – prüfen Sie einmal, wer gerade in welcher Rolle ist. Wer ist Sender, wer ist Empfänger?

Wenn Sie selbst in einem Gespräch sind – erfüllen Sie Ihre Aufgabe als Empfänger damit, gelegentlich zu wiederholen, was Sie verstanden haben? Gelingt es Ihnen eigene Geschichten einen Moment zu parken,

Aktuelles

Seminare 2022
12.08.2022  Einführung „Gewaltfreie Kommunikation“ im Kloster Vierzehnheiligen (3 Tage)
04.09.2022  Bildungsurlaub „GfK und Führung“ in Dießen am Ammersee (5 Tage)
20.10.2022  Trainer(Innen)ausbildung Online (4 Module, 20 Tage, Trainerteam)
27.11.2022  Bildungsurlaub „Einführung GfK“ auf Spiekeroog (5 Tage)
16.12.2022  Vertiefung „Gewaltfreie Kommunikation“ im Kloster Hünfeld (3 Tage)

Weitere Seminare 2023
06.01.2023  Wandeltage 2023 Online – Jahresausbildung GFK (6 Module á 3 Tage)
08.02.2023  Systemisches Konsensieren (Seminar zu Gruppenentscheidungen auf Augenhöhe)
21.02.2023  Schneeschuh-Tour zur Hohgant-Hütte für Einzelteilnehmer und Paare
26.02.2023  Schneeschuh-Tour zur Hohgant-Hütte nur für Paare
16.04.2023  Bildungsurlaub „Einführung GfK“ auf Baltrum (5 Tage
06.05.2023  Wandeltage 2023 Präsenz –(6 Module à 3 Tage))
22.05.2023  Bildungsurlaub „Einführung GfK“ in Dießen am Ammersee (5 Tage)
15.10.2023  Ein Führungskräftetraining auf Basis GfK auf Baltrum (5 Tage)
23.10.2023  Bildungsurlaub „Einführung GfK“ auf Spiekeroog (5 Tage)
10.12.2023  Bildungsurlaub „Einführung GfK“ am Jadebusen im Kunze-Hof (5 Tage),

Weiteres finden Sie auf unserer Website:
https://erfolgsschritte.de/seminare-trainings/termine.php

Es sind noch nicht alle Informationen zu den Seminaren aktualisiert; fragen Sie direkt bei uns nach, wenn Sie konkrete Fragen dazu haben.

Sie sind mit der Mailadresse [email] für den Empfang dieses Coachingbriefes eingetragen.
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Herausgeber:
Hartke Unternehmensentwicklung GmbH
Dunlopstraße 9, 33689 Bielefeld
Fon: 05205 / 7290525 und Fax: 05205 / 7290527
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© Copyright Anja Palitza & Olaf Hartke

Ein Gedanke zu “559/2022 Gespräche ohne Verständnis

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