502/2021 Neulich im Fahrstuhl

Coachingbrief „Gewaltfrei leben“
Impulse zur Umsetzung der „Gewaltfreien Kommunikation“ im Alltag
Ausgabe 502 (28/2021 vom 06.07.2021)

Sehr geehrte Leserin, sehr geehrter Leser,

wenn Trainer über ihre Seminarteilnehmer sprechen, dann sind manchmal die „geschickten Teilnehmer“ ein aufregendes Thema. Diese Menschen werden „Geschickte“ genannt, nicht weil sie durch besondere Fertigkeiten auf sich aufmerksam machen, sondern weil sie von ihren Vorgesetzten zum Training „geschickt“ werden und eigentlich nicht da sein wollen.

Herzliche Grüße, heute von uns beiden aus Jena

Anja Palitza & Olaf Hartke

Thema: Neulich im Fahrstuhl – Die vier Reaktionsweisen im Gespräch

Zitat: „Höre nicht, was sie sagen – höre, was sie fühlen und brauchen.“ (Marshall B. Rosenberg)

Beispiel: Der Seminarraum und alle Materialien sind vorbereitet und ich (Olaf) gehe nochmal zum Auto, um etwas zu holen. Auf dem Rückweg zum Seminarraum des Unternehmens, in dem ich heute trainiere, nutze ich den Fahrstuhl und mit mir steigen zwei junge Männer ein. Ein kurzes Gespräch zwischen den beiden beginnt und zwangsläufig höre ich zu.

„Montagmorgen und die Woche nimmt wieder mal kein Ende.“
„Ich hab´s gut. Heute noch einen Tag absitzen und den Rest der Woche Urlaub.“
„Und wieso hast Du heute keinen Urlaub – dann hättest Du doch die ganze Woche frei?“
„So ein blödes Training ist heute noch und ich muss für einen Tag kommen. Irgendein Training über Kommunikation.“

(Ich werde hellhörig und höre ab hier sehr interessiert zu…)

„Jetzt sag nicht, Du musst auch bei diesem Scheiß mit dieser Anti-Gewalt-Kommunikation mitmachen?“
„Doch, leider. Aber egal, einen Tag dasitzen und entspannen, interessierten Eindruck machen, Zertifikat abstauben und… Urlaub!“
„Müller muss auch hin. Das wird ein verlorener Tag, sagt er. Als ob wir das hier nötig hätten – Gewaltlose Kommunikation – oder wie heißt das?“
„Weiß nicht genau, mich interessiert das auch nicht.“

„Es heißt Gewaltfreie Kommunikation.“
(Zur großen Überraschung der beiden kommt dieser Gesprächsbeitrag von mir.)
„Ah, ääähh ja, OK.“
„Ach ja, genau.“
(Schweigen. Beide beobachten ihre oder meine Schuhe.)

Die Fahrstuhltür öffnet sich, einer der beiden steigt aus. Der andere fragt mich:
„Ja, äh – sind Sie auch dabei? Sind Sie neu hier?“
„Ja, ich bin auch dabei. Und neu bin ich hier nicht so ganz; letztes und vorletztes Jahr habe ich auch schon mal hier gearbeitet.“
„Ach so. Ich hab‘ Sie hier auch noch nie gesehen.“
(Kurze Denkpause)
„Hier gearbeitet – und dann waren Sie beide Male danach wieder weg – oder wie?“
„Ja, ich bin immer nur sehr kurz in Unternehmen.“
„Wie – Sie wechseln so zwischen Unternehmen hin und her?“
Ja, ich bin selbständig und arbeite als Kommunikationstrainer.“
„Ach Du Scheiße… dann sind Sie… also… äh, Tschuldigung, ich wollte nicht… also ich meine… äh, ja das war jetzt irgendwie blöd… ich wollte nur…“

Die Fahrstuhltüren öffnen sich, Menschen möchten eintreten, wir verlassen die Kabine und stehen auch schon vor dem Seminarraum und werden von weiteren Teilnehmern begrüßt. Ich bin sicher, ein Teilnehmer hat einen besonderen Start in den Seminartag…

Information: Die vier Reaktionsweisen im Gespräch. Nach dem Modell Gewaltfreie Kommunikation kann man auf jegliche Nachricht, die ein anderer Mensch sendet, innerlich auf vier verschiedene Arten reagieren – das Gesagte mit „vier verschiedenen Ohren hören“. Die obige Fahrstuhl-Situation war für mich ein Moment, in dem ich wieder ganz bewusst dankbar war, diese vier Ohren zu kennen und den Dialog dadurch zu „filtern“; mich ganz bewusst auf das Wesentliche darin fokussieren zu können.

Das „Wesentliche“ in der Kommunikation anderer Menschen, sind für uns nicht die Worte und auch nicht die Inhalte der Sätze, die gesagt werden. Wesentlich sind für uns die Gefühle und Bedürfnisse hinter dem Gesprochenen. Das, was im Sender „lebendig“ ist.  

Über zwei dieser vier Ohren hören die meisten Menschen unsere Kommunikation, es sind die „Wolfsohren“. Wir unterscheiden hier nochmal zwischen „Wolfsohren innen“ und „Wolfsohren außen“. „Innen“ bedeutet, sie richten sich nach innen und mit ihnen höre ich, welche Urteile ich über mich selbst denke und vielleicht auch ausspreche. In der Fahrstuhl-Situation könnten das diese urteilenden und bewertenden Gedanken sein:

Wolfsohren innen:

„Das passiert wieder mir – Geschickte Teilnehmer und ich stehe gleich da und schaffe es nicht, sie für das Thema zu begeistern. Ich hätte mich trauen sollen, bei der Auftragsklärung zu sagen, dass es nur für Freiwillige Sinn macht. Ich passe mich immer zu sehr an… Dann muss ich es jetzt eben durchstehen. Wahrscheinlich habe ich auch gar nichts in den Unterlagen, was sie interessieren könnte. Ich kann eben nicht Menschen von der GFK überzeugen, wenn sie nicht schon Interesse mitbringen…“

Solche Gedanken habe ich nur noch ansatzweise; wenn sie mal auftauchen gelingt es mir schnell, sie auch wieder ziehen zu lassen. Nur sehr, sehr selten spreche ich Gedanken dieser Kategorie aus. Ähnlich verhält es sich mit meinen „Wolfsohren außen“; sie sind nach außen gerichtet und hören, was ich an urteilenden und bewertenden Gedanken über andere in mir habe. Mir gelingt es gut, auch solche Gedanken als eine „alte Gewohnheit meines Gehirns“ zu sehen und sie nicht auszusprechen – es sei denn, ich bin sehr verärgert und wütend und in einem ressourcenschwachen Zustand. Dann rutschen mir auch aufgrund alter Muster mal bewertende und urteilende Sätze raus und ich bin froh, wenn mich jemand (meistens Anja 😊) darauf aufmerksam macht. Die „Wolfsohren außen“ könnten etwa so klingen:

Wolfsohren außen:

„Die Deppen, wenn die wüssten, wer ich bin. Wie blöd von meinem Teilnehmer – in Anwesenheit eines Fremden sowas von sich zu geben. Der wird sich gleich im Seminarraum wundern, wenn ich die Situation als Beispiel bringe. Null Verständnis, wie wichtig eine gute Kommunikation ist. Und ihr Chef kapiert es auch nicht – wieso schickt er solche Leute zum Training? Als Personalleiter muss man doch wissen, dass man Trainings nicht nur bedarfsorientiert, sondern auch interessenorientiert zuteilt.“

„Wolfsohren außen“ haben die Eigenschaft, Ärger und Wut-Gefühle zu begünstigen und wenn man mit „Wolfsohren innen“ hört, dann neigt man dazu, Schuld und Schamgefühle zu entwickeln. Ich bemerke hier beim Schreiben nochmal, dass ich sehr froh darüber bin, mir solche Gedanken inzwischen ausdenken zu müssen – sie nicht ständig automatisch im Kopf zu haben.

Meine durch regelmäßiges Üben inzwischen herangewachsenen Giraffenohren hören in derselben Fahrstuhlsituation hingegen nicht die Worte im Gespräch – sie hören die Gefühle und Bedürfnisse der Anwesenden. Auch meine eigenen.

Giraffenohren innen

„Ich bin erschrocken, als ich mir klar wurde, dass es einer meiner Teilnehmenden sein wird. Mir ist wichtig, dass sich Menschen in Trainings für die angebotenen Inhalte interessieren und sich freiwillig dafür entscheiden können. Werden andere Teilnehmer ähnlich denken? Ich spüre eine Anspannung und auch eine Neugier – ich hätte gern die Klarheit, wie sich der Tag entwickeln wird. Und ein Bedauern ist auch da, weil ich Wert darauf lege, meine Kunden optimal zu beraten. Ich nehme mir vor, bei weiteren Auftragsklärungsgesprächen deutlicher davon abzuraten, Menschen gegen ihren Willen zu Trainings zu schicken. Ich möchte dazu beitragen, dass Personalverantwortliche Fortbildungsbudgets sinnvoll einsetzen.“

Nach dieser Selbstklärung gelingt es mir auch, die Worte und Sätze meines Teilnehmers als den „Verpackungsmüll einer Botschaft des Herzens“ an die Seite zu schieben und stattdessen zu hören, was möglicherweise in ihm lebendig ist – seine aktuellen Gefühle und Bedürfnisse.

Vielleicht möchten Sie an dieser Stelle einmal üben und sich überlegen, welche Gefühle und Bedürfnisse das bei diesem Mitarbeiter sein könnten. Meine Überlegungen finden Sie unten.

Zum „Sofort-Üben“: Welche Gefühle und Bedürfnisse entdecken Sie bei dem Mitarbeiter im Fahrstuhl? (Unsere Gedanken dazu finden Sie am Ende des Coachingbriefes.)

Wochenaufgabe: Entdecken Sie im Alltag die „Vier Reaktionsweisen im Gespräch“. Nehmen Sie sich Zeit für das Reflektieren Ihrer Wolfs- und Giraffenohren. Achten Sie einmal darauf, ob und wie sich Ihre Gespräche entwickeln, je nachdem, welche Reaktionsweise Sie gerade zeigen.

Aktuelles

Weitere Seminare
17.07.2021 Einführungsseminar Gewaltfreie Kommunikation in Jena                      2 Tage
09.10.2021 Vertiefungsseminar Gewaltfreie Kommunikation in Jena                      2 Tage
24.10.2021 Bildungsurlaub Einführung GfK auf der Nordseeinsel Spiekeroog     ausgebucht
14.11.2021 Bildungsurlaub Einführung GfK am Jadebusen bei Wilhelmshaven          5 Tage

Wir machen es: LeserInnen-Treffen an den Helfensteinen am 23. Juli 2021
Unser Coachingbrief erreicht inzwischen 2.000 aktive Leser; wir haben jetzt im 11. Jahr – letzte Woche – die 500. Ausgabe versendet. Mit Ihnen als Leserinnen und Lesern möchten wir das mit einem persönlichen Kennenlernen verbinden.

Wir denken seit längerem darüber nach, unsere Leser miteinander zu verknüpfen und jetzt ist es soweit:

Wer Gleichgesinnte und GFK-Interessierte kennenlernen möchte, kann dies mit uns an diesem magischen Ort tun. Das Gebiet der Helfensteine bei Zierenberg (20 Kilometer nord-westlich von Kassel) wurde bereits 500 v. Christus besiedelt und gilt als ein energetischer Kraftort. Historiker vermuten an dem Platz auch Reste einer keltischen Burg aus dem Hochmittelalter; etwa 12./13. Jahrhundert. Dazu noch liegt der Punkt geographisch ziemlich zentral in Deutschland; wir finden das ist ein passender Treffpunkt.

Wann: Freitag, den 23.07.2021 von 10.00 Uhr bis etwa 16.00 Uhr
(Am Freitag, weil es an den Wochenendtagen dort sehr viele Besucher gibt.)
Wo: Öffentlicher Parkplatz am Dörnberghaus, Auf dem Dörnberg 11, 34289 Zierenberg

Bitte folgendes mitbringen:
– Camping-Geschirr (je nach Eigenbedarf, um Müll zu vermeiden)
– Picknick-Decke oder Wander-Klappstuhl
– Einen „Verköstigungs-Beitrag“ – Salat, Gemüse, Obst, Brot, Kuchen, Wasser, Kaffee, Tee…
Vielleicht werden wir Vielfalt genießen, vielleicht werden wir Spaß haben bei einem
Vergleichsessen von diversen Kartoffelsalaten… („Schau‘n mer mal, dann sehn mer scho!“, sagte Fußball-Kaiser
Franz Beckenbauer in Bezug auf Dinge, die wir „ergebnisoffene Ungeplantheiten“ nennen würden.)

Das Programm

  • 10.00 Uhr – Ankommen und Orientieren am Parkplatz
  • 10.30 Uhr – 600-Meter-Spaziergang zu den Helfensteinen
  • Danach zeitlich noch offen:
  • Remembering (Ein Impuls zum „Sich-gemeinsam-erinnern“ an besonders wichtige Werte und Bedürfnisse und deren Bezug zur Gewaltfreien Kommunikation.)
  • Vertiefendes Kennenlernen untereinander
  • Empathie-Spaziergang (… lassen Sie sich überraschen.)
  • Überraschungs-Picknick von mitgebrachten Getränken und Speisen
  • Singen mit Dörthe (oder zuhören, oder auf eigene Faust die Gegend erkunden)
  • Bei allem dabei: Austausch, Gespräche, Verbindung, Lachen, Freuen…
  • Abschluss-Runde mit „Feiern & Bedauern“

Das Lesertreffen ist kostenfrei.

Bitte kurz schriftlich bei Anja Palitza anmelden, damit wir die Gruppengröße abschätzen können. anja.palitza@t-online.de

Noch ein Hinweis:

Wer am Vorabend anreisen möchte – es gibt auf dem Dörnberg zwei Möglichkeiten; bitte nehmen Sie selbst Kontakt auf:

https://www.tagungshaus-lebensbogen.de/tagungshaus/uebernachten/uebernachten.html

http://www.helfensteine.de/index.html

Ausgebucht Hohgant im Sommer erleben

Da unsere Schneeschuhtour im Februar in der Schweiz nicht umsetzbar war, doch ein Jahr ohne Hohgant-Hütte bei uns zu schlimmen Entzugserscheinungen führen würde, haben wir den August-Termin geplant. Wir freuen uns schon riesig darauf. Es war schon immer ein Wunsch von uns, das Hohgant-Massiv mal im Sommer zu besteigen. Seien Sie dabei und verbinden Sie das Lernen Gewaltfreier Kommunikation mit Wandern in grandioser Kulisse im Naturpark Berner Oberland. Vom 10.-14. August 2021

https://www.erfolgsschritte.de/seminare-trainings/m05_gewaltfrei_leben_hohgant_sommer.php

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Weiteres finden Sie auf unserer Website:
https://erfolgsschritte.de/seminare-trainings/termine.php

Es sind noch nicht alle Informationen zu den Seminaren aktualisiert; fragen Sie direkt bei uns nach, wenn Sie konkrete Fragen dazu haben.

Herausgeber:
Hartke Unternehmensentwicklung GmbH
Dunlopstraße 9, 33689 Bielefeld
Fon: 05205 / 7290525 und Fax: 05205 / 7290527
http://www.ab-ins-kloster.de
© Copyright Anja Palitza und Olaf Hartke

Meine Gedanken:

Giraffenohren außen:

„Er wirkt frustriert, ich vermute, ihm wäre nach dem Wochenende eine vollständige Urlaubswoche wichtig gewesen (Bedürfnis nach Leichtigkeit). Dazu könnte er auch genervt sein, weil er seine Zeit lieber mit Dingen verbringen möchte, die ihn auch interessieren (Bedürfnis nach Sinn). Vielleicht ist er sogar verärgert, weil er selbst entscheiden möchte, an welchen Fortbildungen er teilnimmt (Bedürfnis nach Autonomie).“

Anjas Gedanken:

Giraffenohren außen:

Als Olaf mir von der Fahrstuhlsituation berichtet vermute ich, dass der Mann sich gerade geschämt hat und es ihm unangenehm war, weil ihm respektvolles Verhalten gegenüber anderen auch wichtig ist.

Ich hatte die Idee, dass er skeptisch ist und gern vertrauen möchte, dass solche Tagesveranstaltungen auch einen Mehrwert aufweisen und sich die investierte Zeit rentiert.

Gleichzeitig spekuliere ich, dass er zu seinen Kollegen dazugehören möchte und sich nicht abheben möchte durch eine andere Meinung zu Kommunikationsseminaren.

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