581/2023 Wie sehr wir unsere Gefühle und unser Mitgefühl brauchen

Sehr geehrte Leserin, lieber Leser,

wir haben die etwas ruhigeren Tage im Jahresbeginn auch dafür genutzt, uns bei Lebkuchen und Chai-Tee einige Interview-Aufzeichnungen anzuhören. Eines hat uns besonders nachdenklich gestimmt und in Auszügen geben wir es in unserem heutigen Beispiel wieder.

Herzliche Grüße, heute von uns beiden aus Jena
Anja Palitza & Olaf Hartke

Zitat: „Wer ein Bewusstsein seiner eigenen Würde entwickelt hat, ist nicht mehr verführbar.“ (Gerald Hüther)

Beispiel: In einem Interview von Veit Lindau mit Gerald Hüther erzählte Hüther von einer Beobachtung, die er gemacht hatte und die wir sinngemäß so wiedergeben:

Vater und Sohn gehen zusammen in der Stadt einkaufen. An einer Straßenecke kniet ein Mann auf einer Pappe, die schon ziemlich schmutzig aussieht. Auch der Mann sieht mitgenommen aus und seine Kleidung ist alt und ungepflegt. Vor sich hat er seinen Hut hingestellt in dem sich ein paar Münzen befinden.

Der Junge schaut auf den alten, knieenden Mann herab und der Anblick löst Gefühle bei ihm aus. Dann blickt er seinen Vater an. Er bemerkt, dass der Vater weitergeht, ohne hinzuschauen. Ein paar Meter weiter kniet er sich zum Jungen hinunter und erklärt ihm, weshalb es bettelnde Menschen gibt und das sie ihre Situation meistens auch selbst verschuldet haben.

Information: Was uns Menschen unter anderem ausmacht, ist unsere Fähigkeit Gefühle zu entwickeln, sie bewusst wahrzunehmen und sie auch reflektieren zu können. Unsere Gefühle haben im Verständnis des Modells Gewaltfreie Kommunikation immer eine wesentliche Botschaft im Gepäck. Sie wollen uns aufwecken, zur Bedürfnisachtsamkeit bringen und sie können uns Antrieb geben, ins Handeln zu kommen.

Wenn wir unsere Gefühle bewusst wahrnehmen und auch die „Bedürfnis-Botschaft“ hinter ihnen zu entschlüsseln lernen, dann entdecken wir, was uns wichtig ist, was uns am Herzen liegt, was wir gern verändern oder erreichen möchten.

Mit dieser „Bedürfnis-Klarheit“ können wir dann deutlich passgenauer mit geeigneten Strategien für unsere Bedürfniserfüllung sorgen. „Lebensdienliche Strategien finden, statt unreflektiert zu reagieren…“, sagte Marshall Rosenberg.

Unsere Fähigkeit zu fühlen und Gefühle zu reflektieren könnte man auch eine „emotionale Intelligenz“ nennen. Damit unterscheiden wir uns auch von „Künstlicher Intelligenz“ (KI); Roboter sind trotz aller Fortschritte immer noch emotionslos.

Doch – darauf wies Gerald Hüther im Interview hin – wenn wir uns weiterhin so ausgeprägt auf unsere kognitive Intelligenz fokussieren und diese immer weiter auszubilden versuchen, werden wir den streng logisch reagierenden Automaten immer ähnlicher. Mit KI ausgestattete Maschinen sind lediglich ausführende Organe, die inzwischen auch sehr komplexe Situationen und Umstände erkennen und analysieren können und gemäß ihrer Programmierung sehr zuverlässig darauf reagieren. An „kognitive“ Leistungsfähigkeit der KI kommen wir Menschen längst nicht mehr heran.

Etwas können wir jedoch immer noch besser können, als künstliche Intelligenz es vermag: Gelenkt durch Gefühle auf Bedürfnisse aufmerksam werden und uns auch in schwierigen Situationen kreative Lösungen ausdenken.

Der Rasenmäh-Roboter fährt kreuz und quer hin und her und sobald er bemerkt, dass er hungrig wird und Nahrung braucht, bzw. sobald seine inneren Messungen aufmerksam machen, dass der Akku leer zu werden droht, nutzt er die in ihm hinterlegte logische Strategie und fährt an seine Ladestation. Ziehen wir jedoch den Stecker in der Garage, ist er mit seinen Fähigkeiten bereits am Ende. Er fährt nicht in die Garage und stöpselt ihn wieder ein – gottseidank nicht oder… noch nicht.

Zu einfaches Beispiel? Übrigens, bei Regen fährt er auch nicht, dass erkennt er. Damit er möglichst sauber bleibt und damit die geschnittenen Halme nicht verklumpt im Rasen liegen. Sprenge ich den Rasen, weil es nicht regnet und vergesse ihn abzuschalten, dann fährt er fröhlich los, macht seine Messerchen schmutzig und hinterlässt Matschklumpen im Rasen.

Da sind wir etwas besser dran. Wir überblicken auch die komplexen Situationen, auf die wir nicht explizit vorbereitet worden sind und können uns darin aufgrund unserer Gefühle und Bedürfnisse orientieren.

Wenn unser Tagesplan uns sagt, dass wir am Nachmittag den Rasen mähen wollen und die Wetter-App sagt plötzlich Regen an, dann mähen wir halt in der Mittagszeit. Wir laden vorher noch schnell – bereits bevor wir hungrig werden – unseren Akku (Magen) auf und wissen auch bereits, was wir dem Nachbarn sagen würden, sofern er an die Mittagsruhe erinnert.

Wir erkennen neben unseren körperlichen Bedürfnissen (Nahrung, Licht, Luft, Wärme…) sehr zuverlässig, was wir außerdem zu einem gesunden und ganzheitlichen Leben so brauchen, wie beispielsweise die sozialen Bedürfnisse (Verbundenheit, Entwicklung, Kreativität, Gemeinschaft, Selbstverwirklichung…).

Eine große Gefahr sieht Hüther darin, dass wir das Denken immer mehr vom Fühlen abtrennen. Der kognitiven Intelligenz wird in unserer Gesellschaft immer mehr Aufmerksamkeit gegeben und eine immer größere Bedeutsamkeit zugesprochen. Wenn wir Probleme nur noch kognitiv lösen wollen, dann funktionieren wir womöglich irgendwann nur noch; versuchen, die an uns gestellten Erwartungen zu erfüllen und haben keinerlei Idee mehr, weshalb unser Darm rebelliert oder unser Herz streikt oder wie wir mit leidenden Menschen umgehen wollen. Seine Befürchtung ist, dass wir mehr und mehr zu rational-logisch ausführenden Organen werden. Dann sind wir nicht mehr mit unserer Lebendigkeit verbunden, sondern agieren und reagieren nur noch vernunftgesteuert.

Hüther geht sogar noch ein Stück weiter und postuliert: Wenn Menschen immer mehr verlernen, sich ihre Bedürfnisse auf eine natürliche Art zu erfüllen, dann werden sie vermehrt und noch intensiver künstliche Ersatzbefriedigungen suchen. Das Ausmaß der Folgen könne man bereits heute überdeutlich sehen: Autos werden immer größer und können immer mehr – ursprünglich ging es mal um Mobilität, heute sind viele eher ein Statussymbol und dienen der Anerkennung, dem Selbstwert und dem Genuss. Häuser, die nicht mehr dem reinen Wohnen im Sinne von Schutz und Wohlbefinden dienen, sondern auch noch ein multimediales Heimkino oder ein Wellnesscenter mit Schwimmbad beherbergen. Eine bestimmte körperliche Figur, die sich an prominenten Marketing-, Film- und Glamour-Vorbildern orientiert.

Kann man bestimmte Wünsche nicht umsetzen, idealisierte Standards nicht erreichen, entwickeln immer mehr Menschen sogar einen suchterzeugenden Konsum von Alkohol und Drogen zur Abwehr der eigenen Emotionen – die eigentlich anzeigen sollen, dass gerade „etwas schief läuft“. Gerald Hüther sorgt sich vor einer Gesellschaft, in der jeder sich selbst der Nächste ist und in der ein Mitgefühl füreinander verloren geht.

Und wir stimmen dahingehend mit Gerald Hüther sehr überein – wir brauchen Menschen, die sich ihrer Gefühle und Bedürfnisse bewusst sind. Die dazu beitragen können, dass bei Kindern, die natürliche Fähigkeit zu fühlen nicht verloren geht. Menschen, die vorleben, das über das Fühlen und Mitfühlen ein Mitgefühl für andere entstehen kann.

Ein Satz des Dalai Lama fällt uns dazu abschließend noch ein: „Mitgefühl ist keine religiöse Angelegenheit, es ist eine menschliche Angelegenheit, es ist kein Luxus, es ist wesentlich für unseren eigenen Frieden und unsere mentale Stabilität, es ist wesentlich für das menschliche Überleben.“

Sofort-Üben: Welche Gefühle hatte der Junge eventuell in sich gefühlt, als er den Bettler entdeckte und welche Bedürfnisse sind womöglich dadurch ausgelöst worden? Was lernt womöglich der Sohn aufgrund der Reaktion des Vaters? Wie hätte der Vater noch reagieren können? (Unsere Gedanken dazu finden Sie am Ende des Coachingbriefes)

Wochenaufgabe: Wenn Sie in den kommenden Wochen einem Menschen sehen, der sich kniend oder sitzend am Straßenrand befindet und um Geld bittet, dann beobachten Sie einmal sich selbst in Ihren Gefühlen, den aufkommenden Gedanken und in Ihrem Verhalten. Versuchen Sie, sich mit den Gedanken und Ihrem Verhalten von dem womöglich unangenehmen Gefühl zu distanzieren? Bewerten Sie nicht Ihre Gedanken, urteilen Sie nicht über Ihr verhalten – wir möchten damit nicht moralisieren. Beobachten Sie nur. Und Sie können noch weiter forschen: Welche Bedürfnisse gehen mit Ihren Gefühlen in Resonanz?

Aktuelles

„Partnerschaft neu entdecken“ (ausgebucht)
Die Paar-Woche am Comer-See im letzten Jahr fand großes Interesse; die Paar-Auszeit auf der Hohgant-Hütte im Februar 2023 war wieder schnell ausgebucht.

Unter dem Motto „Partnerschaft neu entdecken“ können Sie in 2023 an einem besonderen Seminar teilnehmen. Wir haben die seltene Gelegenheit, den Knaubenhof im Altmühltal als Seminar-Unterkunft anzumieten. Der Knaubenhof ist für uns ein wundervoller Energie- und Kraftort mit Charme, Atmosphäre und dazu einer traumhaft leckeren vegetarischen Bio-Küche.

Ab 28. Juni 2023 – 5 Tage GfK-Auszeit für Paare im Knaubenhof im Altmühltal
Interesse? Schreiben Sie eine kurze Antwortmail und wir senden Ihnen weitere Informationen.

Mehr Willenskraft in Alltag und Beruf
In der 10-teiligen Webinar-Reihe geht es um die Energie, die manchmal nicht zur Verfügung steht, obwohl man weiß, dass ein plangerechtes Handeln jetzt ganz sinnvoll wäre. „Eigentlich wollte ich ja…“, heißt es dann oft hinterher. Starten Sie 2023 kraftvoll mit uns durch.

Start-Termin der 10-teiligen Trainings-Reihe ist Montag, der 23.01.2023.

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Seminare 2023
23.01.2023  Willenskrafttraining Online (10 Abende für 1½ Stunden, Beginn 18 Uhr)
14.02.2023  Trainer(Innen)-Ausbildung Präsenz – Modul 1
21.02.2023  Schneeschuh-Tour zur Hohgant-Hütte für Einzelteilnehmer und Paare
26.02.2023  Schneeschuh-Tour zur Hohgant-Hütte nur für Paare (Warteliste)
17.03.2023  Auszeit im Kloster für Unternehmer-Paare (1 Tag mit Vorabendanreise)
16.04.2023  Bildungsurlaub „Einführung GfK“ auf Baltrum (5 Tage
06.05.2023  Wandeltage 2023 Jahresgruppe Präsenz –(6 Module à 3 Tage))
22.05.2023  Bildungsurlaub „Einführung GfK“ in Dießen am Ammersee (5 Tage)
02.06.2023  NEU GFK-Vertiefung II – Übungsseminar mit neuen Inhalten (3 Tage)
16.06.2023  Auszeit im Kloster für Unternehmer-Paare (2 Tage mit Vorabendanreise und Film)
28.06.2023  Auszeit für Paare im Knaubenhof im Altmühltal (5 Tage)
25.08.2023  Wandeltage-Vertiefung Fortführung des Jahreskurses im Kloster Hünfeld (3 Tage)
15.09.2023  Auszeit im Kloster für Unternehmer-Paare (1 Tag mit Vorabendanreise)
26.09.2023  Gruppenentscheidungen treffen mit Systemischen Konsensieren (3 Tage)
06.10.2023  Wandeltage 2023 Jahresgruppe Online –(6 Module à 3 Tage))
15.10.2023  Ein Führungskräftetraining auf Basis GfK auf Baltrum (5 Tage)
23.10.2023  Bildungsurlaub „Einführung GfK“ auf Spiekeroog (5 Tage)
09.11.2023  Trainer(Innen)-Ausbildung Online (4 Module, 20 Tage, Trainerteam)
08.12.2023  Auszeit im Kloster für Unternehmer-Paare (2 Tage mit Vorabendanreise und Film)
10.12.2023  Bildungsurlaub „Einführung GfK“ am Jadebusen im Kunze-Hof (5 Tage)
15.12.2023  NEU GFK-Weihnachts- und Jahresabschluss-Seminar im weihnachtlichen Kunze-Hof am Jadebusen (2 Tage)

Weiteres finden Sie auf unserer Website:
https://erfolgsschritte.de/seminare-trainings/termine.php

Es sind noch nicht alle Informationen zu den Seminaren aktualisiert; fragen Sie direkt bei uns nach, wenn Sie konkrete Fragen

Sofort-Üben:
Mögliche Gefühle des Jungen, als er den Bettler entdeckte:
Erschrocken, irritiert, unsicher, unruhig, traurig, ratlos, traurig…

Bedürfnisse – auch unbewusste – dahinter könnten sein:
Klarheit, etwas verstehen wollen (Was ist mit dem Mann?)
Orientierung (Wie gehen wir jetzt damit um, dass da jemand kniet?)
Unterstützung, Fürsorge (Können wir etwas für ihn tun?)

Was lernt der Sohn vielleicht aufgrund der Reaktion des Vaters?
Gefühlen, die ein Mitgefühl auslösen, keine Bedeutung zu geben.
Es ist hilfreich, sich die Welt kognitiv erklären zu können.
Schuld an schwierigen Situationen hat man meistens selbst und dann kann man auch keine Hilfe und kein Mitgefühl von außen erwarten.

Wie hätte der Vater noch reagieren können?
Offene Frage: „Wie ging es Dir, als Du den Mann dort gesehen hast?“
Geschlossene Frage: „Warst Du erschrocken (irritiert/unsicher…), als Du den knieenden Mann dort gesehen hast?“
Im Weiteren: „Und neben Deinem Gefühl von XY, gibt es da noch etwas, was Dich beschäftigt?“
„Wenn Du an den Mann denkst, was ist Dir dann jetzt wichtig, was möchtest Du?“

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