403/2019 Trainerdialog unter dem Apfelbaum

Liebe Leserinnen und liebe Leser,

in unserer letzten Ferienwoche sind wir nicht verreist, sondern haben uns zurückgezogen in Anjas Gartenhaus auf einem bewaldeten Hügel in der Nähe von Jena.

Das Häuschen wird sehr selten genutzt; Mutter Natur hat den Garten in den letzten Jahren gefüllt mit allem, was unsere mitteleuropäische Heimatregion so zu bieten hat.

Erklärter Zeck dieser Urlaubswoche war es, die Fülle zu sichten, überwachsene Strukturen wiederzuentdecken, einen „Schlachtplan gegen die grüne Übermacht“ zu entwickeln und erste entscheidende Maßnahmen zu ergreifen, alle Bereiche des Grundstücks wieder ohne Bücken und Klettern erreichen zu können.

Am Sonntag, dem inzwischen siebten Tag der Aktion, entspann sich während einer Kaffeepause unter den ausladenden und schattenspendenden Zweigen eines uralten Apfelbaumes der nachfolgende Dialog.

Herzliche Grüße, heute von uns beiden aus dem verwunschenen Garten bei Jena

Anja Palitza & Olaf Hartke

Thema: Trainerdialog unter dem Apfelbaum

Zitat: „Die Kunst des Ausruhens ist ein Teil der Kunst des Arbeitens.“ (John Ernst Steinbeck)

Beispiel: Kaffeepause am siebten Tag der Gartenwoche. Die Sonne scheint kräftig herab auf den friedlich am Hang liegenden Garten mit dem weiten Ausblick über die Täler und Höhen südlich von Jena. Schokoladenkuchen, Kaffee und Tee sind verzehrt und ich (Olaf) sitze mit Anja mit einer bei mir nur wenig Aktivitäten fördernden Kombination der Körperempfindungen „Völlegefühl im Magen“ und „Erschöpfung aller mir bekannten und bis dato unbekannten Muskeln in allen Körperbereichen“ in bequemen Gartenstühlen unter dem Apfelbaum. Durch die inzwischen freigeschnittenen Bereiche genieße ich den Blick über das große Grundstück in die Ferne der dahinterliegenden Landschaft, ich lausche den Vogelstimmen und erfreue mich am majestätisch seine Kreise ziehenden Bussard. Die Zeit scheint für mich stillzustehen und es könnte noch Stunden so weitergehen…

Tut es aber nicht. Die Unterbrechung des wohlig, dämmrigen Zustandes bahnt sich über eine mir ansonsten sehr liebgewordene Stimme über meine Gehörgänge den Weg ins Gehirn und löst dort sehr direkt einen Alarmzustand aus. Die Stimmte formt die Worte:

(Anja:) „So, es ist Zeit.“

Neben dem instinktiven Alarmzustand in meinem Reptilienhirn, das gerade den Totstell-Reflex hervorruft, indem es meinen Körper veranlasst, durch absolute Unbeweglichkeit und Starrheit  bei Anja ein Desinteresse an meiner Person hervorzurufen, arbeitet unter lautem innerem Ächzen und Stöhnen der unter diesen Umständen nur kleine unmittelbar reaktivierbare Teil meines Großhirns und es denkt in mir: ‚Sie sagt, dass es Zeit sei. Was meint sie?“

Der sich mühsam aufrappelnde kleine Großhirnteil weckt mit diesem – im Vergleich zum vorherigen fast gedankenlosen Dämmerzustand – nun eher lauten Gedankengetöse den wissenschaftlich noch nicht belegbaren Unterbereich des GFK-Trainer-Gehirns in meinem Großhirn. Und der leistet in Anbetracht des gegenwärtigen ganzkörperlichen Halbschlaf-Modus schon Großartiges:

‚Die allein für sich stehende Aussage: ‚So, es ist Zeit.‘, kann man nach dem Modell Gewaltfreier Kommunikation erstmal einteilen in die beiden Grundbereiche menschlicher Motivation den Mund aufzumachen und etwas zu sagen. Entweder Danke für etwas oder Bitte um etwas.

Wofür Anja mit den Worten „So, es ist Zeit.“, danken könnte, erschließt sich meinem müden Großhirn nicht unmittelbar. Die Zuordnung des kurzen Satzes in die Rubrik des zweiten Grundes etwas zu sagen, taucht hingegen sehr schnell, laut und gefährlich auf. Man kann diesen Aussagesatz hören als Bitte um etwas. Diese Interpretation würde auch passen zu meiner aktuellen Annahme über Anjas derzeitiger Realitätskonstruktion, die in meiner Vorstellung und gleichzeitig in vier Schritten formuliert lautet: Wir haben nun eine Pause gemacht, die nach meinem (Anjas) Eindruck und  meiner (Anjas) Überzeugung lang genug war, um uns nach der getanen Arbeit wieder genügend erholt zu haben, um weiterzumachen (Anjas mögliche Beobachtung). Ich bin unruhig (Anjas mögliches Gefühl) und ich würde gern  noch mehr erreichen (Anjas mögliches Bedürfnis). Bist Du bereit, mit mir weiterzumachen? (Anjas mögliche Handlungsbitte).“

Ja, das könnte der hinter der Aussage „So, es ist Zeit.“ stehende Selbstausdruck in vier Schritten sein. Eine Gedankenspirale in meinem erwachenden Großhirn beschäftigt sich kurz mit der Frage, ob denn der Ausdruck „weitermachen“ in der hypothetischen Handlungsbitte für mich konkret genug wäre, um darin eine klare Handlungsoption zu sehen. Ich erwäge, eine Verständnisbitte zu äußern, die mit Vorankündigung und implizierter Erlaubniseinholung, sowie der Annahme der stillschweigenden Duldung ohne Abwartens einer expliziten Antwort in den vollen vier Schritten so lauten könnte:

Bevor ich darauf in irgendeiner Weise antworte, möchte ich eine Verständnisbitte an Dich richten und ich gehe davon aus, dass das für Dich OK ist – (kurzer Moment des Abwartens und Blick in das Gesicht der besten Partnerin von allen, um zu prüfen, ob sich darin nicht doch ein Widerspruch ankündigt.) … Wenn ich Dich sagen höre: „So, es ist Zeit.“ (Beobachtung 1), dann bin ich irritiert (Gefühl 1) und brauche noch mehr Klarheit über Deine Beweggründe hinter dieser Aussage (Bedürfnis);  und ich habe auch ein gewisses Verständnis von Deiner Aussage, welches jedoch in großen Teilen auf meiner persönlichen Interpretation beruht (Beobachtung 2), daher bin ich unsicher (Gefühl 2) und brauche auch hier Klarheit, ob meine Annahme Deine Beweggründe realitätsnah wiederspiegelt (nochmal ähnliches Bedürfnis) und meine Bitte ist, mir zu bestätigen, ob Du mit dem Satz „So, es ist Zeit.“ zum Ausdruck bringen wolltest, dass Du gern mit mir dort weitermachen möchtest, wo wir vor der Kaffeepause aufgehört haben – beim Zerkleinern der abgestorbenen Äste aus der alten Eiche mit der Kettensäge. Ist das so?“

Kurz geht mir in einer weiteren Gedankenschleife die Möglichkeit durch den Kopf, dass ich den letzten Teil meiner Verständnisbitte noch nicht intensiv genug durchdacht und nicht adäquat formuliert haben könnte, denn er böte auch die Möglichkeit dieser Antwort: „Wir haben eine alte Eiche mit Kettensäge?“ Ich verwerfe diese Schleife schnell, denn ein anderer Gedanke taucht gefährlich laut auf: „Was mache ich, wenn sie einfach, schlicht und leise mit „Ja, das meinte ich.“ antwortet?“

Theoretisch ist die Antwort darauf einfach: Ah, danke für die Klarheit, die ich nun habe. Dann lautet meine Antwort, auf Deine Aussage, dass es Zeit sei, dass ich mich nach kurzer Überprüfung meiner körperlichen Ressourcen noch nicht als bereit für ein Weitermachen erlebe.

Praktisch zöge das vielleicht ein Gespräch nach sich, welches das Thema nach einer angemessenen Rekonvaleszenz nach völliger körperlicher Verausgabung vertiefen würde.

Alle gedanklichen Bemühungen Wege zu finden, mein laut nach weiterer Erholung mahnendes Ruhebedürfnis zur weiteren Erfüllung zu bringen, münden nicht in das Ergebnis einer äußeren Kommunikation nach dem Satz „So, es ist Zeit.“

Das beobachtbare Ergebnis dieser unsichtbaren inneren Vorgänge: Ich sitze schweigend da, antworte nicht und bewege mich nicht.

Weil Trainer für Gewaltfreie Kommunikation im Privatleben aber auch (nur?) Menschen sind, nimmt der äußere Dialog diesen Fortgang und ich erspare Ihnen als Leser die begleitenden stillen Dialoge meiner inneren Anteile:

Anja: „Hast Du gehört?“

Ich: „Was denn?“

Anja: „Ich finde, wir könnten weitermachen. Aufi.“

Ich: „Interessiert Dich, was ich finde“?

Anja, mit einem Lächeln: „Das kommt darauf an, WAS Du findest.“

Ich: „Ich finde, ich kann hier noch sitzenbleiben und ausruhen. Das klappt gerade total super und ich bin im völligen Einklang mit mir und meinen Bedürfnissen.“

Anja: „Wenn es Dir um Bedürfniserfüllung geht, dann kannst Du jetzt in wunderbarer Weise dazu beitragen, mein Leben zu bereichern, indem Du die letzten Äste kleinsägst und auf den Holzstapel packst, willst Du das für mich tun?“

Ich: „Wenn es Dein Wunsch ist, dass ich Dein Leben bereichere, dann erfülle ich Dir dieses Bedürfnis total gern. Mein alternativer Strategievorschlag lautet: Ich bereichere Dein Leben dadurch, dass ich hier sitzen bleibe und Dir den fortgesetzten Anblick eines Menschen biete, der völlig in sich ruht und mit sich und dem Leben im Einklang ist. Mich anzuschauen und still zu bewundern könnte für Dich Genuss und Inspiration gleichermaßen sein. Was für eine Bereicherung…“

Anja: „Ich will aber lieber was mit Dir machen, statt nur dazusitzen.“

Ich: „Wir machen doch was. Wir lernen. Wir beobachten in Stille und Demut dieses kleine und idyllische Biotop hier bei seinem weiteren Wachstums- und Entwicklungsprozess. Lernen am Vorbild von Mutter Natur.“

Anja, schmunzelnd: „Du willst lernen, Dich noch langsamer weiterzuentwickeln?

Ich, mit immer noch schläfrigem Großhirn: „Moment mal…, wie meinst Du das?“

Anja: „Scherz. Ja, lass uns am Vorbild von Mutter Natur lernen. Wir sägen kein Holz, sondern wir gehen rüber zu den Holunderbäumen und lernen dort anhand der Lianen, die dort alles überwuchern, wie man sich trotz seiner Kleinheit aufschwingt, mit anderen zusammentut und sich fest verbindet. Wir erforschen, wie man als Individuum in der Gruppe durch die Unterstützung der anderen über sich selbst hinauswächst und wie man gemeinsam Großes erreichen kann. Super Idee, Olaf. Komm, es geht schon los…“

Ich denke noch an das obige Zitat von der Kunst des Ausruhens, doch bevor ich es für Anja wiedergeben kann steht sie auf, ergreift meine Hand und zieht an mir. Kurz geht mir auch noch das Argument des „7. Tages, an dem man doch ruhen soll“ durch den Kopf, doch Anjas Tatendrang und ihre Begeisterung stecken mich wie so oft an und ich lasse mich aus der gemütlichen Position hoch- und in ein nächstes kleines Gartenabenteuer hineinziehen. Auf in den Dschungel im Holunderhain…

Aktuelles:

Die ersten Anmeldungen für unsere „Wandeltage 2020“ sind eingegangen.
Hier die Information für weitere Interessenten:
https://www.erfolgsschritte.de/seminare-trainings/m10_jahresausbildung_gfk.php

Und aufgrund der großen Nachfrage:
Gratis-Webinar zum Thema „Systemisch Konsensieren“
Wie können in Gruppen tragfähige Entscheidungen getroffen werden, die mit einer möglichst hohen Akzeptanz aller Beteiligten einhergehen?

Mittwoch, 13.08.2019 um 19.00 Uhr
Montag, 09.09.2019 um 19.00 Uhr
Zur kostenlosen Anmeldung: https://www.edudip.com/w/312740

Termine im Jahr 2019

http://www.ab-ins-kloster.de

21.09.2019 Einführungsseminar Gewaltfreie Kommunikation in Jena – 2 Tage (ausgebucht, Warteliste)

06.10.2019 Bildungsurlaub auf der Nordseeinsel Baltrum (ausgebucht, Warteliste)

13.- 19.10.2019 Familienfreizeit im Schiefergebirge in Lehesten – 7 Tage
https://www.erfolgsschritte.de/pdf/gfk_familienfreizeit_schieferpark_2019.pdf

15.11.2019 Workshop Wut und Würde in Naumburg
https://www.erfolgsschritte.de/seminare-trainings/m03_wut_wuerde_gfk.php

16.11.2019 Vertiefungsseminar Gewaltfreie Kommunikation in Jena – 2 Tage
29.11.2019 Vertiefungsseminar Gewaltfreie Kommunikation in Berlin – 2 ½ Tage

Und weil die Nachfrage für unser Einführungs- und Vertiefungsseminar in Jena so groß ist haben wir für 2020 schon neue Termine:

08.02.2020 Einführungsseminar Gewaltfreie Kommunikation in Jena – 2 Tage
09.05.2020 Vertiefungsseminar  Gewaltfreie Kommunikation in Jena – 2 Tage

Was sagen Sie zu unserem Coachingbrief?
Wir freuen uns, wenn Ihnen dieser Coachingbrief gefällt und Sie ihn an Interessierte weiterleiten. Sie können sich hier für den direkten Empfang per Mail eintragen:
http://www.coaching-briefe.com

Herausgeber:
Hartke Unternehmensentwicklung GmbH
Dunlopstraße 9, 33689 Bielefeld
Fon: 05205 / 7290525 und Fax: 05205 / 7290527
http://www.ab-ins-kloster.de
© Copyright Anja Palitza und Olaf Hartke

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