402/2019 Beleidigt sein – ein Thema auch im StGB

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

wir sind begeistert von einer Rückmeldung einer Leserin zu unserem letzten Coachingbrief.
https://gewaltfrei.blog/2019/07/29/401-2019-gekrankt-sein-ein-zwitter-gefuhl/

Diese wollen wir Ihnen nicht vorenthalten.

Herzliche Grüße, heute von uns beiden aus dem Gartenhaus in Stadtroda bei Jena,

Anja Palitza & Olaf Hartke

 

Thema: Beleidigt sein – ein Thema auch im StGB

Zitat: Aber der wahrhaft große Geist, der sich selbst richtig schätzt, rächt Beleidigungen nicht, weil er sich nicht beleidigt fühlt. (Lucius Annaeus Seneca)

Oder: „Was stört es die deutsche Eiche, wenn eine Sau sich an ihr schabt.“
(Herkunft unbekannt, oft gehört von meinem (Olaf) Großvater, wenn ich mir die Aussagen anderer in seinen Augen zu selbstkritisch zu Herzen genommen habe.)

Fiktives Beispiel: Teamleiter während einer Teamberatung zum Mitarbeiter: „Sie sind so unprofessionell. Wann denken sie denn endlich mal mit…“

Information: Eine Coachingbriefleserin schrieb uns folgendes:

„Liebe Anja, lieber Olaf,

mir geht gerade durch den Kopf, dass „beleidigt sein“ gewissermaßen als Zwitter-Gefühl im Gesetz  verankert ist: Im StGB gibt es ja den Tatbestand der Beleidigung (§ 185); d.h. wenn sich jemand mir gegenüber auf eine bestimmte Weise verhält, dann wird davon ausgegangen, dass ich beleidigt wurde und mich auch beleidigt fühle – letzteres kann ich dadurch zum Ausdruck bringen, dass ich Strafantrag stelle (ohne den die Beleidigung nicht von Amts wegen verfolgt wird).

Interessanterweise ist nirgends definiert, was genau eine Beleidigung ist, außer, dass es immer eine Äußerung oder ein Verhalten mit „ehrverletzendem“ bzw. ehrenrührigem Charakter ist. Ansonsten kommt es aber immer auf den Kontext, die Umstände des Einzelfalles etc. an.

Das heißt: Es gibt zwar etwas, das die Juristen den „objektiven Tatbestand“ nennen – aber letztlich wird die Beleidigung erst dadurch zur Straftat, dass sich auch jemand beleidigt fühlt.

Ich merke, dass ich das gerade spannend finde… obwohl ich noch gar nicht so genau weiß, warum bzw. was daran mich so packt. (Außer der Erinnerung, dass ich Rechtsphilosophie und Rechtssoziologie im Studium immer schon spannend fand…)

Vielleicht ist es der Punkt, dass es oft auch von mir abhängt, was mit mir geschieht; dass vieles nicht automatisch so und so ist (und mir zustößt oder jemand es mir antut), sondern erst durch meine Interpretation, meine Sichtweise zu etwas wird – oder eben nicht.

Also wenn ich meine „Ehre“, meine Persönlichkeit in meinem innersten Kern hüte und für grundsätzlich „unantastbar“ erachte – dann wird es vermutlich seltener vorkommen, dass ich mich beleidigt fühle, auch wenn jemand sich mir gegenüber potentiell beleidigend äußert – wenn ich das nicht als Beleidigung annehme, dann ist es keine.

Umgekehrt kommt mir gerade der Gedanke, dass ich mit meinen Äußerungen möglicherweise an manchen Stellen auch achtsamer sein möchte: Dass ich etwas nur scherzhaft oder neckend meine, heißt ja nicht, dass es beim Gegenüber auch so ankommt… möglicherweise fühlt sich jemand von mir beleidigt, den ich überhaupt nicht beleidigen wollte. Gerade wenn noch völlig andere kulturelle Prägungen eine Rolle spielen…

(Der Straftatbestand der Beleidigung + kulturelle und soziologische Aspekte + GfK = hey, das wäre doch ein interessantes Thema für eine Doktorarbeit… ;-))

Ich arbeite seit vielen Jahren im Beschwerdemanagement, seit viereinhalb Jahren im Bereich ÖPNV – da wird wahnsinnig viel beleidigt und sich beleidigt gefühlt…   ich bin gespannt, wie ich diese Gedanken in meiner Arbeit fortführen kann.

Vielen Dank euch für die Anregung; ich mag es, wenn ich Anstöße bekomme, die mich dazu bringen, meine Beobachtungen / Bewertungen (und auch mein Tun) zu hinterfragen. Das bestärkt mich in meinem Bedürfnis nach Achtsamkeit. Danke!“

Zum „Sofort-Üben“: Welche möglichen Gefühle und Bedürfnisse verbergen sich hinter dem Satz des Teamleiters aus unserem fiktiven Beispiel. (Unsere Gedanken dazu finden Sie am Ende unseres Coachingbriefes.)

Wochenaufgabe: Jede Aussage eines anderen Menschen ist nur die sprachliche Verpackung von aktuellen Gefühlen und Bedürfnissen. Wenn Sie meinen, dass das, was Sie da gerade hören, eine Beleidigung ist, so halten Sie als erstes einen Atemzug inne und vergegenwärtigen Sie sich Ihrer eigenen Gefühle und Bedürfnisse. Im nächsten Atemzug übersetzen Sie den gehörten Satz in mögliche Gefühle und Bedürfnisse des anderen. Erst im dritten Atemzug reagieren Sie oder kündigen eine Gesprächsauszeit an und überlegen sich eine Strategie, wie Sie darauf reagieren wollen. Probieren Sie es aus. Wir sind uns bewusst, dass es eine der größten Herausforderungen im Dialog darstellt, unter dem Einfluss von Ärger oder auch dem Gefühl des „beleidigt-seins“, die Gefühle und Bedürfnisse des Gegenübers zu vermuten. Doch wenn das gelingt, dann reagieren wir nicht auf das, was andere sagen oder tun, sondern auf die Bedeutung, die wir der Äußerung geben.

Aktuelles:

Die Planung unserer Jahresausbildung in 2020 steht fast vollständig und wir möchten unseren Interessenten schon mal die gedankliche Beschäftigung damit ermöglichen:
https://www.erfolgsschritte.de/seminare-trainings/m10_jahresausbildung_gfk.php

Termine im Jahr 2019

http://www.ab-ins-kloster.de

Aufgrund der großen Nachfrage:

Webinar zum Thema „Systemisch Konsensieren“
Wie können in Gruppen tragfähige Entscheidungen getroffen werden, die mit einer möglichst hohen Akzeptanz aller Beteiligten einhergehen?

Dienstag, 13.08.2019 um 19.00 Uh
Montag, 09.09.2019 um 19.00 Uh
Zur Anmeldung: https://www.edudip.com/w/312740

Seminare

21.09.2019 Einführungsseminar Gewaltfreie Kommunikation in Jena – 2 Tage (ausgebucht, Warteliste)

06.10.2019 Bildungsurlaub auf der Nordseeinsel Baltrum (ausgebucht, Warteliste)

13.- 19.10.2019 Familienfreizeit im Schiefergebirge in Lehesten – 7 Tage (Infos sh. Anlage)

15.11.2019 Workshop Wut und Würde in Naumburg
https://www.erfolgsschritte.de/seminare-trainings/m03_wut_wuerde_gfk.php

16.11.2019 Vertiefungsseminar Gewaltfreie Kommunikation in Jena – 2 Tage

29.11.2019 Vertiefungsseminar Gewaltfreie Kommunikation in Berlin – 2 ½ Tage

Was sagen Sie zu unserem Coachingbrief?
Wir freuen uns, wenn Ihnen dieser Coachingbrief gefällt und Sie ihn an Interessierte weiterleiten. Neue Leserinnen und Leser können sich hier in den Verteiler für den direkten Mailversand eintragen:
http://www.coaching-briefe.com

Herausgeber:
Hartke Unternehmensentwicklung GmbH
Dunlopstraße 9, 33689 Bielefeld
Fon: 05205 / 7290525 und Fax: 05205 / 7290527
http://www.ab-ins-kloster.de

© Copyright Anja Palitza und Olaf Hartke

Unsere Gedanken zum Sofort-Üben: Teamleiter während einer Teamberatung zum Mitarbeiter: „Sie sind so unprofessionell. Wann denken sie denn endlich mal mit…“

Mögliche Gefühle und Bedürfnisse des Teamleiters: Frustriert und genervt, weil ihm professionelles Arbeiten mit vorausschauendem Denken wichtig ist. Weitergehend könnte man vermuten, dass es ihm um effizientes Arbeiten im Team und um Leichtigkeit für alle Teammitglieder geht.

Mögliche Gefühle und Bedürfnisse des Mitarbeiters: Gekränkt, verletzt, enttäuscht, weil nicht gesehen wird, dass er/sie sich nach bestem Wissen eingebracht hat. Auch ihm/ihr geht es darum, einen Beitrag zum Teamergebnis zu leisten.

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