400/2019 Die Gemeinschaft der Guzzisti

Sehr geehrte Leserin, sehr geehrte Leser,

die 400. Ausgabe ist für uns wieder eine Jubiläums-Ausgabe, denn lediglich alle zwei Jahre können wir ja einen weiteren „vollen Hunderter“ feiern. Doch mehr als die runde Zahl beschäftigt mich (Olaf) heute ein anderes Thema.

Ich bin gerade von einem 3-tägigen Motorrad-Treffen in der Pfalz zurückgekehrt. Zu dritt sind wir heute früh gestartet, nachdem wir im Pfälzer Wald langjährige Freunde und Bekannte aus halb Europa verabschiedet haben und die letzte Etappe der Rückreise nach Bielefeld habe ich allein zurückgelegt – die beiden Freunde wohnen im Sauerland.

Und ich stelle fest, dass ich einerseits erfüllt und beglückt, doch auch etwas wehmütig nach Hause fahre. Mehr dazu im Folgenden.

Herzliche Grüße, heute von Rügen und aus Bielefeld

Anja Palitza & Olaf Hartke

PS: Anja ist bereits im Urlaub und ich bemerke gerade beim Selbst-Korrekturlesen, dass beim Schreiben ohne ihren sinnorientierenden Einfluss – und ich formuliere das einmal bewusst wertend – dieser Coachingbrief zu einer Ausgabe der Abteilung „Schwärmerei eines noch unter Glückshormon-Einfluss stehenden Gelegenheits-Motorradfahrers“ geworden ist.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie bei der Lektüre trotzdem Erkenntnisse für sich entdecken. Falls nicht, kann ich heute nur auf frühere Ausgaben hier im Blog verweisen.

 

Thema: Die Gemeinschaft der Guzzisti

Zitat: „Das allein Seligmachende ist ein V-Zweizylindermotor mit möglichst viel Hubraum und möglichst einfacher Technik – eben ein Guzzi-Triebwerk.“ (Peter Horvath, legendärer Wiener Guzzi-Tuner)

Beispiel: Den Freunden italienischer Motorräder sagt man einen gewissen Hang zur Gruppenbildung nach. Leidensgenossen seien die „Italo-Fahrer“, meinen die deutschen Kritiker der Hersteller von zweirädriger Unvernunft aus dem Land südlich der Alpen.

Aprilia, Benelli, Ducati, Morini und Moto Guzzi sind einige der bekanntesten Marken. Die wohlklingenden Namen tragen sie seit jeher, doch die technischen Qualitäten der zumeist roten Schönheiten aus Bella Italia waren zumindest vor der Jahrtausendwende innerhalb der Fahrer-Zunft sehr umstritten.

Gemeinsames Leid verbindet Menschen, das gilt inzwischen als bewiesen, doch ich denke, es muss mehr dran sein, am Hang zur Gruppenbildung. Denn so viel Leid erleben wir – in diesem Fall die stolzen Fahrer der klassischen Renner aus Mandello del Lario am Comer See (Moto Guzzi) gar nicht – eher große Freude. Was hält uns also so intensiv zusammen?

Information: Das der Mensch ein soziales Wesen ist und das bestimmte menschliche Bedürfnisse besser – manche sogar ausschließlich – im Rahmen einer Gruppenzugehörigkeit zur Erfüllung kommen, das wusste bereits der Individualpsychologe Alfred Adler in den Zwanzigerjahren des letzten Jahrhunderts. Nach individualpsychologischem Verständnis strebt jeder Mensch nach einer Zugehörigkeit zu einer Gruppe oder einer Gemeinschaft, in der „soziale Bedürfnisse“ wie z.B. eben Zugehörigkeit und Gemeinschaft erfüllt werden.

Nach den Grundlagen der Sozialpsychologie sind Menschen allein schon dadurch gruppenzugehörig, wenn sie selbst sich als der Gruppe zugehörig erleben und gleichzeitig von der Gruppe diese Zugehörigkeit nicht explizit abgesprochen wird.

Drei weitere Merkmale von Gruppen (neben der oben genannten Grundvoraussetzung, dass mindestens drei Menschen sich zusammenfinden und sich als Gruppe erleben müssen) sind die gemeinsame Interaktion, eine gewisse Homogenität und eine formgebende Struktur.

Die Interaktion der Gruppenmitglieder ist nach dem Modell Gewaltfreier Kommunikation die Strategie-Ebene, auf der das Gruppenleben stattfindet und die Bedürfnisse der Beteiligten optimalerweise intensiv und breitgefächert Erfüllung finden. Jede Gruppe benötigt Raum und Zeit für gemeinsame Aktivitäten und Kommunikation.

Die Homogenitäts-Elemente einer Gruppe (z.B. gleiche Interessen, gemeinsame Werthaltungen oder bestimmte ästhetische Vorlieben) verbinden die Gruppenmitglieder untereinander und sorgen gleichzeitig auch für die Unterschiedsbildung gegenüber den Menschen, die nicht zur Gruppe gehören.

Im Regelfall übernehmen einzelne Gruppenmitglieder gruppentypische Rollen und sorgen damit auch für eine begleitende Struktur innerhalb der Gruppe und auch im Auftreten der Gruppe in der Öffentlichkeit, bzw. in der Interaktion der Gruppe mit anderen. Zur Struktur gehören beispielsweise die Art, wie Entscheidungen getroffen werden, wie gemeinsame Regeln vereinbart werden und wie mit Regelverletzungen umgegangen wird.

Soviel zur Theorie darüber, was Gruppen eigentlich ausmacht. Und nun zurück zu meiner Frage am Beginn: Was hält die Guzzi-Gemeinde denn nun zusammen? Und darüber hinaus auch noch zu der Frage, weshalb ich neben Glück und Erfüllung nach dem Wochenende auch eine gewisse Wehmut verspüre.

Mit ersterem spanne ich Sie noch ein wenig auf die Folter; vorher möchte ich mitteilen, was ich oft vermisse und was die wehmütige (Teil-)Stimmung verursacht:

In den drei Tagen des Guzzi-Treffens konnte ich wieder erleben, was ich sehr gern auch öfter im beruflichen Kontext erleben würde. Das Menschen sich einer gewissen übergeordneten Idee innerlich wirklich verbunden fühlen und sich kreativ und pragmatisch dafür einsetzen, dass diese Idee – je nach Art der Idee – im realen Leben entweder Schritt für Schritt Gestalt annimmt oder immer wieder neu entsteht. Und dabei ist mir besonders wichtig: Nicht die Zielerreichung ist das Entscheidende, sondern die Qualität des Miteinanders der Beteiligten untereinander, ihre Art des Umgangs miteinander.

Ich wünsche mir für Menschen Arbeitsbedingungen, die diese Kriterien erfüllen, bzw. die folgenden Aspekte bestmöglich berücksichtigen:

  • Wertschätzender und respektvoller Umgang,
  • Akzeptanz der unterschiedlichen Charaktere,
  • Beteiligung an einer sinnvollen Aufgabe,
  • Freude an der Arbeit und Leichtigkeit am Tun,
  • freiwillige Unterstützung durch andere,
  • Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit bei Mitteilungen,
  • Spaß und Humor im Miteinander und
  • gegenseitige Rücksichtnahme.

Jetzt könnte ich darüber weiterschreiben, was denn diese „frommen Wünsche“ konkret ausmacht; welche Strategien erforderlich sind, damit Menschen sich unter solchen Arbeitsbedingungen wohlfühlen und ihr Potenzial entfalten können. Vielleicht in einem anderen Coaching-Brief.

Zum „Sofort-Üben“: Ja was macht denn nun meines Erachtens die Guzzi-Gemeinschaft zu etwas so Besonderem und hält sie seit Jahrzehnten zusammen? Denken Sie einen Moment darüber nach, was es sein könnte. Meine Gedanken dazu finden Sie am Ende des Coachingbriefes.

Wochenaufgabe: Denken Sie einmal kurz nach: In welcher Gruppe von Menschen fühlen Sie sich so richtig wohl? Finden Sie die obigen Grundätze in dieser Menschengruppe wieder? Gibt es etwas, dass Sie beitragen können, damit es in der jeweiligen Gruppe entsteht oder bestehen bleibt?

Aktuelles: Die Planung unserer Jahresausbildung in 2020 steht fast vollständig und wir möchten unseren Interessenten schon mal die gedankliche Beschäftigung damit ermöglichen:
https://www.erfolgsschritte.de/seminare-trainings/m10_jahresausbildung_gfk.php

Termine im Jahr 2019

http://www.ab-ins-kloster.de

21.09.2019 Einführungsseminar Gewaltfreie Kommunikation in Jena – 2 Tage (ausgebucht, Warteliste)

06.10.2019 Bildungsurlaub auf der Nordseeinsel Baltrum (ausgebucht, Warteliste)

13.- 19.10.2019 Familienfreizeit im Schiefergebirge in Lehesten – 7 Tage

15.11.2019 Workshop Wut und Würde in Naumburg
https://www.erfolgsschritte.de/seminare-trainings/m03_wut_wuerde_gfk.php

16.11.2019 Vertiefungsseminar Gewaltfreie Kommunikation in Jena – 2 Tage
29.11.2019 Vertiefungsseminar Gewaltfreie Kommunikation in Berlin – 2 ½ Tage

Was sagen Sie zu unserem Coachingbrief?
Wir freuen uns, wenn Ihnen dieser Coachingbrief gefällt und Sie ihn an Interessierte weiterleiten. Neue Leserinnen und Leser können sich hier in den Verteiler für den direkten Mailversand eintragen:
http://www.coaching-briefe.com

Herausgeber:
Hartke Unternehmensentwicklung GmbH
Dunlopstraße 9, 33689 Bielefeld
Fon: 05205 / 7290525 und Fax: 05205 / 7290527
http://www.ab-ins-kloster.de
© Copyright Anja Palitza und Olaf Hartke

Unsere Gedanken zum Sofort-Üben:

Vorab sei noch bemerkt: Es gibt selbstverständlich auch weitere Motorradmarken- und Motorradmodell-Clubs, für die das unten aufgeführte gilt. Ich kenne jedoch keine andere Marke, auf die diese Art von Community-Bildung so sehr zutrifft, wie auf Moto-Guzzi.

Diese und wahrscheinlich noch weitere Strategien tragen zu einer Erfüllung vieler Bedürfnisse bei und sorgen damit zur über Jahrzehnte währenden Gemeinschaft der Guzzi-Fahrer:

Nach den oben genannten Aspekten zur Gruppen-Bildung:

Gemeinsame Interaktionen

(Erfüllen die Bedürfnisse nach Gemeinschaft, Zugehörigkeit, Austausch, Freude, Feiern, Genuss, Miteinander, Abwechslung, Sicherheit, Anerkennung, Wertschätzung, Inspiration, Lernen, Kreativität u.a.)

  • Jährliche Feier im Werk am Comer See „Guzzi Open House“ (der ganze Ort Mandello del Lario feiert mit, „The Clan“);
  • Kleine und große Club-Treffen (regional, bundesweit, weltweit);
  • über 40 regelmäßige Guzzi-Stammtisch-Treffen allein im deutschsprachigen Raum;
  • Gemeinsame Ausfahrten an Wochenenden;
  • verschiedene Modell-Foren im Internet zum modellspezifischen Austausch.

Gewisse Homogenität

(Erfüllt Bedürfnisse nach Sicherheit, Fokussierung, Verständnis, Geborgenheit, Respekt, Vertrauen…)

  • Gleiches Hobby und für viele eine wahre Leidenschaft;
  • gleiche Altersstufe (grob geschätzt etwa zwei Drittel Guzzi-Fahrer sind zwischen 50 und 70 Jahre alt);
  • dadurch ähnliche Gesprächsthemen neben dem gemeinsamen Hobby;
  • Austausch über die gleiche Technik;
  • Hilfe bei der Reparatur;
  • Weitergabe von Teilen, Unterstützung bei der Anfertigung von Sonderteilen.

Formgebende Struktur

(Erfüllt Bedürfnisse nach Verlässlichkeit, Klarheit, Orientierung…)

  • Regionale Clubs organisieren Treffen, Feste und Ausfahrten;
  • Gruppenmitgliedern treffen gleichberechtigt Absprachen;
  • Treffen, Stammtische, Internet-Foren und WhatsApp-Gruppen unterstützen auf Strategieebene die Struktur-Wahrung

Für mich am meisten ausschlaggebend, dass ich mich unter Guzzi-Fahrern als zugehörig erlebe, sind die immer wieder erlebte Hilfsbereitschaft und Unterstützung im Bedarfsfall, sowie die überall anzutreffende Akzeptanz der individuellen Persönlichkeit unabhängig vom sozialen Stand.

Und natürlich die gemeinsame Liebe zu den sehr speziellen Motorrädern mit dem unverwechselbaren Klang.
„It´s music for my ears.“, sagte ein Teilnehmer aus England am Wochenende im Gespräch zu mir. Musik für seine Ohren…

Und wer das Guzzi-typische Wummern und Grollen nicht kennt, aber mal einen Eindruck bekommen möchte… so muss das aussehen und klingen: https://www.youtube.com/watch?v=3tjum8xSKTs

So – nun aber genug der Schwärmerei…

Und für alle mitlesenden Motorrad-Gegner: Schreiben Sie mir gern, wie es Ihnen mit diesem Coaching-Brief geht. Ich stelle mich ab morgen gern der Kritik. Heute schwelge ich noch in meiner Leidenschaft, denn ich komme selten dazu… 😉

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