383/219 Weshalb es so schwer ist, eine Haltung zu verändern

Sehr geehrte Leserin, sehr geehrter Leser,

Diese Woche sind wir wieder mal von Prof. Dr. Gerald Hüther begeistert worden, der uns mit seinen hirnphysiologischen Erklärungen zum Thema Haltung inspiriert hat. Vielleicht gelingt uns dies auch bei Ihnen.

Herzliche Grüße aus Jena und Bielefeld
Anja Palitza & Olaf Hartke

 

Thema: Weshalb es so schwer ist, eine Haltung zu verändern

Zitat: „Eine Haltung ist deshalb so schwer zu verändern, weil sie aus Erfahrungen erwachsen ist.“ (Gerald Hüther)

Beispiel: Eine Mutter berichtet mir (Anja), dass sie ganz erschrocken ist, dass ihr Kind sich öfters für dumm hält und das deutlich verbal zum Ausdruck bringt. Es schmerzt sie und sie möchte dies gern verändern. Sie versucht, das Kind zu überzeugen, dass dieses Denken nicht richtig ist. Das man so nicht denken sollte und das es doch einfach nicht stimmt.

Information: Die Gewaltfreie Kommunikation ist neben der Methode auch eine bestimmte Haltung dem Menschen und dem Menschsein gegenüber. Eine Grundlage dieser Haltung ist, dass die eigenen Bedürfnisse genauso wichtig sind, wie die Bedürfnisse anderer Menschen. Spannend ist für uns an dieser Stelle, was es für unser Zusammenleben mit anderen Menschen bedeuten könnte, wenn es uns gelingt, mehr in dieser Haltung zu leben und daraus zu agieren.

Wir sind überzeugt, dass diese Haltung ein wichtiger Teil menschlichen Lebens ist. Wir glauben, die Erfahrung und das Erleben dieser Haltung hat uns ein harmonisches und friedvolles Zusammenleben mit anderen Menschen erst möglich gemacht. Und wir tragen eine große Sehnsucht in uns, gemäß dieser Haltung unser Leben auszurichten und zu wirken.

Doch wie kommt es, dass Haltungen so schwer zu verändern sind?

Kinder werden in ein bestimmtes System hineingeboren. Und dieses System, welches sich um uns herum in den letzten ca. 10.000 Jahren entwickelt hat und unser Leben weitestgehend bestimmt, ist stark hierarchisch geprägt.

Dies bedeutet u.a. auch, dass es Menschen in unserem Systemen gibt, die mehr Ressourcen zur Verfügung haben als andere. Beispielsweise mehr finanzielle Mittel, mehr Kraft oder mehr Wissen. Diese Vorteile werden oft genutzt, um Entscheidungen über die Anderen zu treffen. Mit einem Wissensvorsprung geht häufig die Annahme einher, dass der Vorsprung allein dazu ermächtigt, andere zu belehren, von „oben herab“ zu agieren, andere anzuweisen, zu belohnen oder zu bestrafen.

Indem man in hierarchischen Systemen agiert, kreiert man unweigerlich ein Umfeld mit, in welchem ganz bestimmte Erfahrungsräume geschaffen werden, die wiederum zu ganz bestimmten „Folge-Erfahrungen“ führen. Und aus sich wiederholenden Erfahrungen entwickeln sich ganz bestimmte Überzeugungen. Wenn sich diese Überzeugungen festigen, dann hat sich eine Haltung herausgebildet. Das kann eine bestimmte Haltung der Arbeit gegenüber sein, eine besondere Haltung dem Lernen gegenüber oder auch Haltungen, die das Miteinander betreffen.

Diese später oft unbewussten Haltungen sind einerseits hilfreich, denn sie dienen dem Menschen, sich in dem System zu orientieren ohne ständig aktiv darüber nachdenken zu müssen. Sie helfen einem, den Menschen, die man für bedeutsam und wichtig hält, verbunden zu bleiben und gleichzeitig seinen eigenen Bedürfnissen nach Entwicklung und freier Gestaltung seines Lebens nachzugehen.

Doch nicht alle entwickelten Haltungen sind grundsätzlich hilfreich. Zum Beispiel die zu einer Haltung gewordenen Überzeugungen, „Ich bin blöd.“, „Lernen ist ätzend.“, „Ich arbeite nur für Geld.“ oder „Der Stärkere setzt sich eh durch.“, sind unseres Erachtens eher hinderlich für die eigene Entwicklung.

Wenn es darum geht, unterstützend dazu beizutragen, dass sich Haltungen bei Menschen verändern, dann brauchen diese Menschen neue Erfahrungen. Neue Erfahrungen lassen sich jedoch nicht mit den typischen Methoden des hierarchischen Vorgehens erzielen. Man kann nicht anordnen, darüber belehren oder fordern, dass andere anders über sich selbst denken.

Auch der Einsatz von Belohnungen für geändertes Denken oder Bestrafungen bei gleichbleibendem Denken ist nicht realistisch durchführbar.

Aus unserer Sicht ist es für die Menschen, von denen wir denken, dass eine geänderte Haltung für sie sinnvoll sein könnte, ganz wichtig, dass sie neue Erfahrungen in neuen Erfahrungsräumen machen können. Aus diesen neuen Erfahrungen heraus kann sich bei Wiederholung eine veränderte Haltung entwickeln. Und hierzu kann man nach unserer Erfahrung Menschen nur einladen, inspirieren, begeistern und es ihnen vorleben.

Zum „Sofort-Üben“: Wie kann man ein Kind dazu einladen, inspirieren und ihm vorleben, seine Haltung zu verändern?
(Unsere Gedanken dazu finden Sie am Ende des Coachingbriefes.)

Wochenaufgabe: Überprüfen Sie doch diese Woche einmal Ihre Haltung dem menschlichen Miteinander gegenüber. Welchen Überzeugungen und Glaubensätzen kommen Sie dabei auf die Spur? Zu welchen Bedürfnissen bei sich und anderen wollen sie beitragen und bei welcher Bedürfniserfüllung stehen sie durch Ihre Haltung vielleicht manchmal im Wege?

Aktuelles:

 Aufgrund der großen Nachfrage:
Webinar zum Thema „Systemisch Konsensieren“

Wie können in Gruppen tragfähige Entscheidungen getroffen werden, die mit einer möglichst hohen Akzeptanz aller Beteiligten einhergehen?

Mittwoch, 24.04.2019 um 18.00 Uhr
Dienstag, 30.04.2019 um 8.30 Uhr
Zur Anmeldung: https://www.edudip.com/w/312740

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Weitere Termine im Jahr 2019

https://www.ab-ins-kloster.de

31.03.2019 Bildungsurlaub auf der Nordseeinsel Baltrum (ausgebucht, Warteliste)
07.04.2019 Bildungsurlaub auf der Nordseeinsel Spiekeroog (ausgebucht, Warteliste)
26.04.2019 Einführungsseminar Gewaltfreie Kommunikation in Bad Heiligenstadt
19.05.2019 Bildungsurlaub für Führungskräfte am Ammersee im Allgäu

Ein Workshop zum Thema Wut und Würde findet am Samstag den 08. Juni von
10-16.00 Uhr in 07646 Albersdorf bei Jena statt.

14.06.2019 Einführungsseminar Gewaltfreie Kommunikation in Berlin – 2 ½ Tage
21.09.2019 Einführungsseminar Gewaltfreie Kommunikation in Jena – 2 Tage
06.10.2019 Bildungsurlaub auf der Nordseeinsel Baltrum ausgebucht (Warteliste)
19.10.2019 Vertiefungsseminar Gewaltfreie Kommunikation in Arnsberg – 2 Tage
16.11.2019 Vertiefungsseminar Gewaltfreie Kommunikation in Jena – 2 Tage
29.11.2019 Vertiefungsseminar Gewaltfreie Kommunikation in Berlin – 2 ½ Tage

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Was sagen Sie zu unserem Coachingbrief?
Wir freuen uns, wenn Ihnen dieser Coachingbrief gefällt und Sie ihn an Interessierte weiterleiten. Neue Leserinnen und Leser können sich hier in den Verteiler eintragen:
https://www.coaching-briefe.com

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Herausgeber:
Hartke Unternehmensentwicklung GmbH
Dunlopstraße 9, 33689 Bielefeld
Fon: 05205 / 7290525 und Fax: 05205 / 7290527
© Copyright Anja Palitza und Olaf Hartke

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Unsere Gedanken zum Sofort-Üben:

Dieses Beispiel ist aus einer vergangenen Beratungssituation, die mich (Anja) sehr beeindruckt hat, weil sich darin die anwesenden Eltern über ihre eigenen Erfahrungen ausgetauscht und selber inspiriert haben. Sie strahlten für mich beide die Haltung aus: Ich bin ok und Du bist ok und wir suchen jetzt nach Klarheit und einem Weg, damit umzugehen.

Begonnen haben sie mit ihrem Wunsch nach Veränderung, der aus der gemeinsamen Beobachtung entstanden ist. Als nächsten Schritt haben sie sich die einzelnen Situationen nochmals konkret vergegenwärtigt, in denen das Kind die Äußerung, es halte sich für dumm, laut mitteilt hat. Dabei haben sie festgestellt, dass es häufig nach Emotionen wie Wut und Frust geäußert wird. Sie haben weiter nachgespürt, wie es dem Kind emotional geht und welchem Bedürfnis dieser Satz dienen könnte. Dabei haben sie entdeckt, dass das Kind vielleicht den Erwachsenen signalisieren möchte: Ich habe erkannt, dass ich etwas getan habe, was ich jetzt im Nachhinein bereue und gern anders gemacht hätte. Das es ein Bedauern spürt und es dies noch nicht anders zum Ausdruck bringen kann und sich wünscht, dass es auch weiter angenommen bleibt.

Da dies nur eine Annahme von den Eltern ist, wollen sie mit dem Kind nun gemeinsam auf Entdeckungsreise gehen. Und wenn es sich bestätigt, vielleicht im nächsten Schritt überlegen, wie man das Bedauern noch zum Ausdruck bringen kann. Und auch für sich selber haben sie überlegt, wie sie als Eltern ihr eigenes Bedauern verbal zum Ausdruck bringen, so dass das Kind darüber lernen kann.

Abschließend war noch die Erkenntnis entstanden, dass es in solchen, für das Kind akuten Situationen hilfreicher sein kann (statt ihm den Satz auszureden zu wollen), es in seinen Emotionen zu sehen und diese Gefühle auch mal verbal anzubieten:

„Du bist gerade ganz verzweifelt?“ oder „Du bist gerade ganz doll frustriert oder sogar wütend?“

Und dann abzuwarten, was das Kind an weiteren Reaktionen bringt. Sie wollen für das Kind da sein und präsent sein.

Mein Eindruck nach dieser Stunde war: Das sind sie. Und sie waren wieder ganz in der Haltung: Ich bin ok., du bist ok., und das Kind ist ok.

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