Nr. 375/2019 Behandle Freunde und Kinder gleich

Sehr geehrte Leserin, sehr geehrter Leser,

in einer Zeitschrift sind wir kürzlich auf diese Aussage gestoßen:
„Wir erziehen unsere Kinder nicht, wir leben mit Ihnen zusammen.“

Darüber bin ich mit Olaf ins Gespräch gekommen und unsere Gedanken dazu finden Sie in diesem Coachingbrief.

Herzliche Grüße, diese Woche von uns beiden aus Bielefeld

Anja Palitza & Olaf Hartke

 

Thema: Behandle Freunde und Kinder gleich

Zitat: „Die Begriffe, die man sich von etwas macht, sind sehr wichtig. Sie sind die Griffe, mit denen man die Dinge bewegen kann.“ (Bertolt Brecht)

Beispiel: Von Erma Bombeck ist die folgende Geschichte:

Kürzlich hörte ich im Fernsehen einen bekannten Kinderpsychologen sagen: „Eltern sollten ihre Kinder so behandeln, wie sie mit ihren besten Freunden umgehen würden. Zuvorkommend, mit Höflichkeit, Achtung und Diplomatie.“ „Mach ich doch“, dachte ich. „Ich habe meine Kinder nie anders behandelt“. Abends kam mir der Gedanke noch einmal in den Sinn und ich fragte mich: „Spreche ich wirklich so mit meinen besten Freunden wie ich mit meinen Kindern spreche?“ Nur mal angenommen, unsere guten Freunde, Frank und Christina, kommen abends zum Essen. „Also, es wird wirklich Zeit, dass ihr da seid! Was habt ihr eigentlich so lange gemacht? Getrödelt? Lass deine Schuhe draußen, Frank. Die sind doch total dreckig. Und mach die Tür hinter dir zu. Habt ihr denn zuhause Säcke vor den Türen?“…

„Und, Christina wie ist es dir ergangen? Eigentlich habe ich gedacht, du kommst schon früher mal vorbei. …

„Frank! Stopf doch jetzt nicht so viele Oliven in dich rein, sonst hast du den Bauch schon vor dem Essen voll. Ich steh’ doch nicht den ganzen Tag am Herd, um dich dann gleich im Essen herumstochern zu sehen.“…

„Habt ihr etwas von den anderen gehört? Wir haben eine Karte von den Martins bekommen. Ja, die sind schon wieder auf Kreta. Jedes Jahr derselbe Ort. Was ist los mit dir, Frank? Du machst mich ganz verrückt mit Deinem Rumgezappel! Wie? Du musst mal? Dann geh’ sofort zur Toilette! Treppe runter, erste Tür links. Und ich will nachher nicht das Handtuch auf dem Boden finden, verstanden?“…

„Hast du dein Gesicht gewaschen, bevor du kamst, Christina? Ich sehe noch immer dunkle Ränder um deinen Mund. Naja, vielleicht ein Schatten.“…

„Aber sagt mal, wie geht es euren Kindern? Wenn ihr mich fragt, es wird heute viel gefordert in der Schule, aber das hat noch keinem geschadet, oder? Seid ihr alle hungrig? Gut. Dann setzen wir uns.  Ich habe gekocht und ihr wascht nachher ab. Das ist doch nur fair, oder?“…  „Erzähl mir nicht, deine Hände seien sauber, Christina. Ich habe genau gesehen, dass du gerade den Hund angefasst hast. Du gehst erst noch einmal Hände waschen, bevor wir anfangen.“…

„Frank, du sitzt hier und Christina, du kannst bei dem halbvollen Weinglas sitzen. Es vergeht ja keine Mahlzeit, ohne dass du etwas umstößt.“…

„So, jetzt aber: Guten Appetit. Frank, warum hast du keinen Blumenkohl auf deinem Teller? Hast du denn überhaupt schon mal probiert, hm? Also, ein Löffel voll wird gegessen! Wenn du ihn wirklich nicht magst, bin ich die letzte, die dich zum Aufessen zwingt. Aber ohne Probieren kein Nachtisch! Klar? Und sitz gerade, sonst wächst deine Wirbelsäule schief.“…

„Nun – worüber haben wir gerade gesprochen? Oh ja, ich wollte von den Gerbers erzählen. Die haben ihr Haus verkauft. Ich denke, sie… Christina, sprich’ nicht mit vollem Mund! Ich verstehe kein Wort, wenn du so redest. Und benutz doch deine Serviette!“…

In diesem Moment betritt in meiner Phantasie mein Sohn den Raum. „Wie schön, dass du kommst“, sage ich freundlich. „Was hab ich denn nun schon wieder gemacht?“, seufzt er.

Information: Was hindert uns daran, Freunde und Kinder gleich zu behandeln?

Freunden gegenüber empfinden wir oft nicht die Verantwortung, die wir bei Kindern spüren. Denn wenn wir an Kinder denken, dann denken wir oft gleichzeitig an so etwas wie „die Notwendigkeit der Erziehung“. Wir gehen davon aus, dass etwas noch nicht ausreichend ist und wir als Eltern, Erzieher und Pädagogen etwas daran verbessern müssten. Doch dieser Gedanke, dass an den kleinen Menschen etwas noch nicht genügend ist und wir die Pflicht haben, daran etwas zu verändern, hat seine Tücken. Er wirkt sich nicht nur auf unsere Einstellung aus, sondern auch auf unsere Gefühle und unser Verhalten.

Mit dem Wort Erziehung verbinden wir auch Begrifflichkeiten wie ziehen, Zucht oder Zögling. Im Brockhaus Lexikon von 1985 findet man unter Erziehung: „Erziehung ist die körperliche, geistige und sittliche Formung des Menschen, besonders der Jugend (…) mit dem Ziel, den jungen Menschen in die die bestehende Kultur einzufügen und ihn zur selbstständigen Persönlichkeit zu entwickeln.“

Auch dies beinhaltet für unseren Geschmack zu viel Einflussnahme, Manipulation und Selbstüberschätzung. Hinter dem Begriff Erziehung verbirgt sich der Erwachsene, der überzeugt davon ist zu wissen, was richtig und was falsch ist. Der Erwachsene, der zu wissen meint, was gutes und böses Verhalten ist. Der Erwachsene, der behauptet zu wissen, welches Verhalten angemessen und welches unangemessen ist.

Doch seit langen ist wissenschaftlich belegt, dass das Ziel der Erziehung weniger durch Formung, sondern vielmehr durch Ermöglichung und auch weniger durch eine Einfügung in eine bestehende Kultur, als vielmehr durch Befähigung zur Mitgestaltung erreicht wird.

Für spannend halten wir in diesem Zusammenhang auch die Beobachtung, dass „Erziehung“ hauptsächlich im Umgang mit Kindern erwähnt wird. Wird von Erwachsenen gesprochen, so wird hier hauptsächlich der Begriff „Bildung“ benutzt. Oder haben Sie schon mal etwas von Erwachsenenerziehung gehört?

Zum „Sofort-Üben“: Wenn es tatsächlich so ist, dass der Begriff, den wir für etwas verwenden auch unsere Einstellung und Haltung dazu deutlich macht, dann beeinflusst der gewählte Begriff im Umkehrschluss eventuell auch unsere Einstellung und Haltung.
Welche Formulierungen sind für Sie passender als der Begriff „Erziehung“?
(Unsere Überlegungen finden Sie am Ende des Coachingbriefes)

Wochenaufgabe: Überlegen Sie sich diese Woche einmal, was für Sie persönlich hinter den Begriffen Erziehung und Formung steht. Welche Auswirkungen hat die Wahl der Begriffe für Sie im Umgang mit anderen Menschen – den Großen wie den Kleinen?

Aktuelles:

Lange haben wir allen Social-Media-Angeboten getrotzt. Nun sind wir doch aktiv geworden:
https://www.facebook.com/anja.palitza.3
https://www.facebook.com/olaf.hartke

Wer mag, findet da ab und zu auch „alltägliche“ Gedanken zur kommunikativen Gewaltfreiheit in Familie und Beruf. Und natürlich auch zur Gewaltfreiheit im Umgang mit sich selbst.

Termine:

22.-26.02.2019 – NEU – zum 10-jährigen Jubiläum auf der Hohgant-Hütte
Exklusiv für Paare – Die Schneeschuhwanderung mit Paar-Themen im GFK-Seminar
https://www.erfolgsschritte.de/seminare-trainings/m05_gewaltfrei_leben_hohgant_paare.php

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27.02.-03.03.2019 – Wie gewohnt in 10-jähriger Tradition auf der Hohgant-Hütte
Das Leben lieben lernen – Gewaltfrei leben – Die Schneeschuhwanderung für Einzelpersonen und Paare mit allgemeinen Lebens-Themen im GFK-Seminar
https://www.erfolgsschritte.de/seminare-trainings/m05_gewaltfrei_leben_hohgant.php

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Weitere Termine im Jahr 2019

https://www.ab-ins-kloster.de

22.02.2019 Gewaltfrei leben – Seminar für Paare auf der Hohganthütte
27.02.2019 Gewaltfrei leben – Seminar auf der Hohganthütte
31.03.2019 Bildungsurlaub auf der Nordseeinsel Baltrum (ausgebucht)
07.04.2019 Bildungsurlaub auf der Nordseeinsel Spiekeroog (ausgebucht)
26.04.2019 Einführungsseminar Gewaltfreie Kommunikation in Bad Heiligenstadt
19.05.2019 Bildungsurlaub für Führungskräfte am Ammersee im Allgäu
14.06.2019 Einführungsseminar Gewaltfreie Kommunikation in Berlin
21.09.2019 Einführungsseminar Gewaltfreie Kommunikation in Jena
06.10.2019 Bildungsurlaub auf der Nordseeinsel Baltrum
16.11.2019 Vertiefungsseminar Gewaltfreie Kommunikation in Jena
29.11.2019 Vertiefungsseminar Gewaltfreie Kommunikation in Berlin

Gefällt Ihnen der Coachingbrief?
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Herausgeber:
Hartke Unternehmensentwicklung GmbH
Dunlopstraße 9, 33689 Bielefeld
Fon: 05205 / 7290525 und Fax: 05205 / 7290527
© Copyright Anja Palitza und Olaf Hartke

Unsere Gedanken zur Sofort-Übungs-Aufgabe:

Alternative Begriffe für „Erziehen“ wären für uns: Bilden, begleiten, unterstützen.

Mit dem Wort „bilden“ verbinden wir den Gedanken, dem vorhandenen Wissen etwas hinzuzufügen. Es ist für uns ein Angebot von Informationen und kann den Möglichkeitsraum des Kindes erweitern.

Unter „begleiten“ verstehen wir, präsent und ansprechbar für das Kind zu sein; da zu sein, wenn das Kind etwas benötigt. Gleichzeitig auch, dafür zu sorgen, dass Gefahrenmomente erkannt werden und der Umgang mit Gefahren gelernt werden kann. Dabei ist dem Begleiter bewusst, dass auch er nur eigene Erfahrungen im Umgang damit aufweist und dies nicht einer optimalsten Reaktionsweise auf die Gefahr entsprechen muss.

„Unterstützen“ bedeutet für uns, dass wir durch das Kind gebeten werden zu helfen. Hier ist viel Sensibilität nötig, denn „Gut gemeint…“ und deshalb „sofort gemacht“ ist nicht unbedingt hilfreich für das Kind. Es bedarf immer wieder der genauen Beobachtung des Kindes und einer Unterscheidung dieser beiden Möglichkeiten: Unterstützen bedeutet, Sachen für das Kind zu erledigen, die es selbst tatsächlich noch nicht kann. Hingegen Sachen für das Kind zu erledigen, die es gerade erlernt und bei denen es Fortschritte macht, würde bedeuten, seine Lernfortschritte zu behindern.

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