350/2018 Ist es ein Bedürfnis, zu trauern?

Liebe Leserin und lieber Leser,

in dieser Woche antworten wir mit dem nachfolgenden Thema wieder auf eine Leserfrage. Im uns geschilderten Beispiel kommen auch die Worte „Widerstand“ und „Vermeidung“ vor. Dazu schreiben wir in der kommenden Woche noch ein paar Sätze.

Herzliche Grüße, diese Woche von uns beiden vom Achensee in Tirol
Anja Palitza & Olaf Hartke

Thema: Ist es ein Bedürfnis, zu trauern?

Zitat: „Geteiltes Leid ist halbes Leid, geteilte Freude ist doppelte Freude.“ (Volksmund)

Beispiel: Heute habe ich mit einer Gruppe an Depression erkrankten Menschen das Bedürfnis-Spiel als Übung eingesetzt. Auf einer Karte wird „Trauer“ als Bedürfnis bezeichnet.

Dies löste ziemlichen Unmut in der Gruppe aus, so dass die Mehrzahl der Teilnehmer den Raum verließ. Widerstand, Vermeidung? Trauer sei kein Bedürfnis, hieß es.

Könnt ihr etwas dazu in eurem nächsten Coachingbrief sagen?

Information: Die Frage „Ist Trauer ein Bedürfnis?“, wird uns in Trainings immer wieder gestellt. Oft verbunden mit Aussagen wie: „Also ich habe kein Bedürfnis nach Trauer, absolut nicht.“ Oder: „Bedürfnisse sind doch das, was Menschen wollen, wonach sie sich sehnen – aber Trauer und Traurigkeit?“

Aus unserer Sicht gilt es dabei zwei Begriffe zu unterscheiden:

  1. Die Trauer, die Traurigkeit – Das ist ein Gefühl, das Menschen in bestimmten Situationen haben können, wenn Bedürfnisse nicht erfüllt sind. Z. B. wenn die eigene Lebenssituation als hoffnungslos erlebt wird oder wenn ein nahestehender Mensch verstirbt. Das Gefühl zeigt an, dass gerade etwas fehlt und macht auf ein Bedürfnis aufmerksam. Z. B. auf die Sehnsucht nach leichteren Lebensumständen oder nach Kontakt und Verbindung zu dem Menschen, der gerade für immer fortgegangen ist.
  2. Das Trauern – Das ist ein Bedürfnis und gleichzeitig auch als ein Prozess, als ein Weg zu sehen. Menschen haben das Bedürfnis, den Grund für ihre Traurigkeit in einer für sie angemessenen Art und Weise zu verarbeiten. Auch das Bedürfnis, das andere ihren Schmerz sehen oder vielleicht sogar daran teilhaben. „Geteiltes Leid ist halbes Leid…“, dahinter verbirgt sich unseres Erachtens die Sehnsucht des Menschen, sein Leid (seine Trauer) zeigen zu können und zu dürfen und eine Anteilnahme, ein Interesse zu erleben. Darüber hinaus vielleicht auch Trost zu erhalten, eine Umarmung, aufbauende Worte – was auch immer für den Einzelnen in seinem Trauerprozess hilfreich ist.

Insofern können wir das Unverständnis der Seminarteilnehmer ein Stück weit nachvollziehen: Die Trauer als Gefühl – danach sehen sich tatsächlich nicht vielen Menschen. Doch es gibt auch Menschen, die sagen: „Ich möchte alle meine Gefühle leben, all mein Lachen lachen und alle meine Tränen weinen.“ (Marschall Rosenberg).

Das Trauern hingegen, als einen Weg um eine schwierige Lebenssituation zu verarbeiten, das möglicherweise Verlorengegangene zu verabschieden, die eigene Aussöhnung mit einem Verlust hinzubekommen – das sehen wir durchaus als ein menschliches Bedürfnis.

Das kann häufig allein und still erfolgen; manchmal ist die Traurigkeit jedoch so groß, dass ein mitteilen wollen und „den Schmerz von anderen Gesehen haben wollen“ damit einhergeht. Beides ist aus unserer Sicht ein Weg des Trauerns, der Menschen wichtig sein kann.

Zum Sofort Üben: Im obigen Beispiel finden wir die Annahme, das Unmut entstand und die Beobachtung, dass einige Teilnehmer den Raum verließen. Auf welche Gefühle und Bedürfnisse könnte das hinweisen?
(Unsere Gedanken finden Sie am Ende des Coachingbriefes.)

Wochenaufgabe: Was macht Sie zurzeit traurig? Was müsste geschehen, damit die Traurigkeit, das Trauern vergeht? Welche Bedürfnisse wären dann wieder erfüllt? Hilft es Ihnen, mit anderen Menschen darüber zu sprechen? Was erhalten Sie von anderen Menschen, dass Sie während Ihres Verarbeitungsprozesses der Trauer als hilfreich erleben? Welche Bedürfnisse erfüllen sich bei Ihnen durch die Zuwendung, die Sie durch andere erfahren?

Aktuelles: Vertiefungsseminar Gewaltfreie Kommunikation am 01./02. September 2018 in Jena. Ein Platz ist wieder frei geworden.

Einführungsseminar Gewaltfreie Kommunikation vom 19.-21. Oktober 2018 in Berlin

Weitere Angebote und nähere Informationen:
http://www.erfolgsschritte.de/seminare-trainings/termine.php

Herausgeber:
Hartke Unternehmensentwicklung GmbH
Dunlopstraße 9, 33689 Bielefeld
Fon: 05205 / 7290525 und Fax: 05205 / 7290527
© Copyright Anja Palitza und Olaf Hartke

Anregung: Fangen wir mal mit den Bedürfnissen an: Menschen haben das Bedürfnis, dass das, woran sie glauben, dass Dinge, von denen sie überzeugt sind, auch von anderen Menschen so gesehen und anerkannt werden. Gibt es plötzlich Aussagen, die etwas ganz anderes zum Ausdruck bringen, als man selber für „richtig“ hält, erleben Menschen manchmal den Verlust von Einigkeit und Harmonie. Auch das Bedürfnis, die Dinge und die Welt zu verstehen, Aussagen zuordnen zu können, ist dann eventuell nicht mehr erfüllt. Gerade wenn Aussagen von Fachleuten für bestimmte Themen kommen und man diese Aussagen seinem eigenen Wissen nicht zuordnen kann, weil sie einfach nicht zum vorhandenen Wissen, zu den bestehenden Überzeugungen passen.

Und weil das unterschiedlich intensiv erlebt werden kann, ist möglicherweise auch die Reaktion der Teilnehmer auf der Gefühlsebene unterschiedlich ausgeprägt.

Vielleicht waren einige Teilnehmer unsicher und ratlos; andere hingegen schon irritiert und frustriert; manche vielleicht auch empört und entsetzt.

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