339/2018 Wie Ratten für mehr GfK sorgen

Liebe Leserin und lieber Leser, unser Wunschtitel für diese Ausgabe lautete:

„Wie eine steigende Rattenpopulation in einer deutschen Justizvollzuganstalt für den Einsatz von mehr Gewaltfreier Kommunikation in derselben gesorgt haben könnte…“

Das passte jedoch nicht in die Betreffzeile.

Herzliche Grüße von uns beiden, diese Woche aus Bielefeld
Anja Palitza & Olaf Hartke


Thema
: Wie Ratten für mehr GfK sorgen

Zitat: „Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.“ (Albert Einstein)

Beispiel: Eine Teilnehmerin einer Trainerausbildung, die wir kürzlich moderiert haben, brachte folgendes Beispiel ein:

In einer Gefängnisanstalt, welche sie im Rahmen ihrer Arbeit aufsuchte, sah sie, wie an den Gittern vor den Fenstern der Insassen zusätzlich maschendrahtähnliche Netze angebracht waren. Interessiert fragte sie das Wachpersonal, wozu diese Maschendrahtnetze dienen. Sie erfuhr, dass darauf reagiert wurde, dass die Gefangenen (hauptsächlich junge Männer) immer wieder ihr Essen aus den Fenstern geworfen hatten. Das hatte Ratten angezogen, die sich dort in zunehmendem Maße vermehrten und vom Wachpersonal als sehr ekelig empfunden wurden. Die Netze verhinderten nun, dass die Gefangenen weiterhin ihr Essen zwischen den Gitterstäben hinauswarfen.

Die Seminarteilnehmerin war nun interessiert an den Beweggründen der Gefangenen, weshalb sie ihr Essen aus dem Fenster warfen und fragte auch bei diesen nach. Diese teilten ihr mit, dass sie sich in den Zellen oft langweilten und als sie einmal unten im Hof eine Ratte sahen und ihr Brot zugeworfen hatten, fanden sie es interessant, ihr beim Fressen zuzusehen. Insbesondere als dann immer mehr Ratten an diese Stelle kamen, empfanden sie die Rattenfütterung als eine willkommene Abwechselung in ihrem Alltag.

Information: Das obige Beispiel verdeutlicht uns ganz eindrücklich nochmal etwas, das wir immer wieder erleben: Menschen erfüllen sich auf der Strategie-Ebene ihre Bedürfnisse und tragen dadurch dazu bei, dass bei anderen Menschen Bedürfnisse in „Nicht-Erfüllung“ geraten, bzw. das Bedürfnisse die vorher bei anderen erfüllt waren, wieder „hungrig“ werden.

Das Bedürfnis der jungen Männer ist vermutlich Abwechslung, Unterhaltung oder Spaß. Vielleicht auch Ablenkung vom Alltag oder ein Erleben von Leichtigkeit und Unbeschwertheit. Die Strategie heißt „Essen durch die Gitterstäbe werfen und damit die Ratten füttern“; das erfüllt die obigen Bedürfnisse. Gleichzeitig erfüllen sich Bedürfnisse des Gefängnispersonal und der –leitung genau dadurch nicht mehr – die Einhaltung von Regeln, das eigene Wohlbefinden und berufliche Sicherheit (durch das Bewahren von Gesundheitsvorschriften und Hygienebestimmungen).

Eine naheliegende Lösung auf der Strategieebene ist es dann, das Hinauswerfen von Lebensmitteln durch die Gitterstäbe zu verhindern – Drahtnetze werden angebracht. Die Bedürfnisse der Gefängnismitarbeiter sind wieder erfüllt. Und nun umgekehrt – die der Gefangenen nicht mehr.

Einer der Aspekte der Gewaltfreien Kommunikation, den wir sehr schätzen, lautet: Die Bedürfnisse aller an einer Interaktion Beteiligten sind gleichwertig. Insofern suchen wir in jeder Konfliktsituation die Konsenslösung für alle Beteiligten. Und die ist dann gefunden, wenn die Lösung die Erfüllung aller Bedürfnisse der Beteiligten beinhaltet.

Es dauert häufig länger eine Konsenslösung zu finden, als die nächstliegende Lösung auf der Strategieebene. Doch Konsenslösungen haben den Vorteil, dass sie die höchstmögliche Zufriedenheit aller Beteiligten gewährleisten und mit hoher Wahrscheinlichkeit leicht umzusetzen und aufrechtzuerhalten sind.

Einseitig bedürfniserfüllende Lösungen auf der Strategieebene können häufig nur durch den Einsatz von Machtmitteln (Drohung, Strafe, physische Gewalt) gegen einen Widerstand anderer Beteiligter umgesetzt werden und sind nicht nur mit mehr Durchsetzungsaufwand verbunden, sondern können oft auch nur mit deutlich mehr Aufrechterhaltungsaufwand intakt gehalten werden.

Wir machen häufig die Erfahrung, dass ein Mehraufwand von Zeit bei der Suche nach einer Konsenslösung oft eine gute Investition in später ersparte Zeit ist – und oft auch einen schonenden Umgang mit weiteren Ressourcen bedeutet (Z. B. Geld, Personalaufwand, Personalgesundheit).

Zum „Sofort-Üben“: Was bedarf es aus Ihrer Sicht für das Finden einer Konsenslösung?(Unseren Vorschlag dazu finden Sie am Ende des Coachingbriefes)

Wochenaufgabe: Suchen Sie in Ihrem Umfeld nach Situationen, in denen Sie bislang das Durchsetzen oder Aufrechterhalten einer Lösung als schwierig empfinden. Vermutlich erfüllen die bisherigen Lösungsversuche noch nicht alle Bedürfnisse der Beteiligten. Versuchen Sie Konsenslösungen zu finden, auch wenn es etwas länger dauert.

Aktuelles:

 

 01./02. September 2018: Vertiefungskurs Gewaltfreie Kommunikation in Jena

Neu: Seminar Einführung in die Gewaltfreie Kommunikation in Berlin vom 19.-21.Oktober 2018

Nähere Informationen unter:
http://www.erfolgsschritte.de/seminare-trainings/termine.php

Herausgeber: Hartke Unternehmensentwicklung GmbH
Dunlopstraße 9, 33689 Bielefeld
Fon: 05205 / 7290525 und Fax: 05205 / 7290527
© Copyright Anja Palitza, Olaf Hartke

Unser Vorschlag: Konsenslösungen werden dann am ehesten gefunden, wenn sie auch gemeinsam gesucht werden. Die Gefängnisinsassen wissen besser als das Gefängnispersonal, was ihre Bedürfnisse auch erfüllen könnte. Das Gefängnispersonal kann dahingehend beitragen, dass es verdeutlicht, welche gesetzlichen Rahmenbedingungen einzuhalten sind.

Dabei benötigen die Gefängnisinsassen sicherlich das Vertrauen, dass es eine Bereitschaft gibt, ihre Bedürfnisse zu hören und gemeinsam an einer Lösung zu arbeiten.

Das Gefängnispersonal benötigt hingegen die Bereitschaft, die Gefängnisinsassen zu unterstützen und eine gemeinsame Lösungssuche mit Offenheit und einer grundsätzlichen Akzeptanz der Bedürfnisse zu begleiten.

 

 

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