252/2016 Die Italo-Szene ist anders

Sehr geehrte Leserin, sehr geehrter Leser,

„Die Italo-Szene ist anders“, so lautete die Schlagzeile eines Zeitungsartikels, der im Partyzelt beim diesjährigen Clubtreffen des Moto Guzzi Clubs Olpe-Biggesee e.V. ausgehängt war.

Die Freunde italienischer Motorradfahrer besuchen sich regelmäßig zu solchen Clubtreffen, verbringen ein gemeinsames Wochenende mit Zeltplatz- und Lagerfeueratmosphäre, bei sogenannten „Benzin-Gesprächen“ über die zweirädrigen Lieblinge und natürlich auch mit lauter Musik und Erfrischungsgetränken auf Gerstebasis.

Und was ist es, was der Autor des Zeitungsartikels als „anders“ im Vergleich zu anderen Motorradtreffen empfand? Meine Idee dazu finden Sie unten (Olaf).

Herzliche Grüße von Anja aus Jena und von mir aktuell von irgendwo unterwegs

Anja Palitza & Olaf Hartke

 

Thema: Die Italo-Szene ist anders

Zitat: „Fremde sind Freunde, die man noch nicht kennt.“ (unbekannt)

Beispiel: Ich sitze vor meinem Zelt, schaue hinüber zum Lagerfeuer und zum Partyzelt und sehe lachende Menschen in Gesprächen, die sich zur Begrüßung auf die Schultern klopfen und umarmen. Alles wirkt friedlich und harmonisch auf mich. Die Menschen scheinen einander zu mögen und es scheint keine Vorbehalte zu geben. Frauen, Männer, Junge, Ältere, Sportfahrer, Tourenfahrer, Oldiefahrer, Gespannfahrer und Solofahrer, mit Bikerkutte und ohne Bikerkutte. Kinder sind auch dabei.

Mit Sicherheit verschiedenste Berufe und Lebenswege, verschiedenste politische Anschauungen und Lebensziele. Und doch – eine große Gemeinschaft.

Denkt man sich die Motorräder und die Lederkleidung weg, könnte man aufgrund der Art des Miteinanders auch meinen, auf einem Treffen von Anhängern Gewaltfreier Kommunikation zu sein.

Information: In dieser Situation kam mir ein Text von Kay Pollak, dem Regisseur und Produzenten des Films „Wie im Himmel“ in Erinnerung, den ich kürzlich zum Abschluss eines Gewaltfrei-Trainings vorlas:

Ein Traum

Ich bin mit anderen Menschen zusammen. Wir befinden uns in einem großen, hellen Raum. Wir sind vielleicht zwanzig Personen. Es finden Gespräche statt. Man hört Gelächter.

Ich spüre die Gemeinschaft mit diesen Menschen. Ich bin glücklich. Ich bin vollkommen frei von Angst. Die Zeit scheint stillzustehen. Alle Menschen kommen mir schön vor. Ein breites Lächeln liegt auf meinem Gesicht.

Ich sehe das alles ganz deutlich vor mir. Über eine Stunde lang empfinde ich eine beständige Wärme für jeden Menschen in dieser Gruppe. Zu ihm da hinten… zu ihr dort in der Ecke… und auch zu ihm! Ja, auch zu ihm, den ich immer für so engstirnig gehalten hatte. Und selbst ihr gegenüber, die ich sonst als furchtbare Nervensäge betrachtet hatte, empfinde ich nun dasselbe innigliche Gefühl der Zuneigung.

Ich empfinde tatsächlich so etwas wie – ja wie Liebe – zu allen!

Ich hege keine voreiligen, wertenden und ironischen Gedanken. Ich bemerke, dass ich mich in einem Zustand der absoluten Liebe befinde.

Ein bestimmter Gedanke geht mir durch den Kopf: Stell dir vor, das vielbeschriebene Paradies wäre gar kein Platz irgendwo dort oben – weit, weit von uns entfernt.

Stell dir vor, das Paradies wäre ein bestimmter Zustand unter den Menschen. Ein Zustand ohne jede Angst. Ein Zustand, der jederzeit möglich ist.

Kann ich lernen, diesen Zustand öfter zu erleben?

Diese Frage stelle ich mir oft.

Dieser Text berührt mich auch nach vielfachem Lesen und Vorlesen immer wieder neu. „Kann ich lernen, diesen Zustand öfter zu erleben?“ Diese Frage habe ich mir auch oft gestellt und kann sie für mich inzwischen mit einem klaren „ja“ beantworten.

Würde man die etwa 150 bis 200 Teilnehmer des oben genannten Treffens in ihrer Alltagskleidung auf einen Platz setzen, ohne dass sie wüssten, welche gemeinsame Leidenschaft sie haben – wie würden sie sich verhalten? Würden sie miteinander reden? Wenn sie nur ihre Berufe oder ihre Lebensform voneinander wüssten – wären sie trotzdem vorurteilsfrei? Was macht es aus, dass einander fremde oder wenig bekannte Menschen sich schnell gegenseitig schätzen lernen können?

Im Moment sitze ich in einer kleinen Bäckerei im nordhessischen Bergland. Habe das Motorrad vorhin auf dem Marktplatz geparkt und bin in meiner Bikerkluft über den Platz hierhergegangen. Blicke, in die ich Skepsis, Misstrauen und Vorsicht hineininterpretiere begegnen mir. Schaue ich den Menschen in die Augen, blicken sie häufig weg. Nur wenige erwidern mein Lächeln. Entgegenkommende weichen sichtbar deutlicher aus, als ich das sonst in Alltagskleidung erlebe.

„Rocker, bestimmt gewalttätig. Da muss man aufpassen. Gefährlich.“ Diese Gedanken unterstellte ich den Menschen vorhin. Nach einem Wochenende voller Gemeinschaft nun ein fast gegenteiliger Eindruck von menschlichem Miteinander. Wie in einer anderen Welt. Nur wegen der Kleidung. Schade, dass ich die Menschen hier nicht näher kennenlernen werde.

Wie wäre es, wenn mehr Menschen lernen würden, diesen Zustand eines besonderen Miteinanders zu lernen? Welche Auswirkungen hätte das länder- und kulturenübergreifend? Welchen Einfluss hätte das auf eine Sehnsucht, die vermutlich bei vielen Menschen sehr lebendig ist; dem Wunsch nach einem weltweit friedvollen Miteinander?

Diese Fragen stelle ich mir inzwischen auf oft. Und ich bemerke, daran mitzuwirken ist ein Teil meines Antriebes, das Modell Gewaltfreie Kommunikation weiter zu verbreiten.

So – ein Coachingbrief im gewohnten Format ist es heute nicht geworden. Eher die Niederschrift von Gedanken, die mich gerade sehr beschäftigen.

Wochenaufgabe: Prüfen Sie in dieser Woche doch einmal, welche urteilenden Gedanken über andere Menschen manchmal bei Ihnen auftauchen. Und wie es gelingen könnte, auch an diesen Menschen die Engelsflügel zu sehen. (Eine Metapher aus dem Film „Wie im Himmel“ von Kay Pollak dafür, alle Menschen in all ihrer Schönheit sehen zu können, auch wenn es gerade mal nicht so offensichtlich ist.)

Herausgeber:
Hartke Unternehmensentwicklung GmbH
Dunlopstraße 9, 33689 Bielefeld
Fon: 05205 / 7290525 und Fax: 05205 / 7290527
© Copyright Anja Palitza, Olaf Hartke

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s