540/2022 Kann ein Krieg gerecht sein?

Sehr geehrte Leserin, sehr geehrter Leser,

in der vergangenen Woche hatten wir im Coachingbrief einen Text des Dalai Lama zum Ukrainekrieg geteilt. Dazu erhielten wir interessierte Nachfragen zur Textstelle, in der vom Dalai Lama zwei namentlich erwähnte Kriege als „gerechtfertigt“, bzw. „gerecht“ angesehen werden.

„Wie kann das Oberhaupt einer religiösen Gemeinschaft einen Krieg als gerecht ansehen?“, so lautet eine mehrfach gestellte Frage.

Und der werden wir uns im Folgenden zuwenden.

Herzliche Grüße, heute nochmal von der Nordseeinsel Baltrum
Anja Palitza & Olaf Hartke

Thema: Kann ein Krieg gerecht sein?

Beispiel: In der Botschaft des Dalai Lama zum Weltfrieden lautet eine Passage:

„Ich möchte jedoch klarstellen, dass ich, obwohl ich zutiefst gegen den Krieg bin, nicht für Beschwichtigungsmaßnahmen eintrete. Oft ist es notwendig, einen starken Standpunkt einzunehmen, um einer ungerechten Aggression zu begegnen. Zum Beispiel ist uns allen klar, dass der Zweite Weltkrieg völlig gerechtfertigt war. Er „rettete die Zivilisation“ vor der Tyrannei Nazi-Deutschlands, wie Winston Churchill es so treffend formulierte. Meiner Meinung nach war auch der Koreakrieg gerecht, denn er hat Südkorea die Chance gegeben, schrittweise eine Demokratie zu entwickeln. Ob ein Konflikt aus moralischen Gründen gerechtfertigt war oder nicht, können wir aber erst im Nachhinein beurteilen. So können wir heute beispielsweise feststellen, dass das Prinzip der nuklearen Abschreckung während des Kalten Krieges einen gewissen Wert hatte. Dennoch ist es sehr schwierig, all diese Dinge mit einem gewissen Grad an Genauigkeit zu beurteilen. Krieg ist Gewalt, und Gewalt ist unberechenbar. Daher ist es besser, ihn nach Möglichkeit zu vermeiden und niemals davon auszugehen, dass wir im Voraus wissen, ob der Ausgang eines bestimmten Krieges vorteilhaft sein wird oder nicht.“

COPYRIGHT © DAS BÜRO SEINER HEILIGKEIT DES DALAI LAMA
https://www.dalailama.com/messages/world-peace/the-reality-of-war

Information: Die Botschaft des Dalai Lama haben wir im Coachingbrief geteilt, weil sie uns in wesentlichen Punkten aus dem Herzen spricht:

  • Es beunruhigt uns sehr, dass es eine Vielzahl von Menschen gibt, die Kriege befürworten und darin eine legale und akzeptable Vorgehensweise zur Wahrung oder Durchsetzung eigener Interessen sehen.
  • Wir wünschen uns, dass weltweit deutlich mehr Menschen über die Tragödien und Leiden eines Krieges so sehr entsetzt sind, dass sie sich offen und klar gegen Kriege aussprechen und auch eine Bereitschaft entwickeln, etwas dagegen zu tun.
  • Wir sehen ein großes Übel darin, dass Kinder über Medien unzählige Botschaften empfangen, dass gewaltvolle Auseinandersetzungen glamourös und heldenhaft sind und sie auf diese Weise an die entsetzlichen Auswirkungen gewohnt werden.
  • Wir finden es sehr bedenklich, dass Menschen in der Rolle von Soldaten durch die wirksamen Prinzipien von Befehl und Gehorsam dazu gebracht werden, gegen die eigenen inneren Überzeugungen andere Menschen töten.
  • Es ist frustrierend zu sehen, wie viel Geld – das genau genommen nicht da ist, sondern lediglich durch weitere Schulden geschaffen wird – für Rüstung ausgegeben wird, während die Schuldenbereitschaft für humanitäre Zwecke oder für Bildung vergleichsweise gering ist.

Zu diesen Aspekten der Botschaft des Dalai Lama haben wir eine große Zustimmung. Zwei Aspekte finden wir im Text, zu denen wir keine Zustimmung bzw. nur eine bedingte Zustimmung finden:

  • Wir teilen nicht die Ansicht, dass es „böse Menschen“ gibt. Es gibt Menschen, die Entscheidungen treffen und sich auf eine Art und Weise verhalten, dass die Bedürfnisse anderer Menschen in einem solch hohen Maß unberücksichtigt bleiben, dass wir darüber empört, entsetzt und fassungslos sind. Und manchmal müssen wir uns gedanklich bemühen, unsere Urteile über solche Menschen an die Seite zu schieben und uns anstrengen, zu sehen, dass auch diese Entscheidungen und Handlungen, der Erfüllung von menschlichen Bedürfnissen dienen. Die Bedürfnisse dieser Menschen zu sehen, heißt jedoch in keiner Weise deren Handlungen zu akzeptieren. Verstehen heißt nicht einverstanden zu sein.

    Und wir wünschen uns sehr, sehr, sehr, dass diese Menschen erkennen, dass ihre Entscheidungen und Handlungen die Rechte anderer Menschen in einem tragischen Ausmaß beeinträchtigen und dass sie darüber hinaus in der Lage wären, andere Strategien zu finden, die die Bedürfnisse aller Beteiligten deutlich mehr berücksichtigen. Doch „böse Menschen“ sind dies aus unserer Sicht nicht.
  • Und – um nun die Leserfragen zu beantworten – die Ansicht, dass der Koreakrieg gerecht war, teilen wir ebenfalls nicht. (Zumindest nicht nach dem heutigen Stand unserer Kenntnisse über den Koreakrieg.)
  • Zum Zweiten Weltkrieg schreibt der Dalai Lama, dass es ein „gerechtfertigter“ Krieg gewesen sei. Diese Ansicht teilen wir nur bedingt. Den Beginn des Zweiten Weltkrieges – den Angriffs- und Eroberungskrieg des Nazi-Deutschlands gegen seine friedlichen Nachbarn, der unter anderem das Ziel verfolgte, jüdische Menschen (auch Zivilisten) in ganz Europa zu töten – empfinden wir ohne Einschränkung als ungerecht. Wir vermuten auch ganz stark, dass der Dalai Lama sich mit der Aussage, dass er diesen Krieg als gerechtfertigt ansehe, nicht auf diesen Anfangsteil des Zweiten Weltkrieges bezog.

    Dieser ursprünglich deutsche Krieg wurde dann durch den Eintritt der USA zum Zweiten Weltkrieg und hatte aus Sicht der Alliierten Streitkräfte das Ziel, die damalige deutsche Regierung zu stoppen, bis dahin friedliche Länder zu erobern und unschuldige Menschen zu töten. In der Annahme, der Dalai Lama bezieht sich mit der Sichtweise, dass der Zweite Weltkrieg ein gerechtfertigter Krieg sei, auf den Krieg der Alliierten Streitkräfte gegen das damalige Deutschland, um unschuldige Menschen zu schützen, dann können wir anerkennen und verstehen, diesen Krieg der Alliierten als gerechtfertigt (im Sinne einer Entscheidung aufgrund sehr klarer Gründe) anzusehen, weil er die Bedürfnisse von Millionen von unbeteiligten und wehrlosen Menschen schützte.

„Gerechtfertigt“ ist für uns nochmal etwas anderes als „gerecht“. Wir diskutieren auch selbst – jetzt mittlerweile seit ein paar Tagen – noch miteinander darüber, ob etwas gerecht ist, weil man es rechtfertigen kann – im Sinne von „die guten Gründe darin sehen können“.

Wir werden vermutlich auch in den nächsten Tagen keine generelle Antwort darauf finden, denn aus unserer Sicht sind wir damit bei der Frage, ob man dem Prinzip des Konsequentialismus zustimmen kann oder nicht – den meisten bekannt als die Frage, ob der Zweck die Mittel heiligt, oder nicht. Und dies ist für uns eine sehr weitreichende und auch sehr persönliche, individuelle Frage.

Ist es gerechtfertigt, zum Schutz unschuldiger Menschen selbst zu den Waffen zu greifen und Menschen zu töten? Oder ist das nicht gerechtfertigt – mit der Konsequenz, diesem Töten weiter zuzusehen? Wir sind uns darüber noch unklar. Nicht nur im Miteinander, sondern auch jeder von uns individuell mit sich selbst noch unklar.

In der Gewaltfreien Kommunikation gibt es das Konzept von „schützender Anwendung von Macht“. In Kürze – das bedeutet, es ist gewaltfrei, die Bedürfnisse anderer Menschen bewusst einzuschränken, um Schaden von ihnen und/oder anderen abzuwenden.

Ist es daher gerecht, bewaffnete Menschen in ein Kriegsgebiet zu senden, damit sie dort Menschen töten, die gerade Menschen töten?

Ist es gerecht gegenüber Soldaten, ihnen den Befehl zum Töten zu geben, wenn sie selbst dies nicht wollen?

Ist es gerecht, wenn ethisch überzeugte Soldaten andere Soldaten töten, die auf Befehl handeln und ihr eigenes Leben gefährden, wenn sie die Befehle nicht ausführen?

Ist es gerecht, zuzusehen – oder auch wegzusehen und sich um Eigenes zu kümmern – wenn unbewaffnete Menschen – darunter auch alte Menschen, Frauen, Kinder – beschossen und erschossen werden?

Ist es daher gerechtfertigt, dass Staaten in Kriege eingreifen, um diese Menschen zu schützen? Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. Wir können diese Frage aktuell selbst nicht beantworten.

Für uns sind das Fragen, auf die wir keine generelle Antwort geben können. Fragen, die nur jeder für sich selbst beantworten kann.

Aktuelles

Weitere Seminare
29.04.2022 Wandeltage 2022 – Jahresausbildung (WT 3, 6 Module, 18 Tage) (2 Plätze frei)
21.05.2022 GFK-Tag in Erfurt: https://www.gfk-info.de/seminar/gfk-tage-in-erfurt/
30.05.2022  Einführung in die GfK Erfurt Jugendberufshilfe Thüringen e.V. (2 Tage)
14.06.2022  Trainer(innen)ausbildung in Präsenz (TTT 41, 4 Module, 20 Tage – Trainerteam)
20.10.2022  Trainer(innen)ausbildung Online (4 Module, 20 Tage – Trainerteam)
04.09.2022  Bildungsurlaub GfK und Führung in Dießen am Ammersee (5Tage)
27.11.2022  Bildungsurlaub Einführung GfK Spiekeroog (5 Tage)
06.01.2023  Wandeltage 2023 Online – Jahresausbildung GFK (6 Module á 3 Tage)
08.02.2023  Systemisches Konsensieren (Ausbildung Moderation von Gruppenentscheidungen)
06.05.2023  Wandeltage 2023 Präsenz –(6 Module à 3 Tage)

Weiteres finden Sie auf unserer Website:
https://erfolgsschritte.de/seminare-trainings/termine.php

Es sind noch nicht alle Informationen zu den Seminaren aktualisiert; fragen Sie direkt bei uns nach, wenn Sie konkrete Fragen dazu haben.

Herausgeber:
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Dunlopstraße 9, 33689 Bielefeld
Fon: 05205 / 7290525 und Fax: 05205 / 7290527
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