541/2022 Die zwei Gründe, weshalb wir mit anderen Menschen sprechen

Liebe Leserin, lieber Leser,

der Krieg in der Ukraine beschäftigt uns seit Ende Februar sehr und dadurch haben wir ein Coachingbrief-Thema in den letzten Wochen immer wieder auf die nächste Ausgabe verschoben.

Während der Tage auf der Hohgant-Hütte ging es in einem Gespräch auch um den Unterschied zwischen „Feedback“ und „Aufrichtigkeit“. Die meisten Menschen unterscheiden nicht zwischen den beiden für uns grundsätzlich unterschiedlichen „Gesprächs-Gründen“, die bei Feedback und Aufrichtigkeit zugrunde liegen.

Wir hatten zugesagt, dies nochmal in einem Coachingbrief darzulegen, doch den gibt es schon:

Heute möchten wir ergänzend ein Beispiel dazu vorstellen und auch nochmal die Frage beleuchten, weshalb Menschen sich überhaupt äußern – zwei grundlegende Gründe gibt es da nach dem Modell Gewaltfreie Kommunikation.

Herzliche Grüße, heute von uns beiden aus Jena

Anja Palitza & Olaf Hartke

Thema: Die zwei Gründe, weshalb wir mit anderen Menschen sprechen

Zitat: „Es ist nicht wichtig, wie schön die Worte klingen, sondern wie ehrlich sie sind.“ (gefunden im WWW)

Beispiel: Ein kurzer Dialog:

A: „Ich finde, das könntest Du anders machen. Ich sag Dir mal wie…“
B: „Ich habe Dich nicht um Deine Meinung gebeten.“
A: „Ich meine es doch nur gut und es wäre sinnvoll, wenn Du an dieser Stelle offen für ein Feedback wärst.“
B: „Aha.“

Information: Weshalb sprechen wir mit anderen Menschen? Wenn Menschen den Mund öffnen, um etwas zu sagen, tun sie dies nach dem GFK-Modell immer mit der Absicht, sich damit ein Bedürfnis zu erfüllen. Sprechen und etwas mitteilen ist die Strategie-Ebene und dahinter gibt es immer ein Motiv – ein Bedürfnis, das wir uns mit dem Gespräch erfüllen wollen.

Auch wenn Sprache immer dazu dient, ein eigenes Bedürfnis zu erfüllen, kann man dennoch zwei Kategorien von Äußerungen definieren:

  1. Der Fokus liegt bei mir (Aufrichtigkeit)
    Ich habe ein Bedürfnis und ich erfülle es mir, indem ich ein Gespräch beginne:
  • Ich verstehe etwas nicht und frage andere.
    (Bedürfnisse: Klarheit, Orientierung, Verständnis für die andere Person…)
    „Sag mir bitte mal, wie…“
    „Kannst Du mir nochmal sagen…?“
  • Ich möchte wissen, wie es anderen geht.
    (Bedürfnisse: Interesse, Kontakt, Austausch, Nähe…)
    „Wie geht es Dir damit, wenn ich…?“
    „Wie ist das für Dich, wenn die anderen…?“
  • Ich möchte sicher gehen, dass ich mich verständlich ausgedrückt habe.
    (Bedürfnisse: Klarheit, Sicherheit, Wirksamkeit, Effizienz…)  
    „Was hast Du jetzt von mir verstanden?“
    „Ich bin grad unsicher, ob ich mich damit verständlich machen konnte. Würdest Du mir in Deinen Worten nochmal sagen, was bei Dir angekommen ist?“
  • Mir gefällt etwas nicht und ich bitte um Veränderung.
    (Bedürfnisse: Rücksicht, Fairness, Leichtigkeit, Unterstützung…)
    „Ich merke, ich bin unzufrieden, wenn ich Deinen Vorschlag höre. Mir ist wichtig… und mein Vorschlag ist… Einverstanden?“
    „Das finde ich frustrierend, denn mir liegt am Herzen, dass wir… und daher möchte ich, dass… Können wir uns darauf einigen?“

Bei den folgenden Beispielen ist eine Bitte am Ende nicht erforderlich. Hier geht es hauptsächlich darum, etwas zum Ausdruck zu bringen und gehört zu werden.

  • Ich möchte gehört werden mit einer Freude, die ich mitteilen möchte oder mit einem Bedauern, dass ich in mir trage. In der Gewaltfreien Kommunikation hat sich dies als Tagesabschluss in den Seminaren etabliert als „Feiern-Bedauern-Ritual“.
    (Bedürfnisse: Feiern, Bedauern, „gesehen/gehört werden“)
    „Ich habe heute erlebt, wie… (Beobachtung) und ich bin dadurch… (Gefühl). Mir ist es so wichtig, dass… (Bedürfnis)“
    „Mir ist heute… passiert (Beobachtung). Das ist für mich… (Gefühl), denn es hat eine große Bedeutung für mich, wenn man… (Bedürfnis).“
  • Mir gefällt etwas und ich möchte das anderen mitteilen. Ich möchte meine Wertschätzung zum Ausdruck bringen.
    (Bedürfnisse: Verstanden werden, Dankbarkeit ausdrücken…)
    „Wenn ich erlebe, dass Du,… dann fühle ich mich…, weil sich dadurch… für mich erfüllt.“
    „Ich habe so große Freude/Dankbarkeit (Gefühl), wenn ich sehe, wie Du… (Beobachtung). Das ist für mich… (Bedürfnis).“

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass wir beim Fokus auf uns selbst entweder um etwas für uns bitten oder wir wollen, dass andere etwas von uns wissen.

2. Der Fokus liegt beim Gegenüber (Rückmeldung/ Feedback)
Mein Bedürfnis ist es, andere zu unterstützen, nachdem ich angesprochen und gefragt wurde.

Es ist der Wunsch meines Gegenüber etwas von mir zu erfahren. Über…

  • meine Beobachtungen zu Sachverhalten…
  • meine Befindlichkeit mit etwas… (Gefühle und Bedürfnisse)
  • meine Sichtweise oder Einschätzung zu etwas…
  • meine Wünsche oder konkreten Umsetzungsvorstellungen…

Ich agiere also erst, wenn ich gebeten werde und will den anderen in seiner Bitte so gut wie möglich unterstützen. Hier geht es nicht um mich und meine Interessen.

Das „Feedback“, dass wir anderen geben, ohne darum gefragt worden zu sein, ist somit für uns kein Feedback – das ist Aufrichtigkeit. Ich will etwas mitteilen.

Zum „Sofort-Üben“: Wo sehen Sie den Fokus bei der Person A aus unserem Beispiel? Wie hätte Person A ihr/sein Anliegen deutlicher zum Ausdruck bringen können? (Unsere Beobachtung eines Momentes finden Sie am Ende des Coachingbriefes.)

Wochenaufgabe: Nehmen Sie sich diese Woche einmal Zeit und überlegen Sie sich bevor Sie sprechen folgendes:

Wollen Sie gerade Aufrichtigkeit üben, weil Sie ein Anliegen verfolgen oder reagieren Sie auf etwas, dass Ihr Gegenüber von Ihnen erfragt/erbeten hat?

Aktuelles

Weitere Seminare
29.04.2022  Wandeltage 2022 – Jahresausbildung (WT 3, 6 Module, 18 Tage) (2 Plätze frei)
21.05.2022  GFK-Tag in Erfurt: https://www.gfk-info.de/seminar/gfk-tage-in-erfurt/
30.05.2022  Einführung in die GfK Erfurt Jugendberufshilfe Thüringen e.V. (2 Tage)
14.06.2022  Trainer(innen)ausbildung in Präsenz (TTT 41, 4 Module, 20 Tage – Trainerteam)
04.09.2022  Bildungsurlaub GfK und Führung in Dießen am Ammersee (5Tage)
20.10.2022  Trainer(innen)ausbildung Online (4 Module, 20 Tage – Trainerteam)
27.11.2022  Bildungsurlaub Einführung GfK Spiekeroog (5 Tage)
06.01.2023  Wandeltage 2023 Online – Jahresausbildung GFK (6 Module á 3 Tage)
08.02.2023  Systemisches Konsensieren (Ausbildung Moderation von Gruppenentscheidungen)
06.05.2023  Wandeltage 2023 Präsenz –(6 Module à 3 Tage)

Weiteres finden Sie auf unserer Website:
https://erfolgsschritte.de/seminare-trainings/termine.php

Es sind noch nicht alle Informationen zu den Seminaren aktualisiert; fragen Sie direkt bei uns nach, wenn Sie konkrete Fragen dazu haben.

Herausgeber:
Hartke Unternehmensentwicklung GmbH
Dunlopstraße 9, 33689 Bielefeld
Fon: 05205 / 7290525 und Fax: 05205 / 7290527
http://www.ab-ins-kloster.de
© Copyright Anja Palitza & Olaf Hartke

Unsere Beobachtungen zur Sofort-Üben-Aufgabe:

A: „Ich finde, das könntest Du anders machen. Ich sag Dir mal wie…“

Person A beginnt das Gespräch mit dem Fokus auf sich selbst gerichtet. Auch wenn es anmutet, dass sie das Gegenüber unterstützen möchte, so verfolgt sie doch ein eigenes Anliegen. Sie bittet um eine Veränderung oder schlägt diese zumindest vor.

Unser Vorschlag für einen Gesprächseinstieg, der deutlich macht, dass man selbst ein Anliegen hat, könnte wie folgt klingen:

A: „Wenn ich sehe, wie Du das handhabst, werde ich unruhig, weil ich gerne effektiver arbeiten möchte. Ich habe eine Idee, wie es zeitsparender umsetzbar ist. Magst Du die Idee von mir hören?“

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