330/2018 Der Tag der peinlichen Momente

Liebe Leserin, lieber Leser,

wir stolpern gerade über den heutigen Gedenktag und finden, er eignet sich als Thema für einen Coachingbrief.

Und genau genommen ist es der gestrige Gedenktag, denn wenn Sie am Montag unsere Zeilen von Sonntag lesen, dann ist bereits morgen und heute damit schon gestern.

Herzliche Grüße, diese Woche von uns beiden aus Bielefeld

Anja Palitza & Olaf Hartke

 

Thema: Der Tag der peinlichen Momente

Zitat: „Wahrhaftigem Leben ist nichts peinlich, ist doch alles ein Teil seines Seins.“ (Robert Kroiß)

Beispiel: In den USA wird heute des „National Awkward Moments Day“ gedacht; dem Tag der peinlichen Momente.

https://www.kuriose-feiertage.de/tag-der-peinlichen-momente/

Wir sitzen am Frühstückstisch und überlegen uns, welcher peinlichen Erlebnisse wir gedenken können. Da gibt es schon eine ganze Reihe, stellen wir fest. Und gleichzeitig hilft uns der Blick durch die GFK-Brille auf das Konzept der Peinlichkeit, dabei nicht mit uns zu hadern, sondern diese Momente ziemlich gelassen als Teil unserer Vergangenheit anerkennen zu können.

Information: Bei Klaus Karstädt haben wir gelernt: Peinlichkeit ist die Vorstellung, dass wir etwas getan haben, über das wir später denken, es wäre besser gewesen, es nicht getan zu haben, weil man das (so) nicht macht. In Verbindung mit diesem Denken, dass man etwas Falsches oder etwas auf eine falsche Art und Weise getan habe, zeigt sich das, was wir Peinlichkeit nennen auf der Gefühlsebene. Häufig durch die Sorge, dass das, was wir getan oder  von uns gezeigt haben, dazu führen könnte, dass andere nun etwas über uns denken, das zu weniger Anerkennung oder geringerer Wertschätzung führt. Auch Bedürfnisse nach Verbindung und Zugehörigkeit könnten sich als unerfüllt zeigen, wenn wir denken, wir hätten etwas Peinliches getan oder gezeigt.

In jeder Kultur scheint es auch feste Konventionen und Regeln dafür zu geben, was peinlich ist. Und wenn Menschen zusammen kommen, dann gibt es oft auch Menschen, die auf diese Regeln aufmerksam machen. Durch Fragen wie: „Ist Dir das jetzt nicht peinlich?“ Oder durch klare Feststellungen: „Oh Gott, es ist einfach nur peinlich mit Dir.“

Da gibt es ziemlich viele Formulierungen in unserem Sprachgebrauch, mit denen wir anderen Menschen Peinlichkeit zuschreiben oder uns selbst dafür im eigenen stillen Dialog anprangern.

Das Konzept wird auch sehr häufig genutzt, um Kindern und Jugendlichen zu verdeutlichen, dass sie gerade ein Verhalten zeigen, welches zumindest die Person, die nun die Peinlichkeit anspricht, lieber nicht erlebt hätte.

Und weshalb nicht? Klar – weil in der gegenwärtigen Situation durch die „peinliche Person“ oder eben auch das eigene „peinliche Verhalten“ bestimmte Bedürfnisse sehr lebendig werden. Leider lernen wir in unserer Kultur nicht sehr intensiv, uns gegenseitig auf nicht erfüllte Bedürfnisse aufmerksam zu machen und erfolgversprechende Bitten zu stellen. Stattdessen lernen wir im Rahmen unserer Erziehung und Sozialisierung vielmehr die klaren Regeln für peinliches Verhalten, das „man besser nicht zeigt“.

Und wir lernen das auf eine intensive und nachhaltige Weise. Der Hirnforscher Gerald Hüther sagt: „Menschen lernen dann am besten, wenn intensive Gefühle das Lernen zum Erlebnis machen.“

Und Kinder lernen durch das Peinlichkeits-Konzept bereits sehr früh intensiv und nachhaltig, „wie man sich benimmt“. Viele dieser Lektionen werden im Leben des Erwachsenen sogar auf unbewusster Ebene immer wieder lebendig und sorgen für eine „Korrektur“ im Verhalten. Durch die eigene Erinnerung oder durch die Erinnerung der anderen Beteiligten, die ja – obwohl meistens unerwünscht – doch oft zuverlässig kommt.

„Das ist Dir jetzt schon peinlich, oder?“

Wie anders könnte unsere Welt sein, wenn Kinder lernen würden, dass durch bestimmte Verhaltensweisen – die nichts anderes sind, als der Versuch, sich mit ihren gegenwärtigen Möglichkeiten in der am besten zur Verfügung stehenden Art und Weise ihre eigenen göttlichen Bedürfnisse zu erfüllen – bei anderen Menschen bestimmte Bedürfnisse nicht erfüllt sind und sich diese Menschen lediglich eine Veränderung der Situation wünschen, damit sie sich wieder wohler fühlen können?

Auch Kinder tragen mit großer Leidenschaft dazu bei, anderen das Leben zu verschönern, wenn sie wissen, wie sie das tun können und wenn sie es frei entscheiden können. Das Konzept der Peinlichkeit ist aus unserer Sicht dabei völlig überflüssig.

Zum „Sofort-Üben“: Das Magazin „Stern“ hat auf seiner Website Fotos zum National Awkward Day veröffentlicht. Schauen Sie diese Fotos einmal an und überlegen Sie dabei, welche Bedürfnisse bei einem Betrachter, der diese Situation als „peinlich“ interpretiert, nicht erfüllt sein könnten.

https://www.stern.de/fotografie/viewfotocommunity/aktionen/die-besten-bilder-zum-awkward-moments-day-7368352.html#mg-1_1521451902080

(Unsere Interpretationen und Annahmen dazu finden Sie am Ende des Coachingbriefes)

Wochenaufgabe: Versuchen Sie hinter jedem „peinlichen Verhalten“ bei sich und anderen die erfüllten Bedürfnisse zu entdecken.

Aktuelles:

Einführungsseminar Gewaltfreie Kommunikation am 26./27. Mai 2018 in Jena.
Übungs- und Vertiefungsseminar am 1./2. September 2018 in Jena.

Wer gerne Reisen und Lernen miteinander verbindet und das gemeinsame füreinander Dasein erleben möchte, dem legen wir unser Seminar auf dem Hohgant nahe. Wir werden 2019 erneut den Berg besteigen. Da wir im kommenden Jahr unser zehnjähriges Hohgant-Jubiläum feiern, bieten wir gleich zwei Gelegenheiten:

Vom 22.02.-27.02.2019 – Hohgant für Paare (Speziell auf Paare ausgerichtete Inhalte)

Vom 27.02.-03.03.2019 – Hohgant für Einzelteilnehmer und natürlich auch für Paare (allerdings keine speziell auf Paar-Themen ausgerichteten Inhalte)

In beiden Seminaren schauen wir auf die Grundlagen Gewaltfreier Kommunikation und bieten in darauf aufbauenden Übungen weitere Einblicke in verschiedene vertiefende Aspekte des Modells Gewaltfreie Kommunikation an.

Informationen zum Paar-Seminar folgen; alle weiteren Termine und Informationen finden Sie hier:
www.ab-ins-kloster.de

 

Herausgeber:
Hartke Unternehmensentwicklung GmbH
Dunlopstraße 9, 33689 Bielefeld
Fon: 05205 / 7290525 und Fax: 05205 / 7290527
© Copyright Anja Palitza, Olaf Hartke

Unser Vorschlag:

Der Hund der Kopfstand macht

Tja, was ist daran überhaupt peinlich? Die gespreizten Beine und die Sicht auf die Geschlechtsteile des Hundes?

 

Die Frau, die von anderen dabei unterstützt wird, den Rücken des Elefanten zu erklimmen

Peinliche Interpretation könnte sein: Zu dick, um aus eigener Kraft hochzukommen.

Möglicherweise lebendige Bedürfnisse: etwas Erleben, eine spannende Zeit verbringen, Neues entdecken.

Möglicherweise erfüllte Bedürfnisse: Unterstützung

 

Der Reiter auf dem Pferd, das vor dem Pfeiler eines Sprung-Hindernisses sitzt

Peinliche Interpretation könnte sein: (Beim Reiter) Das hätte mir nicht passieren dürfen; ich bin kein guter Reiter, gehöre nicht auf dieses Turnier.

Möglicherweise lebendige Bedürfnisse: Anerkennung seiner Fähigkeiten, Zugehörigkeit zur Gruppe der Teilnehmenden

Möglicherweise erfüllte Bedürfnisse: Keine Idee.

 

Der asiatische Soldat, der in der Nase bohrt

Peinliche Interpretation könnte sein: Man bohrt nicht in der Nase, wenn andere es sehen könnten.

Möglicherweise erfüllte Bedürfnisse: Körperliches Wohlbefinden durch das Befreien von einem Juckreiz, Vorsorge und Sicherheit indem man sich von etwas befreit, von dem man nicht möchte, dass andere es sehen. [Tricky: Was ist „peinlicher“? Das gesehen wird, dass man in der Nase bohrt oder das gesehen wird, dass sich etwas in der Nase befindet, von dem andere denken könnten, das es da nicht sein sollte?]

 

Die Frau im bunten Kleid auf einer Art selbst gebasteltem „Liege-Rollstuhl“

Peinliche Interpretation könnte sein: Keine Idee.

Möglicherweise erfüllte Bedürfnisse: An etwas teilnehmen, bei etwas dabei sein. Unterstützung von anderen, weil die eigenen Kräfte gerade nicht ausreichen.

 

Die Menschen, die ein einem öffentlichen Verkehrsmittel  sitzen und unterhalb der Hüfte nur Unterwäsche tragen

Peinliche Interpretation der Mitreisenden könnte sein: So zeigt man sich nicht in der Öffentlichkeit.

Möglicherweise lebendige Bedürfnisse bei Mitreisenden: Sicherheit, Schutz vor einem Anblick, den man als Intimsphäre anderer ansieht und nicht sehen mag.

Möglicherweise erfüllte Bedürfnisse der „Bein-Zeigenden“: Freude und Spaß bei einer Sache, einer Gemeinschaftsunternehmung, die sich uns als Bildbetrachter grad nicht genauer offenbart. Zugehörigkeit zu einer Gruppe von Gleich-Handelnden. Beachtung und „Gesehen werden“.

 

Der Wasserski-Sportler in der roten Weste

Peinliche Interpretation könnte sein: Was für eine schlechte Haltung. Und die Hose rutscht auch noch.

Möglicherweise lebendige Bedürfnisse: Schutz, so möchte ich nicht von anderen gesehen werden.

Möglicherweise erfüllte Bedürfnisse: Spaß an einer sportlichen Tätigkeit/Herausforderung.

 

Der uniformierte Mann, der an die Rückentasche eines anderen Uniformierten greift und seinen Kopf dahin hinunterbeugt

Peinliche Interpretation könnte sein: Sieht aus, als würde ich am Po des Soldaten riechen.

Möglicherweise lebendige Bedürfnisse in der Situation: Klarheit über den korrekten Sitz eines Ausrüstungsgegenstandes.

 

Die Frau in Schwebehaltung im Luftkanal

Peinliche Interpretation könnte sein: Wir finden da nichts.

 

Der Stierkämpfer, der über die Schutzwand springt

Peinliche Interpretation könnte sein: Ich sollte nicht weglaufen.

Möglicherweise lebendige Bedürfnisse: Anerkennung und Wertschätzung, Zugehörigkeit

Möglicherweise erfüllte Bedürfnisse: Sicherheit, Schutz vor einem angreifenden Tier

 

Die beiden Frauen mit roter Kopfbedeckung und einem Ring um die Hüfte

Peinliche Interpretation könnte sein: Wie albern ist das denn, so herumzulaufen?

Möglicherweise erfüllte Bedürfnisse: Zuverlässig sein und einen Auftrag erfüllen

 

Die Rückseite eines Frauenkörpers in Miederwäsche

Peinliche Interpretation könnte sein: So zeigt man sich nicht.

Möglicherweise erfüllte Bedürfnisse: Anerkennung und Wertschätzung, „Gesehen werden“

 

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