353/2018 Die kognitive „Bewusstlosigkeit“ vermeiden

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

das heutige Zitat liest sich vielleicht so, als hätten wir es falsch abgeschrieben. Es lautet jedoch wirklich so und regte uns zum Nachdenken an. Wir wünschen Ihnen eine gewaltfreie Woche.

Herzliche Grüße aus Jena und Bielefeld

Anja Palitza & Olaf Hartke

 

Thema: Die kognitive „Bewusstlosigkeit“ vermeiden

Zitat: „Sprich, wenn Du wütend bist, und Du wirst die beste Rede halten, die Du jemals bereuen wirst.“ (Laurence J. Peter)

Beispiel: Petra hatte vor kurzem ein Seminar in Gewaltfreier Kommunikation besucht. Sie hatte sich fest vorgenommen, die Haltung der Gewaltfreien Kommunikation umzusetzen und die empfohlenen Schritte anzuwenden. Besonders im Kontakt mit ihren Kindern möchte sie ein Vorbild sein und ihnen wertschätzend und achtsam begegnen. Sie hatte schon lange vor dem Seminar erkannt, dass sie oftmals in Verhaltensmuster rutscht, die von Vorwürfen, Kritik und Schuldzuweisungen geprägt sind.
Petra hatte herausgefunden, dass dies besonders in Situationen geschieht, in denen sie den Eindruck hat, dass ihre Wünsche und Bedürfnisse nicht berücksichtigt werden und sie sich darüber ärgert. Die nicht gewünschten Verhaltensreaktionen laufen dann in der Regel sehr schnell ab – wie ein Automatismus.
Auch kürzlich, als sie gerade den Flur gewischt hatte und ihre beiden Kinder, sieben und neun Jahre alt, vom Spielen hochkamen. Statt ihre Schuhe, wie von Petra gewünscht, vor der Tür auszuziehen, standen sie mit lachenden und vor Aufregung noch hochroten Gesichtern im Wohnzimmer. Sie wollten erzählen, was sie erlebt hatten. Doch dazu kamen sie nicht. Petras erster Begrüßungssatz war folgender: „Wie seht Ihr denn aus? Raus. Das ist mit Euch zum Kotzen. Könnt Ihr nicht einmal das machen, was man Euch sagt?“ In dem Moment, wo die Worte ihren Mund verlassen hatten und sie ihr bewusst wurden, schämte sie sich. Genauso wollte sie doch nicht wieder reagieren.

Information: Die Gewaltfreie Kommunikation hilft uns, dass wir viel bewusster wahrnehmen, was wir fühlen und was wir brauchen. Wenn wir in der Haltung der Gewaltfreien Kommunikation bleiben wollen, dann ist es wie ein beständiges achtsames Training im Hier und Jetzt.

Doch der Alltag mit seinen Anforderungen und unseren liebsten und wichtigsten Beziehungen setzen immer wieder Auslösereize, die bei uns sehr schnell intensivste Gefühle auslösen und eher unsere alten und gewohnten Handlungsmuster aktivieren. Wir verlassen dann das Hier und Jetzt und wählen keinerlei bewusste Reaktionsweisen, sondern reagieren eher unbewusst. Wie kann das geschehen, obwohl wir doch anders reagieren wollten?

Der Hirnwissenschaftler Gerald Hüther erklärt dies so: Alles, was Menschen lernen, speichern sie im Großhirn ab. Dies ist die „Datenbank“ unseres Wissens und unserer erlernten Fähigkeiten. Uneingeschränkten Zugriff auf diesen Bereich unseres Gehirns haben wir allerdings nur dann, wenn wir in einem ressourcenvollen Zustand sind. Je mehr wir Belastungen zu tragen haben, aus der Balance geraten und das Gehirn unter Stress steht, desto weniger können wir diese neu erlernten kognitiven Strategien nutzen.

Verlieren wir den Zugang zu diesen Ressourcen, nutzen wir wieder die Verhaltensweisen, die wir „noch sicherer beherrschen“ – unsere jahrelang antrainierten Verhaltensmuster – vielleicht sogar die aus der Kindheit. Und wenn die Umstände uns ganz intensiv fordern und auch diese Verhaltensweisen uns nicht in unsere Balance zurückbringen, dann schalten wir noch eine Stufe herunter und unser Stammhirn (auch Reptiliengehirn genannt) übernimmt die Kontrolle. Mit drei sehr eingeschränkten Möglichkeiten, die reflexhaft auftreten: Angriff, Flucht und Erstarren.

Wenn wir also die bewusste Ebene verlassen, übernehmen unbewusste Regionen in den neuronalen Netzwerken die Kontrolle und dem Gehirn ist es in bestimmten Situationen erstmal egal, welche Begleiterscheinungen die schnellen Lösungen mit sich bringen. Viele Dinge, die Beruhigung bringen, sind erstmal eine Lösung und jede schnell einsetzende Beruhigung wirkt wie ein Erfolgserlebnis im Gehirn. Damit werden jedoch auch die alten Handlungsmuster wieder verstärkt.

Wie finden wir da selber wieder heraus und in die Haltung der Gewaltfreien Kommunikation wieder hinein?

Der Weg, aus den eingeschränkten Stammhirnfunktionen (angreifen, fliehen, erstarren) zurück in das Großhirn führt über das Zwischenhirn – auch „Pforte zum Bewusstsein“ genannt. Durch einfache Körperwahrnehmungen und Achtsamkeitsübungen kann man relativ schnell und zuverlässig wieder in Balance kommen. Aktivitäten wie z.B. Gesicht, Hände und Unterarme in kaltes Wasser tauchen, ein Fenster öffnen oder vor die Tür treten und mindestens zehnmal tief durchatmen können hilfreich sein. Eine weitere Möglichkeit ist, sich auf den Herzschlag zu konzentrieren, den eigenen Pulsschlag zu fühlen.

„Kontakt zum Körper aufnehmen“ heißt also die Devise in diesem Zustand und wenn das gelungen ist und wir den Körper wieder spüren, sind wir nach diesem ersten Schritt auch wieder fähig zur Selbstempathie. Im zweiten Schritt nehmen wir also Kontakt auf zu unseren aktuellen Gefühlen und Bedürfnissen.

Wenn die reinen Gefühle und die unerfüllten Bedürfnisse erkannt sind legt sich in der Regel auch wieder die „Unruhe im Großhirn“ (Gerald Hüther) und wir finden wieder Zugang zu unserem Wissen und den neueren hinzugewonnenen Fähigkeiten.

Zum Sofort Üben: Wie kann Petra in dieser Situation reagieren? (Unsere Gedanken finden Sie am Ende des Coachingbriefes.)

Wochenaufgabe: Verwenden Sie diese Woche einmal etwas Zeit, um herauszufinden, was Sie tun, wenn Sie in Ihrem Verhalten „bewusstlos“ werden und Ihren Verhaltensweisen freien Lauf lassen. Teilen Sie diese Erkenntnis Ihren wichtigsten Beziehungspartnern mit und vereinbaren Sie mit diesen ein Zeichen, dass Sie unterstützt wieder bewusst zu werden und Sie an Ihren ursprünglichen Verhaltenswunsch erinnert.

Aktuelles: Für das Vertiefungsseminar Gewaltfreie Kommunikation am 01./02. September 2018 in Jena ist aktuell noch ein Platz freigeworden. Kurzentschlossene haben somit noch einmal die die Chance, sich diesen Platz zu sichern und damit, Ihre neugewonnen Handlungsstrategien aus dem Einführungsseminar zu festigen.

Wer aus den alten Handlungsmuster aussteigen möchte, den legen wir unser Einführungsseminar Gewaltfreie Kommunikation vom 19.-21. Oktober 2018 in Berlin ans Herz. Hier beginnen Sie bewusster zu leben und lernen, wie Sie viel schneller bei sich ankommen können.

Weitere Angebote und nähere Informationen:
http://www.erfolgsschritte.de/seminare-trainings/termine.php

Herausgeber:
Hartke Unternehmensentwicklung GmbH
Dunlopstraße 9, 33689 Bielefeld
Fon: 05205 / 7290525 und Fax: 05205 / 7290527
© Copyright Anja Palitza und Olaf Hartke

Anregung: Petra ist durch ein „sich selber zuhören“ wieder ins Hier und Jetzt zurückgekehrt. Sie hatte auch schon wieder Kontakt zu ihren Gefühlen (Scham, evtl. auch Trauer). Diese Gefühle kann sie nutzen, um sich mit dem zu verbinden, was ihr als Bedürfnis am Herzen liegt. In diesem Fall, möchte sie eine einfühlsame Verbindung mit ihren Kindern und braucht auch die Rücksichtnahme und die Unterstützung, so dass ihre Bemühungen auch gewürdigt und erhalten bleiben (Sauberkeit in der Wohnung).

Mit dieser Erkenntnis kann sie jetzt auf die Kinder zugehen. Vielleicht sind die Kinder erschrocken oder auch enttäuscht durch die Reaktion der Mutter. Hier kann Petra die Kinder erst einmal fragen und in eine einfühlsame, empathische Verbindung gehen. Sie kann auch vermuten, was die Kinder veranlasst hatte, mit den Schuhen gleich ins Wohnzimmer zu kommen. Und sie hat dann die Möglichkeit sich selber mitzuteilen und die Kinder darauf aufmerksam zu machen, wie sie die Mutter in ihrem Bemühen um den Erhalt der Sauberkeit unterstützen könnten.

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