Coachingbrief „Gewaltfrei leben“
Impulse zur Umsetzung der „Gewaltfreien Kommunikation“ im Alltag
Ausgabe 750 (14/2026 vom 06.04.2026)
Liebe Leserin und lieber Leser,
gestern war ich (Olaf) auf meiner Jenaer Laufrunde unterwegs und wurde wie so häufig unbeabsichtigt Ohrenzeuge eines kurzen und dennoch denkwürdigen Dialogs zwischen einer jungen Frau und einem jungen Mann. (Anja hat mir später beim Übersetzen des Dialogs des sächsischen Paares geholfen. 😊. Das Original haben wir auch rekonstruiert. Sie finden es am Ende des Coachingbriefes)
Herzliche Grüße, heute von uns beiden aus Jena
Anja Palitza & Olaf Hartke
Thema: „Nu halt de Gusche!“ – Weshalb das Sprechen über Gefühle oft so schwerfällt.
Zitat: „Das Unterdrücken von Gefühlen im Namen des ‚Mannseins‘ kann die psychische Gesundheit untergraben.“ (Dr. Ryan W. McKelley)
„Und sie suchen in der Tat, in der Intrige… eine Entschädigung für den unentbehrlichen Zustand des Fühlens, der sie irgendwie so sehr beschämt.“ (Robert Musil, gekürzte Wiedergabe aus „Der Mann ohne Eigenschaften“)
Beispiel: Auf der Wiese neben dem Weg lag auf einer Picknick-Decke ein Paar, etwa im Alter von 30 Jahren. Er lag lang ausgestreckt auf dem Rücken, sie lag bäuchlings neben ihm, hatte den Oberkörper aufgestützt – ein Ellenbogen auf dem Boden und der andere Arm auf der Brust ihres Begleiters. Sie sahen sich an und es wirkte auf mich beim Herannahen vertraut und gleichzeitig auch ernst. Passenderweise ermöglichte mir die Steigung an der Stelle, mein Lauftempo unauffällig in einen langsamen Schritt zu reduzieren.
Sie: „Mich interessiert es einfach, wie es Dir damit geht, und ich weiß überhaupt nicht, warum Du mir das nicht sagen willst.“
Er: „Wenn Männer anfangen, ihr Gefühlsleben vor den Frauen offenzulegen, dann ist das der Startschuss für das Ende der Beziehung.“
Sie: „Nun hör mal auf! Damit werde ich mich jetzt nicht zufriedengeben! Ich habe ein Recht darauf, auch mal etwas über Deine Gefühle zu hören!“
Er: „Damit fangen wir gar nicht erst an.“
Sie: „Aber ich will doch eigentlich nur …“
Er: „Jetzt halt den Mund! Ich will nichts mehr davon hören!“
Im Weitergehen blicke ich nochmal zurück und sehe, dass sie sich körperlich von ihm abgewendet hat und zum Handy greift. Meinem Impuls, zurückzugehen und ein Gespräch zu beginnen, kann ich widerstehen.
Information: Es scheint mir noch ein weiter Weg zu sein, dass es zum sprachlichen Alltag unter Menschen wird, zu bestimmten Themen auch mal über Gefühle zu sprechen und auf dieser Ebene eine lebendige Verbindung zu erhalten.
Nach dem Modell Gewaltfreie Kommunikation ist das Ausdrücken von Gefühlen jedoch ein zentraler Pfeiler, um Verbindung zu schaffen. Dass Menschen oft mit Abwehr oder Schweigen reagieren, liegt meist an Schutzmechanismen, die sich in der Vergangenheit hilfreicherweise gebildet haben, weil Menschen oft Nachteile erlebt haben, wenn sie anderen ihre Gefühle offengelegt haben.
Die Hauptgründe, weshalb Menschen ungern über Gefühle sprechen, sind:
Angst vor Verletzlichkeit
Viele Menschen sehen das Zeigen von Gefühlen als Schwäche an. Wer sich öffnet, macht sich „angreifbar“. In einer streitorientierten Kommunikation (Wolfssprache) wird das Offenlegen von Gefühlen oft als Risiko wahrgenommen, gegen einen verwendet zu werden.
Fehlendes Vokabular
Oft haben Menschen nie gelernt, Gefühle zu benennen oder ihre „Innenwelt“ zu beschreiben. Dann stehen lediglich Bewertungen wie „gut“ oder „schlecht“ zur Verfügung. Oder Menschen benutzen stattdessen „Pseudogefühle“ (z. B. „Ich fühle mich übergangen.“), die eigentlich Vorwürfe an den anderen sind.
Sozialisation und Rollenbild
Wie der obige Dialog aus dem Alltag zeigt („Wenn Männer anfangen…“): Feste Überzeugungen und internalisierte Glaubenssätze erschweren den Zugang. Sätze wie „Ein Indianer kennt keinen Schmerz“ oder die Angst, als „unmännlich“ oder „zu emotional“ zu gelten, wirken wie eine innere Zensur.
Schutz vor Überforderung
Wenn die eigenen Gefühle sehr intensiv oder schmerzhaft sind, ist das Schweigen ein Regulationsmechanismus. Man hat Angst, von der Wucht der Emotionen überrollt zu werden oder die Kontrolle zu verlieren, wenn man sie erst einmal ausspricht.
Vermeidung von Verantwortungsübertragung
In der GFK-Haltung sind die „anstrengenden“ Gefühle die Anzeiger für unerfüllte Bedürfnisse. Im Alltag sehen Menschen die Ursache ihrer eigenen Gefühle hingegen häufig im Verhalten des Gegenübers, statt in den eigenen Bedürfnissen. Das Verschweigen von Gefühlen schützt insofern auch davor, sich mit der Reaktion des Gegenübers auseinandersetzen zu müssen.
Zum Sofort-Üben: Wenn man etwas über das Gefühlsleben des Gegenübers erfahren möchte, wie könnte man „sanft-beharrlich“ am Ball bleiben, ohne zu fordern? (Unsere Anregungen dazu finden Sie am Ende des Coachingbriefes.)
Wochenaufgabe: Wenn es für Sie wichtig ist, etwas über die Gefühle Ihres Gegenübers zu erfahren, versuchen Sie im ersten Schritt etwas über die Gründe für die Schweigsamkeit zu diesem Thema zu verstehen, statt wiederholt darum zu bitten, dass die Person es tut.
Aktuelles
Neu: Podcast-Folge zu Gewaltfreier Kommunikation
Wir freuen uns, Euch auf eine neue Podcast-Folge aufmerksam zu machen. Im Podcast „Om meets Alltag“ spricht Katherina Bock mit uns über Gewaltfreie Kommunikation – ehrlich, klar und mitten aus dem Leben. Unter dem Titel „Mit Tiefgründigkeit zu dem, was Du brauchst“ tauchen wir gemeinsam in die Praxis der Gewaltfreien Kommunikation ein. Es geht darum, warum Konflikte oft weniger mit unseren Bedürfnissen als mit unseren Strategien zu tun haben, weshalb Beobachtung ohne Bewertung so herausfordernd ist und wie Gefühle uns helfen können, uns selbst besser zu verstehen.
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Ob Sie neu einsteigen, Ihr Wissen vertiefen möchten oder beruflich mit der GFK arbeiten – hier finden Sie wertvolle Anregungen, neue Perspektiven und konkrete Werkzeuge für Ihren Alltag.
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Freuen Sie sich auf Dörte Badock, auf berührende Lieder im Geist der Gewaltfreien Kommunikation – und auf einen lebendigen Austausch mit anderen Lernenden und mit uns
Ein Abend zum Zuhören, Mitsingen (wenn Sie mögen), Innehalten und Verbinden. Drücken Sie in Ihrer Email auf Antworten und schreiben Sie „Ja ich will dabei sein.“ dann tragen wir Sie in unseren Verteiler ein und lassen Ihnen den Zoomlink zukommen.
Online-Trainings 2026
09.06.2026 „Verbale Raumpfleger*Innen gesucht“
Beginn der kostenfreien 3-teiligen Onlinereihe www.verbale-raumpflege.de
05.11.2026 Trainer(Innen)-Ausbildung online (4 Module, 20 Tage, Trainerteam)
Präsenz-Seminare 2026
01.05.2026 Wandeltage unendlich in Hünfeld (3 Tage)
17.05.2026 Bildungsurlaub „Einführung GfK“ Kunze-Hof (5 Tage)
05.06.2026 Auszeit für Unternehmer-Paare – Halbzeit! Zwischenbilanz im Sommer (2 Tage)
27.06.2026 Neu Einführungsseminar Gewaltfreie Kommunikation in Jena (2 Tage)
28.08.2026 Start der „Wandeltage 2026“ – GFK-Jahresgruppe (6 Module)
11.09.2026 Auszeit für Unternehmer-Paare – Ziele-Update im Herbst (1 Tag)
13.09.2026 Bildungsurlaub „Führungskräftetraining auf Basis GfK“ im Kunze-Hof (5 Tage)
05.10.2026 Neu Bildungsurlaub „Einführung GfK“ auf Juist (5 Tage)
15.11.2026 Bildungsurlaub „Einführung GfK“ auf Spiekeroog (5 Tage)
11.12.2026 Auszeit für Unternehmer-Paare – Jahresplanung 2027 (2 Tage)
29.12.2026 Gewaltfreie Kommunikation in Verbindung mit Klang und Gesang (5 Tage)
08.01.2027 Ins neue Ja(hr) mit GFK – in Hünfeld (3 Tage)
Weitere Infos zu allen Terminen in unserer Übersicht auf unserer Website
Herausgeber:
Hartke Unternehmensentwicklung GmbH
Dunlopstraße 9, 33689 Bielefeld
Fon: 05205 / 7290525 und Fax: 05205 / 7290527
www.verbale-raumpflege.de
© Copyright Anja Palitza (zertifiziert beim CNVC und Fachverband) & Olaf Hartke
Unsere Anregungen zur Sofort-Üben-Aufgabe: Wenn Menschen es ablehnen, über ihre Gefühle zu sprechen und es für einen selbst angenehm wäre, etwas darüber zu hören, könnten Sätze wie diese hilfreich sein:
„Gibt es einen Grund, weshalb Du dazu nichts sagen magst?“
„Ich möchte Dich nicht dazu bringen, über Deine Gefühle zu sprechen, wenn Du es nicht magst. Doch ich bin interessiert zu erfahren, weshalb Du es ablehnst. Kannst Du mir dazu etwas sagen?“
„Du brauchst das ja auch nicht zu tun – doch ich bin neugierig: Was hält Dich davon ab, mir etwas über Deine Gefühle zu sagen?“
„Nur damit ich es besser verstehe, weshalb Du mir darüber nichts sagen magst – was genau befürchtest Du, was passieren könnte, wenn Du es tätest?“
„Und – kann ich irgendetwas tun oder unterlassen, dass es Dir leichter fallen würde, etwas über Deine Gefühle zu sagen?“
„Was müsste für Dich sichergestellt sein, dass Du es könntest? Also, nur falls Du doch irgendwie eine ganz kleine Bereitschaft verspürst, es mir zu sagen, jedoch irgendeine Sorge Dich im Moment noch davon abhält.“
„Nur mal angenommen, Du würdest es irgendwann tun, wenn ich Dich darum bäte – zwischen jetzt und dann – was wäre da zwischenzeitlich zwischen uns passiert, was hätte sich da geändert?“
Und noch ein Tipp: Klären Sie vorher für sich selbst, was Ihre Bedürfnisse sind, wenn Sie etwas über die Gefühle Ihres Gegenübers erfahren möchten. Das schützt davor, die Gefühle zu erfragen aus der Idee heraus, das Gegenüber „müsse auch mal über Gefühle sprechen, auch wenn es schwerfällt.“.
Wer Freude am sächsischen Ausdruck, hat findet hier das Original:
Sie: „Misch indresiert’s halt, wiesch dir domid jehd, und ich weeß überhaupt ni, worum de mir das ni saahn willst.“
Er: „Wenn de Männer anfangn, ihr Jefiehlsläben vor de Frauen offzulechen, dann is das de Startschuss für’s Ende von de Beziehunge.“
Sie: „Nu hör ma uff! Da werdsch misch jetze ni mid begniechen! Isch hab’n Recht druff, ooch ma was über deene Jefiehle zu hörn!
Er: „Domid fang’mer gor ni erst an.“
Sie: „Aba isch will do eenzich nur…“
Er: „Nu halt de Gusche jetze! Isch will nüscht mehr davon hörn!“