Schau nicht zurück im Ärger

„Gewaltfrei leben“: Ausgabe 765/2026

Liebe Leserin und lieber Leser,

heute geht es um die Frage: Schau nicht zurück im Ärger – oder tu ich es doch? Es gab heute wieder die „Sonntags-Frage“ von Anja: „Und – ist Dein Coachingbrief fertig geworden? Ich bin noch neugierig – welches Lied?“ „Ja, ist er. Lied ist darin verlinkt. Lies mal, dann können wir ihn heute vielleicht noch versenden.“

Vielleicht erinnern Sie sich noch an die Ausgabe letzter Woche? Da war das Thema noch zu emotional, um sachlich darüber schreiben zu können; heute können Sie die Fortsetzung zur Einleitung von letzter Woche lesen.

Herzliche Grüße von uns beiden aus Jena und Bielefeld,

Anja Palitza & Olaf Hartke



Thema: Schau nicht zurück im Ärger

Zitat: „Ja, man kann sich lange über etwas ärgern. Aber man ist nicht dazu verpflichtet.“ (Klaus Karstädt)

Beispiel: Es gibt Lieder, die begleiten uns ein paar Minuten und dann gibt es Lieder, die begleiten uns tagelang. Sie tauchen morgens unter der Dusche auf, melden sich während einer Autofahrt zurück oder summen plötzlich los, während wir eigentlich ganz andere Gedanken haben.

Und unter denen gibt es auch noch zwei Arten – manche sind einfach nur unterhaltsam, andere sorgen für Emotionen und sind gedankenauslösend. So geht es mir seit einigen Tagen mit einem Song von Oasis.

Schau nicht zurück im Ärger – ein Ohrwurm mit Botschaft

„Don’t look back in anger.“ Für viele Menschen ein Ohrwurm, für mich seit fast zwei Wochen ein hartnäckiger. Mehr als ein Ohrwurm, habe ich irgendwann bemerkt. Ich hörte den Song zufällig in der Vorberichterstattung zum Fußballspiel England gegen Argentinien.

Ich bin kein Fußballfan, höchsten alle vier Jahre ein bisschen ein „WM-Fan“. Und sobald Deutschland raus ist, fiebere ich jedesmal mit der englischen Mannschaft mit. Manche Menschen wissen – England gegen Argentinien ist eine Begegnung, die weit mehr Geschichte in sich trägt als nur neunzig Minuten Fußball. Falklandkrieg. Maradonas „Hand Gottes“. Jahrzehntelange Rivalität. Man könnte fast sagen: beste Voraussetzungen dafür, zurückzuschauen. Und zwar mit Ärger.

Und der Song erinnerte mich auch an eine Szene, die mich schon vor einigen Jahren tief berührt hatte. Das war 2017, England spielte gegen Frankreich und es war kein gewöhnliches Fußballspiel. Wenige Wochen zuvor hatte der Terroranschlag in Manchester viele Menschen erschüttert. Vor dem Spiel erklang ein Lied, dargeboten von einer französischen Militär-Band. Tausende sangen mit. Damals – wie heute – hatte ich Tränen in den Augen. Und nicht wegen des Liedes, sondern wegen der Haltung, die ich darin hörte.

Es war nicht irgendein Lied, es war auch „Don’t look back in anger“. Für mich wurde es nicht in der Intention gespielt, etwas zu vergessen; nicht darum, Leid kleinzureden; nicht darum, so zu tun, als wäre nichts geschehen. Ich hörte damals schon die Einladung, nicht zuzulassen, dass der Ärger das letzte Wort behält.

Diese Erinnerung kam jetzt wieder hoch, ausgelöst durch den hartnäckigen Ohrwurm.

Ein Lied, nicht als Fußballhymne und nicht zur Unterhaltung. Sondern – für mich – als ein Zeichen, als eine Einladung, Schmerz nicht in Hass wachsen zu lassen. Ich weiß nicht, ob das 2017 allen gelungen ist, wahrscheinlich nicht.

Und vielleicht muss es das auch gar nicht. Was mich bis heute bewegt, ist die Idee dahinter. Es geht für uns nicht darum, so zu tun, als wäre nichts geschehen oder darum, zu vergessen. Es geht für uns im Leben darum, sich bewusst zu entscheiden und dem Ärger nicht das letzte Wort zu überlassen.

„Don’t look back in anger.“ Oder bei uns: „Schau nicht zurück im Ärger.“ Genau diese Liedzeile lässt mich nicht mehr los und immer noch verschafft mir der Ohrwurm eine große innere Berührtheit und sorgt für feuchte Augen. Und nun die Brücke zur GFK…


Information: Es heißt: „Schau nicht zurück im Ärger.“ Es heißt nicht: „Vergiss die Vergangenheit.“ Oder: „Tue so als ob nichts gewesen wäre und unterdrücke Deine Gefühle.“

Mich erinnert das Lied immer wieder auch an ein Modell aus der Gewaltfreien Kommunikation. Das Ärger-Modell (für das Verständnis des eigenen Ärgers) und auch an den Ärger-Prozess (für das Verwandeln des Ärgers in konstruktive Lösungsenergie).

Was Ärger mit unseren Bedürfnissen zu tun hat

Marshall Rosenberg beschreibt Ärger nicht als problematisches Gefühl, sondern eher als eine Botschaft. Eine Einladung, genauer hinzusehen. Wenn ich ärgerlich bin, dann liegt der eigentliche Auslöser nicht im Verhalten des anderen Menschen, sondern in meinen Gedanken darüber. Genauer, in meinen Bewertungen, in meinen Vorwürfen, in meinen Vorstellungen davon, wie jemand hätte sein oder handeln sollen.

Genau deshalb fragte Rosenberg immer wieder: „Welches unerfüllte Bedürfnis verbirgt sich hinter Deinem Ärger?“

Diese Frage verändert die Haltung, mit der wir auf die Situation schauen. Damit geht es nicht mehr darum, wer Recht hat oder Unrecht getan hat, es geht darum, was uns wichtig ist. Hinter Ärger steht immer ein unerfülltes Bedürfnis. Vielleicht wünsche ich mir Fairness, vielleicht Respekt, Ehrlichkeit oder Unterstützung. Und die Ärger-Falle ist, zu denken, die andere Person trage eine Schuld oder mit ihr sei etwas nicht in Ordnung. Gern erinnere ich mich hier auch nochmal an einen Satz, den ich vor etwa 20 Jahren in meinem GFK-Einführungsseminar von Klaus-Dieter Gens gehört habe: „Ärger ist ein Denkfehler.“

Wenn ich glauben kann, dass mein (Sekundär-)Gefühl von Ärger eine Botschaft ist, dann zeigt er mir die Richtung. Ärger ist kein sinnvoller Daueraufenthaltsort, jedoch ein ausgesprochen hilfreicher Wegweiser.

Ich musste dabei an etwas denken, das mich sowohl im Fußball, als auch im Kampfsport immer wieder berührt. Menschen kämpfen mit aller Leidenschaft gegeneinander (oder miteinander?); sie schenken sich keine Vorteile, sie wollen gewinnen.

Und trotzdem gibt es nach dem Abpfiff oder dem Kampfende oft etwas, das ich jedes Mal sehr berührend finde. Spieler reichen sich die Hand, tauschen Trikots, umarmen sich. Kämpfer verbeugen sich, bedanken sich, erkundigen sich nach Schmerzen. Der Wettkampf ist vorbei, der Respekt bleibt.

Ich weiß, das gelingt leider nicht immer und da ist noch Potenzial nach oben. Auch im Sport gibt es verletzte Eitelkeiten, Vorwürfe und lange nachwirkenden Ärger. Doch genau deshalb berühren mich die Momente, in denen das Prinzip „Mitmenschlichkeit“ lebendig ist und die Beteiligten zeigen: Wir haben uns aneinander gemessen und unsere Leistung erprobt, doch wir sind keine Gegner und erst recht keine Feinde.

Vielleicht liegt genau darin die tiefere Bedeutung dieser Liedzeile für mich.

Don’t look back in anger. Nicht, weil die Vergangenheit unwichtig wäre, sondern weil Ärger selten ein guter Begleiter für den weiteren Weg ist. Wir können die Vergangenheit nicht verändern, unsere Gedanken über sie können wir – wenn wir achtsam und „selbst-bewusst“ sind – sehr wohl ändern und damit auch unsere Haltung gegenüber den Geschehnissen der Vergangenheit.

Vom Ärger zur konstruktiven Energie

Wenn ich verstehe, welches Bedürfnis hinter meinem Ärger steht, verändert sich etwas. Aus Schuldzuweisungen wird Klarheit, aus Vorwürfen wird Selbstverantwortung, aus Ärger kann konstruktive Energie werden. Nicht die Energie, jemanden zu bestrafen, sondern die Energie, etwas zu verändern.

Das ist für uns der eigentliche Sinn des Ärger-Prozesses in der Gewaltfreien Kommunikation – nicht den Ärger loszuwerden, sondern ihn zu übersetzen in (Selbst-)Verständnis, in Verbindung und schließlich in Handlung.

Seit einigen Tagen begleitet mich also dieser Ohrwurm und erinnert mich:

Verdränge nicht den Ärger, Du darfst seine Story anhören.
Tue das, verstehe die Bedürfnisse und dann stell Dir eine andere Frage:

„Und jetzt – wenn sie schon mal da ist – was möchtest Du JETZT mit dieser Energie anfangen?“

Das empfinden wir (Anja auch) als einen der schönsten Gedanken der Gewaltfreien Kommunikation. Rosenberg empfiehlt nicht, unseren Ärger loszuwerden. Er schlägt vor, ihn in konstruktive Lösungsenergie zu verwandeln. Wir denken: „Der Ärger darf gern anklopfen. Ich möchte ihm nur nicht dauerhaft den Wohnungsschlüssel überlassen.“

Sofort-Üben: Deinem Ärger auf die Spur kommen

Zum Sofort-Üben: Denken Sie an eine Situation zurück, mit der Sie heute noch Ärger erleben. (In Seminaren formulieren wir auch gern: „Denke jetzt an eine Situation oder Person, mit der Du es jetzt und hier schaffst, das Gefühl von Ärger in Dir wieder so richtig lebendig werden zu lassen. Klappt es? Und es klappt, obwohl die Situation längst vorbei ist und die Person gar nicht hier unter uns ist? Dann erkennst Du vielleicht in diesem Moment nochmal, dass genau genommen nie die Situationen oder Menschen Gefühle in uns auslösen, sondern immer nur unsere Gedanken über die Situationen und Menschen.“)

Auf welche Bedürfnisse macht das starke Gefühl von Ärger aufmerksam? Welcher „Bedürfnis-Cocktail“ ist es vielleicht sogar? Was ist Deine Bitte an Dich selbst – im Hier und Jetzt – wie willst Du Deine Energie, die jetzt gerade da ist, für sinnvolle Veränderung nutzen? Was wirst Du jetzt tun?

Wochenaufgabe

Wochenaufgabe: Üben Sie, die Haltung im Ärger-Modell zu verinnerlichen. Mit dem Grundgedanken: Ich kann jetzt über meine Bewertungen und Urteile meinen Ärger aufrecht halten, doch ich kann mich auch fragen – was will ich jetzt tun, damit sich etwas verändert.


Aktuelles
Besonderer Hinweis: Wandeltage 2026 – Beziehungspflege, die tiefer geht

Beziehungen entstehen nicht allein durch gemeinsame Zeit. Sie wachsen dort, wo Menschen sich ehrlich begegnen, aufmerksam zuhören und auch für das offen bleiben, was im Alltag oft keinen Raum findet. Genau darin sehen wir eine der wertvollsten Formen von „Beziehungspflege“.

Unsere Jahresgruppe „Wandeltage 2026“ lädt dazu ein, sich über mehrere Monate hinweg gemeinsam auf diesen Weg zu machen. Zwischen den einzelnen Modulen entsteht Schritt für Schritt Vertrauen, Verbindung und eine besondere Offenheit füreinander. Viele Teilnehmende erleben es als wohltuend, einen Raum zu haben, in dem nicht Leistung oder Funktionieren im Vordergrund stehen, sondern echtes Miteinander.

Die Wandeltage verbinden persönliche Entwicklung, Gewaltfreie Kommunikation und gemeinsames Wachsen in einer festen Gruppe von Menschen, die sich gegenseitig unterstützen, inspirieren und begleiten.

Start der Jahresgruppe: 28.08.2026 „Wandeltage 2026“ – GFK-Jahresgruppe (6 Module)

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Im Alltag gehen freundliche Worte, kleine Gesten und persönliche Wertschätzung oft unter, obwohl genau sie die Beziehungen stärken und Menschen gut tun können. Mit unseren Gratis-Postkarten möchten wir Sie dabei unterstützen, sich selbst und anderen immer wieder kleine Glücksmomente zu schenken — unerwartet, herzlich und nährend.
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Online-Trainings 2026

09.09.2026  „Verbale Raumpfleger*Innen gesucht“
Beginn der kostenfreien 3-teiligen Onlinereihe
www.verbale-raumpflege.de

Gerade in Teams, Gruppen und Arbeitsgemeinschaften entscheidet oft nicht nur die fachliche Kompetenz darüber, ob Zusammenarbeit gelingt, sondern auch die Art, wie Menschen miteinander sprechen, Spannungen wahrnehmen und aufeinander eingehen.
Mit unserer kostenfreien Onlinereihe „Verbale Raumpfleger*Innen gesucht“ richten wir den Blick auf genau diese oft unterschätzte Form der Beziehungspflege. Wie kann Kommunikation dazu beitragen, dass Vertrauen erhalten bleibt? Wie lassen sich kleine Irritationen frühzeitig wahrnehmen, bevor sie sich festsetzen? Und wie können Menschen dazu beitragen, dass Gespräche verbindender, klarer und zielorientierter werden?

Aus unserer Sicht sind genau diese „kleinen Wartungsarbeiten“ auch ein wichtiger Beitrag für lebendige Zusammenarbeit und ein gutes Miteinander in Gruppen und Teams.

05.11.2026  Trainer(Innen)-Ausbildung online (4 Module, 20 Tage, Trainerteam)
https://www.ktraining.org/seminar/trainerinnenausbildung/

Präsenz-Seminare 2026/2027
28.08.2026  Start der „Wandeltage 2026“ – GFK-Jahresgruppe (6 Module)
11.09.2026  Auszeit für Unternehmer-Paare – Ziele-Update im Herbst (1 Tag)
13.09.2026  Bildungsurlaub „Führungskräftetraining auf Basis GfK“ im Kunze-Hof (5 Tage)
05.10.2026  Neu Bildungsurlaub „Einführung GfK“ auf Juist (5 Tage)
15.11.2026  Bildungsurlaub „Einführung GfK“ auf Spiekeroog (5 Tage)
11.12.2026  Auszeit für Unternehmer-Paare – Jahresplanung 2027 (2 Tage)
29.12.2026  Gewaltfreie Kommunikation in Verbindung mit Klang und Gesang (5 Tage)
08.01.2027  Ins neue Ja(hr) mit GFK – in Hünfeld (3 Tage)
16.02.2027  Schneeschuh-Tour zur Hohgant-Hütte bei Interlaken (CH 5 Tage)
11.04.2027  Bildungsurlaub „Einführung GfK“ auf Juist (5 Tage)
21.05.2027  „Wandeltage unendlich“ – in Hünfeld (3 Tage)
06.06.2027  Bildungsurlaub „Einführung GfK“ im Kunzehof (5 Tage)
31.07.2027  GFK und Aqua-Wellness auf Lesbos (7 Tage)
17.10.2027  Bildungsurlaub „Einführung GfK“ in Bad Tölz (5 Tage)
21.11.2027  Bildungsurlaub „Führungskräftetraining auf Basis GfK“ auf Spiekeroog (5 Tage)

Weitere Infos zu allen Terminen in unserer Übersicht auf unserer Website. http://www.erfolgsschritte.de


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