„Gewaltfrei leben“: Ausgabe 761/2026
Liebe Leserin, lieber Leser,
wenn Sie diese Zeilen heute am Montag lesen, sind wir vielleicht gerade mit den Vorbereitungen für unser nächstes GFK-Einführungsseminar am 27./28. Juni in Jena beschäftigt.
Wir freuen uns jedes Mal auf diesen besonderen Ort. Das Yoga-Studio Maisha hat für uns eine ganz eigene Atmosphäre. Mit viel Liebe zum Detail haben Kati und Robert Bock die Räume gestaltet. Schon beim Ankommen entsteht ein Gefühl von Ruhe und Herzlichkeit, das viele Teilnehmende sofort wahrnehmen.
Wir freuen uns beim Schreiben dieser Zeilen auch schon auf die Menschen, die wir dort kennenlernen werden. Wir mögen die Vorfreude auf Begegnungen, Gespräche und gemeinsame Lernerfahrungen. Und wir genießen es, wenn Gedanken an die Zukunft bereits in der Gegenwart kleine Glücksgefühle erzeugen.
Manchmal ist es ja auch anders. Dann ist man so beschäftigt, dass man nicht mal die gegenwärtigen Situationen in der Fülle und Vielfalt ihrer Möglichkeiten bewusst wahrnimmt.
Vielleicht passt es deshalb gut, dass wir in dieser Woche über einen besonderen Zeitpunkt im Jahr nachdenken. Gestern war Sommersonnenwende – der längste Tag des Jahres.
Herzliche Grüße aus Jena und Bielefeld
Anja Palitza & Olaf Hartke
Thema: Das Leben auskosten – Zeit, die mir etwas gibt
„Es gibt Wichtigeres im Leben, als beständig dessen Geschwindigkeit zu erhöhen.“ (Mahatma Gandhi)
Besonders bemerkenswert finden wir daran, dass er das bereits vor 1948 gesagt haben muss – in einer Zeit, die nach unseren heutigen Vorstellungen doch noch gar nicht so „beschleunigt“ war: vor dem Smartphone, vor der Computertechnik, sogar vor dem Fernsehen und vor dichtem Autoverkehr.
Ein Blick auf den längsten Tag des Jahres
Gestern war der längste Tag des Jahres. Ich merke, dass solche Tage in mir (Anja) immer auch ein wenig Wehmut auslösen. Wenn die Abende so hell sind und die Luft nach Sommer riecht, würde ich das Leben manchmal gern festhalten. Ich möchte die Stunden bewusst erleben, sie auskosten und nichts verpassen.
Das klappt nicht immer. Manchmal stelle ich auch am Abend überrascht fest, dass der Tag ja schon wieder vorbei ist. Ich habe dies erledigt und jenes organisiert, Nachrichten beantwortet, an Dinge gedacht, die noch zu tun sind – und war viel mehr im Tätigsein und Funktionieren als im Erleben.
Die Sommersonnenwende erinnert mich daran, wie kostbar Zeit ist. Nicht weil sie knapp ist, sondern weil sie vergeht und jeder Tag nur einmal gelebt werden kann.
Wenn das Tun das Erleben verdrängt
Vielleicht kennen Sie das auch: Wir beginnen den Tag mit guten Absichten von Achtsamkeit und Bewusstheit – und sind dann schnell vollständig beschäftigt mit dem, was erledigt werden muss. Aufgaben folgen aufeinander, Termine wollen eingehalten werden, und ständig erinnert die Aufgabenliste daran, was noch auf unsere Aufmerksamkeit wartet.
Das ist wichtig in unserem modernen Alltag, und wir sehen darin auch nichts Falsches. Unser Alltag besteht aus vielen Dingen, die wir erledigen wollen. Was wir daran nicht mögen, ist, darüber den Kontakt zu uns selbst zu verlieren.
Und in solchen Momenten tut es uns gut, wenn uns Marshall Rosenberg einfällt – der Begründer der Gewaltfreien Kommunikation. Wir sind für das Erleben seiner Art, präsent zu sein, sehr dankbar. Er lud uns immer wieder ein, innezuhalten und wahrzunehmen, was in uns gerade lebendig ist. Jenseits der körperlichen Funktionen und den Fragen nachzugehen:
- Was fühlst du gerade?
- Welche Bedürfnisse sind gegenwärtig gerade erfüllt?
- Welche sind es nicht?
- Bei welchen ist Bedürfnis-Aufschub gerade OK?
- Welche Bedürfnisse hättest du jetzt gern erfüllt?
- Was liegt dir wirklich am Herzen – worauf möchtest du jetzt deine Aufmerksamkeit richten?
Vielleicht beschrieb Mahatma Gandhi genau dieses Dilemma, als er sagte: „Es gibt Wichtigeres im Leben, als beständig dessen Geschwindigkeit zu erhöhen.“
Viele Menschen – und wir nehmen uns da nicht aus – verbringen einen großen Teil ihres Tages damit, Dinge zu organisieren, zu planen und zu erledigen. Dabei gerät so manches Mal aus dem Blick, was nebenbei noch da und wichtig oder bedeutsam ist.
Abends hat man zwar viel geschafft, doch man kann sich kaum daran erinnern, was man eigentlich erlebt hat. Erlebt man das häufig und in Dichte, gewinnt man sogar den Eindruck, das Leben vergehe so schnell.
Dabei nehmen wir das Leben nur oft nicht wahr: Mit seinem Kaffeeduft am Morgen. Mit dem Lachen der Menschen, die an uns vorübergehen. Mit dem Zwitschern der Vögel in den Hecken und Sträuchern. Mit dem Rauschen der Blätter, wenn der Wind durch die Bäume fegt. Mit seinem Lichtspiel – wie bei uns am Wochenende, als graue und schwarze Gewitterwolken sich in kurzer Zeit auftürmten und das Abendrot für dramatische Farbwechsel sorgte.
Präsenz: Was das wirklich bedeutet
Präsenz – oder „präsent zu sein“ – bedeutet für uns nicht, ständig achtsam sein zu müssen. Es bedeutet vielmehr, immer wieder zurückzukehren zu dem, was in uns gerade lebendig ist: unsere Gefühle und Bedürfnisse.
Entweder um wieder wahrzunehmen, was um uns herum gerade geschieht – oder auch durch das Wahrnehmen dessen, was um uns herum gerade geschieht.
Nicht nur der längste Tag des Jahres kann uns daran erinnern, dass unser Leben sich in den Momenten unserer bewussten Lebendigkeit abspielt. Wir können es täglich üben: zwischendurch aus dem konzentrierten Tätigsein aufwachen und daran denken, dass das Leben nicht aus erledigten Aufgaben besteht, sondern aus den vielen kleinen, fast unbemerkbar dahinziehenden Momenten dazwischen.
Zum Sofort-Üben
Denken Sie an den gestrigen Tag zurück.
- Welche Momente haben Ihnen gutgetan?
- Wann waren Sie wirklich bei dem, was Sie gerade erlebt haben?
- In welchen Situationen waren Sie vor allem mit Erledigungen beschäftigt?
- Was hätten Sie gern bewusster wahrgenommen?
Wochenaufgabe
Achten Sie in dieser Woche auf kleine Momente, an denen Sie normalerweise schnell übergehen würden. Vielleicht ist es der erste Schluck Wasser am Morgen. Vielleicht ein Lächeln auf dem Gesicht Ihres Gegenübers bei einem Gespräch. Vielleicht die Sonne, die deutlich auf der Haut zu spüren ist, der Duft der Natur, der Sie umgibt.
Halten Sie dann einen klitzekleinen Moment inne. Atmen Sie und lassen Sie bewusst bewertende Gedanken ziehen. Wirklich nur einen kleinen Augenblick. Schenken Sie sich diesen.
Vielleicht mit den Fragen von Marshall Rosenberg, die wir oben genannt hatten. Dabei geht es nicht darum, dass Sie gerade etwas ganz Besonderes erleben. Das alltägliche Leben ist halt alltäglich. Doch das Wiederentdecken der eigenen Lebendigkeit ist manchmal etwas Besonderes. Und das geht immer wieder neu.
Aktuelles
Besonderer Hinweis: Wandeltage 2026 – Beziehungspflege, die tiefer geht
Beziehungen entstehen nicht allein durch gemeinsame Zeit. Sie wachsen dort, wo Menschen sich ehrlich begegnen, aufmerksam zuhören und auch für das offen bleiben, was im Alltag oft keinen Raum findet. Genau darin sehen wir eine der wertvollsten Formen von Beziehungspflege.
Unsere Jahresgruppe „Wandeltage 2026″ lädt dazu ein, sich über mehrere Monate hinweg gemeinsam auf diesen Weg zu machen. Zwischen den einzelnen Modulen entsteht Schritt für Schritt Vertrauen, Verbindung und eine besondere Offenheit füreinander. Viele Teilnehmende erleben es als wohltuend, einen Raum zu haben, in dem nicht Leistung oder Funktionieren im Vordergrund stehen, sondern echtes Miteinander.
Die Wandeltage verbinden persönliche Entwicklung, Gewaltfreie Kommunikation und gemeinsames Wachsen in einer festen Gruppe.
Start: 28.08.2026
„Wandeltage 2026″ – GFK-Jahresgruppe (6 Module) → Mehr Informationen
Kleine Glücksmomente
Im Alltag gehen freundliche Worte, kleine Gesten und persönliche Wertschätzung oft unter – obwohl genau sie Beziehungen stärken und Menschen guttun. Mit unseren Gratis-Postkarten möchten wir Sie dabei unterstützen, sich selbst und anderen immer wieder kleine Glücksmomente zu schenken – unerwartet, herzlich und nährend.
→ Zu unseren Gratis-Postkarten
Online-Trainings 2026
29.06.2026 Webinar: Schneller tragfähige Teamentscheidungen treffen (60 Min.)
09.09.2026 „Verbale Raumpfleger*Innen gesucht“ – kostenfreie 3-teilige Onlinereihe
05.11.2026 Trainer:innen-Ausbildung online (4 Module, 20 Tage)
Präsenz-Seminare 2026/2027
27.06.2026 Einführungsseminar Gewaltfreie Kommunikation in Jena (2 Tage)
28.08.2026 Start der „Wandeltage 2026″ – GFK-Jahresgruppe (6 Module)
11.09.2026 Auszeit für Unternehmer-Paare – Ziele-Update im Herbst (1 Tag)
13.09.2026 Bildungsurlaub „Führungskräftetraining auf Basis GfK“ im Kunze-Hof (5 Tage)
05.10.2026 Neu: Bildungsurlaub „Einführung GfK“ auf Juist (5 Tage)
15.11.2026 Bildungsurlaub „Einführung GfK“ auf Spiekeroog (5 Tage)
11.12.2026 Auszeit für Unternehmer-Paare – Jahresplanung 2027 (2 Tage)
29.12.2026 Gewaltfreie Kommunikation mit Klang und Gesang (5 Tage)
08.01.2027 Ins neue Ja(hr) mit GFK – in Hünfeld (3 Tage)
16.02.2027 Schneeschuh-Tour zur Hohgant-Hütte bei Interlaken (CH, 5 Tage)
11.04.2027 Bildungsurlaub „Einführung GfK“ auf Juist (5 Tage)
21.05.2027 „Wandeltage unendlich“ – in Hünfeld (3 Tage)
06.06.2027 Bildungsurlaub „Einführung GfK“ im Kunzehof (5 Tage)
31.07.2027 GFK und Aqua-Wellness auf Lesbos (7 Tage)
17.10.2027 Bildungsurlaub „Einführung GfK“ in Bad Tölz (5 Tage)
21.11.2027 Bildungsurlaub „Führungskräftetraining auf Basis GfK“ auf Spiekeroog (5 Tage)
→ Alle Termine auf www.erfolgsschritte.de
Unsere persönlichen Gedanken dazu
Als ich, Anja, auf den längsten Tag des Jahres zurückblickte und mich fragte, was ich gern bewusster wahrgenommen hätte, kam ich schnell bei meiner eigenen Wehmut an.
Ich kenne dieses Gefühl schon lange – besonders an solchen Tagen, die etwas Besonderes haben. Ein lauer Sommerabend, ein Urlaubstag, ein schönes Seminarwochenende oder ein Treffen mit lieben Menschen oder wie jetzt die Sommersonnenwende. Oft wünsche ich mir dann, die Zeit würde langsamer vergehen.
Wenn ich genauer hinschaue, merke ich, dass hinter dieser Wehmut etwas steckt, das mir wichtig ist: Ich möchte das Leben nicht nur organisieren und bewältigen. Ich möchte es erleben.
Das ist keine neue Erkenntnis für mich. Mir ist dies schon lange bewusst – und trotzdem verliere ich es immer wieder aus dem Blick. Oft bin ich so beschäftigt, plane, erledige Aufgaben, beantworte Nachrichten und kümmere mich um alles, was mir gerade wichtig erscheint. Erst manchmal – an einem Sommerabend, nach einem Seminarwochenende oder eben am längsten Tag des Jahres – erinnert mich das Leben wieder daran, was mir eigentlich wichtig ist.
Früher habe ich versucht, diese Wehmut eher loszuwerden. Heute sehe ich sie als Geschenk. Sie macht mich darauf aufmerksam, dass ich wieder einmal sehr im Tun und Organisieren unterwegs war und dabei etwas aus dem Blick verloren habe, das mir auch am Herzen liegt.
In diesem Zusammenhang spricht mich auch ein Satz von Ernst Ferstl an: „Die Zeit, die du dir nimmst, ist die Zeit, die dir etwas gibt.“
Die Kunst liegt nicht darin, mehr Zeit zu haben. Sie liegt darin, sich immer wieder bewusst Zeit zu nehmen für das, was das eigene Leben reich macht.
Olaf: Sonntagabend, 18.30 Uhr. Ein herrlicher Sommertag geht zu Ende. Sommersonnenwende, wie ich gerade von Anja indirekt über diesen Text erfahre. Sie bat heute früh bereits um Ergänzung meiner Gedanken dazu. Eineinhalb Stunden habe ich jetzt ergänzt und zugefügt. Davor auch schon vier Stunden am Schreibtisch gesessen. Davor auf dem Dachboden nach dem Marder-Versteck gesucht; die Nachtsicht-Kamera installiert und ausgiebig Verkupplungs-Versuche zwischen ihr und dem Handy unternommen.
Davor – am Vormittag – das Leben wahrgenommen. In einem Telefonat mit meinem Sohn in Padua. Davor während einer einstündigen Meditation mit Fokussierung auf Gefühlswahrnehmung und dem Üben, mich von nichts ablenken zu lassen. Davor beim Staunen über das Spiegeln des Sonnenlichts im frisch polierten Chrom meines neuen alten Motorradveteranen. Davor beim Genuss eines kühlen, frischen Bechers Kefir und der Bewunderung der kleinen schmierigen Pilze, die in nur 24 Stunden aus normaler Milch etwas noch viel, viel Leckereres machen. Davor beim Morgen-Sport und der Wehmut, dass es nicht mehr so ist wie früher. Davor beim Aufwachen und Vermissen von Anja…
Und gleich… jetzt gleich geht’s aufs Rad. Mal schauen, in welcher Form mir das Leben da draußen begegnet.