„Gewaltfrei leben“: Ausgabe 760/2026
Liebe Leserin, lieber Leser,
die vergangenen sechs Jahre haben wir in unserem Trainer:innen-Dasein als besonders herausfordernd erlebt. Zuerst die Corona-Zeit mit ihren aus unserer Sicht heute noch spürbaren gesellschaftlichen Veränderungen und im fließenden Übergang ein Krieg in Europa und ein US-Präsident, die beide die politische und ökonomische Welt in Atem halten.
Immer wieder haben wir gehofft, dass das Leben bald wieder so weitergehen würde wie früher – vertraut, vorhersehbar und planbar. Doch die Veränderungen im Außen und die damit verbundene Unsicherheit reißen nicht ab. Wer versucht, einfach nur durchzuhalten, gerät leicht in eine lange Durststrecke.
Deshalb haben wir uns gefragt: Was kann uns in unsicheren Zeiten über unsichere Zeiten hinweg helfen?
Bei unserer Suche nach Antworten sind wir auf einen Begriff gestoßen, der eine große Nähe zur Systemtheorie hat: Antifragilität. Zuerst dachten wir – „Vermutlich ähnlich wie Resilienz, nur anders genannt.“
Doch weit gefehlt. Es gibt einen großen Unterschied. Während die Resilienzforschung erklärt, wie man schwierige Zeiten besser aushalten und einen „gesunden“ Widerstand dagegen entwickeln kann, geht es im Konzept der Antifragilität um anderes. Und Resilienz ist eher die stabile Basis dafür.
Nach unserer Recherche zu diesem spannenden Thema glauben wir, dass Gewaltfreie Kommunikation dazu einen wichtigen Beitrag leisten kann. Deshalb möchten wir heute gemeinsam mit Ihnen der Frage nachgehen, wie GFK uns Menschen dabei unterstützen kann, in unsicheren Zeiten nicht nur standzuhalten, sondern an den Herausforderungen des Lebens zu wachsen.
Herzliche Grüße aus Jena und Bielefeld
Anja Palitza & Olaf Hartke
Thema: In Stürmen wachsen – wie Herausforderungen zu Entwicklung beitragen
„Ein Schiff im Hafen ist sicher, aber dafür werden Schiffe nicht gebaut.“ (John A. Shedd)
„Beachte, dass der starrste Baum unter Druck bricht, während der Bambus überlebt, indem er sich mit dem Wind biegt.“ (Bruce Lee)
Ein Beispiel aus dem Leben: Lea
Lea verlor vor zwei Jahren ihre langjährige Stelle in einem Unternehmen, das umstrukturiert wurde. Sie beschreibt uns gegenüber die erste Zeit danach als eine der schwersten Phasen ihres Berufslebens. Ungewissheit, Selbstzweifel und die Frage, wie es weitergehen würde, begleiteten sie über Monate.
Was sie jedoch rückblickend überrascht: Sie hätte nicht erwartet, was aus dieser Zeit wurde.
- Sie lernte, Unterstützung anzunehmen, die sie vorher abgelehnt hätte.
- Sie entdeckte berufliche Interessen, denen sie nie Zeit gegeben hatte.
- Sie entwickelte eine Klarheit darüber, was ihr wirklich wichtig ist – eine Klarheit, die sie in sicheren Zeiten nie so deutlich erlebt hatte.
„Ich würde mir diese anstrengende Phase nicht zurückwünschen“, sagt sie, „…aber ich würde sie auch nicht mehr missen wollen.“
Was ist Antifragilität?
Viele Menschen versuchen im Alltag, wenn etwas schwierig wird, standhaft zu bleiben, Belastungen wegzustecken und nach Möglichkeit einfach weiterzumachen – eine Mischung aus Stärke (robust sein) und Resilienz (sich sinnvoll anpassen). Beides sind wichtige Fähigkeiten, besonders in unruhigen und herausfordernden Zeiten.
Dennoch entspricht das nicht dem, was wir unter Antifragilität und damit unter Entwicklung verstehen.
Geprägt wurde der Begriff der Antifragilität vom Risikoforscher Nassim Nicholas Taleb. Er beschreibt damit eine Eigenschaft, die weit über bloße Widerstandsfähigkeit hinausgeht.
Der Unterschied im Überblick
- Fragile Systeme zerbrechen unter Belastung.
- Robuste Systeme versuchen, mit innerer Stärke zu trotzen.
- Resiliente Systeme halten Belastungen flexibel und anpassungsfähig aus.
- Antifragile Systeme gehen noch einen Schritt weiter: Sie nutzen den Stress aktiv, um zu lernen, sich zu verbessern und gestärkt aus der Krise hervorzugehen.
Drei Bilder aus der Natur
Die Eiche (robust, fragil): Sie trotzt dem Sturm mit purer Kraft – bis die Belastung zu groß wird und sie entwurzelt oder bricht.
Der Bambus (resilient): Er gibt dem Druck nach, biegt sich mit dem Wind und kehrt danach einfach unbeschadet in seine ursprüngliche Form zurück.
Die Minze (antifragil): Versucht man, die Minze im Garten zu bekämpfen, sie radikal zurückzuschneiden oder ihre Wurzeln zu zerhacken, bricht das unterirdische Herz der Pflanze nicht ein. Im Gegenteil: Der Eingriff regt sie an, aus jedem verletzten Wurzelstück neu auszutreiben – sie breitet sich danach noch dichter, stärker und flächendeckender aus als zuvor.
Antifragile Systeme entwickeln sich durch erlebte Belastungen und gewinnen daraus neue Fähigkeiten und Möglichkeiten.
Sie kennen sicherlich die Redewendung: „Der Mensch wächst an seinen Aufgaben.“ Der clevere Volksmund hat hier schon vor Generationen intuitiv das erfasst, was Taleb später wissenschaftlich und philosophisch als „Antifragilität“ ausgearbeitet hat.
Ist Antifragilität erlernbar?
Das klingt zunächst nach einer Eigenschaft, die man entweder besitzt oder nicht besitzt. Taleb und viele Forscherinnen und Forscher nach ihm beschreiben jedoch etwas anderes:
Antifragilität ist keine angeborene Fähigkeit. Sie entsteht – ähnlich wie Resilienz – durch bestimmte Haltungen, Gewohnheiten und Kompetenzen, die sich entwickeln und stärken lassen.
Wie trägt GFK zur Antifragilität bei?
Was trägt zu einer solchen Weiterentwicklung bei? Aus unserer Sicht ist es die Fähigkeit, auch in schwierigen Momenten mit sich selbst in Kontakt zu bleiben. Zu fühlen, was gerade da ist. Wahrzunehmen, was einem wirklich wichtig ist. Und von dort aus zu handeln.
Im Modell der Gewaltfreien Kommunikation geht es dabei um Werte und Bedürfnisse:
- Was ist mir wirklich wichtig?
- Wofür setze ich mich weiterhin ein, auch wenn es um mich herum unruhig wird?
Wer sich diese Fragen immer wieder stellt, entwickelt eine innere Landkarte, die Orientierung gibt.
Verbindung als zweiter Schlüssel
Menschen, die schwierige Situationen gut bewältigen, tun dies selten allein. Sie haben Menschen an ihrer Seite, denen sie sich zeigen können.
Die Gewaltfreie Kommunikation schafft genau dafür einen Raum und eine Sprache. Dabei brauchen wir nicht nur Menschen, die uns trösten oder beruhigen. Wir brauchen vor allem Menschen, die uns darin bestärken, mit uns selbst verbunden zu bleiben.
Antifragilität entsteht nicht dadurch, dass wir Stürmen ausweichen oder ihnen trotzen können. Sie entsteht dadurch, dass wir lernen, ihnen mit Offenheit, Neugier, Klarheit, Achtsamkeit, Mitgefühl und Vertrauen zu begegnen.
Zum Sofort-Üben
Denken Sie jetzt einmal an eine Zeit in Ihrem Leben, in der Sie eine echte Herausforderung gemeistert haben.
- Was haben Sie dabei über sich gelernt?
- Welche Fähigkeiten haben Sie in dieser Zeit entwickelt oder entdeckt?
- Welche Menschen oder welche inneren Ressourcen haben Ihnen dabei geholfen?
Nehmen Sie sich einen Moment, um das Ergebnis dieses Rückblicks bewusst anzuerkennen.
Wochenaufgabe
Wählen Sie in der kommenden Woche täglich zwei Minuten für eine kleine Reflexion:
Wofür stehe ich? Was ist mir wirklich wichtig – unabhängig davon, was gerade gut oder schwierig läuft?
Schreiben Sie jeweils einen Satz auf. Beobachten Sie am Ende der Woche, ob sich durch diese tägliche Klärung etwas in Ihrer inneren Haltung verändert hat.
Aktuelles
Besonderer Hinweis: Wandeltage 2026 – Beziehungspflege, die tiefer geht
Beziehungen entstehen nicht allein durch gemeinsame Zeit. Sie wachsen dort, wo Menschen sich ehrlich begegnen, aufmerksam zuhören und auch für das offen bleiben, was im Alltag oft keinen Raum findet.
Unsere Jahresgruppe „Wandeltage 2026″ lädt dazu ein, sich über mehrere Monate hinweg gemeinsam auf diesen Weg zu machen. Die Wandeltage verbinden persönliche Entwicklung, Gewaltfreie Kommunikation und gemeinsames Wachsen in einer festen Gruppe.
Start: 28.08.2026
„Wandeltage 2026″ – GFK-Jahresgruppe (6 Module) → Mehr Informationen
Kleine Glücksmomente
Mit unseren Gratis-Postkarten möchten wir Sie dabei unterstützen, sich selbst und anderen immer wieder kleine Glücksmomente zu schenken — unerwartet, herzlich und nährend.
→ Zu unseren Gratis-Postkarten
Online-Trainings 2026
29.06.2026 Webinar: Schneller tragfähige Teamentscheidungen treffen (60 Min.)
09.09.2026 „Verbale Raumpfleger*Innen gesucht“ – kostenfreie 3-teilige Onlinereihe
05.11.2026 Trainer:innen-Ausbildung online (4 Module, 20 Tage)
Präsenz-Seminare 2026/2027
27.06.2026 Einführungsseminar Gewaltfreie Kommunikation in Jena (2 Tage)
28.08.2026 Start der „Wandeltage 2026″ – GFK-Jahresgruppe (6 Module)
11.09.2026 Auszeit für Unternehmer-Paare – Ziele-Update im Herbst (1 Tag)
13.09.2026 Bildungsurlaub „Führungskräftetraining auf Basis GfK“ im Kunze-Hof (5 Tage)
05.10.2026 Neu: Bildungsurlaub „Einführung GfK“ auf Juist (5 Tage)
15.11.2026 Bildungsurlaub „Einführung GfK“ auf Spiekeroog (5 Tage)
11.12.2026 Auszeit für Unternehmer-Paare – Jahresplanung 2027 (2 Tage)
29.12.2026 Gewaltfreie Kommunikation mit Klang und Gesang (5 Tage)
08.01.2027 Ins neue Ja(hr) mit GFK – in Hünfeld (3 Tage)
16.02.2027 Schneeschuh-Tour zur Hohgant-Hütte bei Interlaken (CH, 5 Tage)
11.04.2027 Bildungsurlaub „Einführung GfK“ auf Juist (5 Tage)
21.05.2027 „Wandeltage unendlich“ – in Hünfeld (3 Tage)
06.06.2027 Bildungsurlaub „Einführung GfK“ im Kunzehof (5 Tage)
31.07.2027 GFK und Aqua-Wellness auf Lesbos (7 Tage)
17.10.2027 Bildungsurlaub „Einführung GfK“ in Bad Tölz (5 Tage)
21.11.2027 Bildungsurlaub „Führungskräftetraining auf Basis GfK“ auf Spiekeroog (5 Tage)
→ Alle Termine auf www.erfolgsschritte.de
Unsere persönlichen Gedanken dazu
Wenn wir uns diese Fragen selbst stellen, landen wir schnell bei der Corona-Zeit. Rückblickend war sie für uns eine große Herausforderung und zugleich eine Zeit intensiver Entwicklung.
Anja: „Für mich bestand eine besondere Herausforderung darin, sichtbarer zu werden. Mit unseren Angeboten nach außen zu gehen, mich vor der Kamera zu zeigen und mich damit auch selbst deutlicher wahrzunehmen. Das war nicht immer leicht. Gleichzeitig habe ich erlebt, dass genau dort Entwicklung möglich wurde.“
Olaf: „Ich gehörte vor der GFK sehr überzeugt zu den Menschen, die wissen, was richtig und was falsch ist. GFK hat mich gelehrt, Überzeugungen und Bedürfnisse getrennt sehen zu können und mit Menschen in Kontakt zu bleiben, auch wenn wir nicht übereinstimmten.“
Aus dieser Offenheit heraus haben wir uns später auch mit den Möglichkeiten der Künstlichen Intelligenz beschäftigt. Statt Abstand zu halten, haben wir begonnen zu lernen, auszuprobieren und herauszufinden, wie wir diese neuen Werkzeuge sinnvoll für unsere Arbeit nutzen können.
(Keine Angst, wir informieren uns mit Hilfe der KI, doch wir schreiben immer noch selbst. Huhu, wir sind’s… Anja & Olaf.)
Wenn wir auf diese Zeit zurückblicken, sehen wir nicht nur die Belastungen, sondern auch das, was daraus entstanden ist. Genau darin erkennen wir etwas von dem, was mit Antifragilität gemeint ist: Aus einer schwierigen Situation sind Fähigkeiten, Erfahrungen und Möglichkeiten gewachsen, die uns bis heute tragen.