534/2022 Immer dieses „Wenn…, dann…!“

Liebe Leserin, lieber Leser,

wir hatten in der vergangenen Woche eine interessante Leserinnen-Zuschrift mit einer Frage dazu. Dies haben wir genutzt für den heutigen Coachingbrief.

Herzliche Grüße, heute aus Jena und Bielefeld
Anja Palitza & Olaf Hartke

Thema: Immer dieses „Wenn…, dann…!“

Zitat: „Was Kinder aus Strafen lernen? Dass die Liebe der Eltern wankelmütig ist!“ (Christopher End)

Beispiel: Eine Leserin schrieb uns:

„Hallo Anja und Olaf,
vor ein paar Tagen besuchte ich Freunde und deren Kinder. Der Große ist nun drei Jahre alt. Und im Verlauf des Tages, konnte ich viele „Wenn-Dann-Situationen“ beobachten. Zum Beispiel:

– Wenn Du nicht am Tisch sitzen bleibst, dann ist Dein Essen beendet.
– Aber nur, wenn Du mit dem BobbyCar nicht gegen die Möbel fährst, sonst kommt es dann weg.
– Wenn Du heute Abend brav ins Bett gehst, dann darfst Du morgen einen Film ansehen.

So habe ich mir die Fragen gestellt:

  • Was sind die Bedürfnisse der Eltern und des Kindes hinter all diesen Wenn-Dann-Konsequenzen/Situationen?
  • Wessen Bedürfnisse werden berücksichtigt und erfüllt?
  • Wieso reden wir mit Kindern, aber nicht mit Erwachsenen so?
  • Wie können Eltern/Erzieher*innen den Spagat zwischen (konsequenter) Erziehung und der GFK schaffen?(Besonders mit Kindern im Kindergartenalter, die entwicklungspsychologisch nur bedingt oder auch nicht, ihre bzw. die Gefühle und Bedürfnisse anderer erkennen und verstehen können.)

Und reden wir nicht manchmal mit uns selbst auch im „Wenn-Dann-Modus“ und vergessen mit uns selbst gewaltfrei umzugehen?

Viele liebe Grüße“

Information: Die wichtigste Information erstmal vorab: Das uns gut bekannte „Wenn-Dann-Thema“ ist – das wird uns nochmal deutlich, wenn wir die obigen Fragen lesen – ein „großes“ Erziehungsthema. „Groß“ im Sinne von Wichtigkeit und „groß“ auch im Sinne von Umfang. Wir haben noch keine Idee, wie wir die Fragen so beantworten können, dass aus diesem Coachingbrief kein Erziehungs-Buch wird. 🙂

Wir werden die Antwort also eher allgemein halten und denken parallel über eine neue 100-teilige Webinar-Reihe zum Thema „Kinder ins Leben begleiten“ nach.

Ganz grundsätzlich – und es ist auch gleichgültig, ob gegenüber Kindern oder gegenüber Erwachsenen – die häufig genutzten „Wenn-Dann-Formulierungen“ sind eine Strategie, von der der Sender dieser Nachricht sich eine Bedürfnis-Erfüllung verspricht. Für uns gibt es da zwei grundlegend verschiedene Bedürfnisse, die sich Menschen mit dieser Strategie erfüllen wollen: 

Haltung A: Menschen ist es wichtig, dem Empfänger zwei Sachverhalte zu benennen, die aus Sicht des Senders in einem kausalen Zusammenhang stehen, der für den Empfänger eine Bedeutung haben könnte.

Dann ist es aus unserer Sicht das Bedürfnis nach „Menschen unterstützen und ihnen eine Klarheit für auf sie zu kommende Entscheidungen geben, die sie vielleicht selbst nicht sehen“. In Bedürfniswörter-Listen wären das die Substantive „Transparenz, Klarheit, Unterstützung)

(GFK-Fortgeschrittene überlegen an dieser Stelle, ob da nicht eher das Bedürfnis zur Strategie gemacht wird und überlegen: Wenn man jemanden mit Transparenz-Gabe unterstützen möchte – welches eigene Bedürfnis will man sich dann erfüllen? Und dann kommt man auf vielleicht darunterliegende, tiefere Bedürfnisse wie Ruhe, Harmonie, Leichtigkeit…)

Obiges Beispiel: „Wenn Du nicht am Tisch sitzen bleibst, dann ist Dein Essen beendet.“

In der GFK-orientierten Haltung von „unterstützender Transparenz“ möchten Eltern ihren Kindern einen kausalen Zusammenhang verdeutlichen, den die Kinder aufgrund ihres Erfahrungshorizontes nicht selbst entdecken können. Das Kind ahnt vielleicht nicht, dass gleich der Tisch abgeräumt wird und die Eltern möchten helfen, dem Kind die freiwillige Entscheidung zu ermöglichen, vorher noch etwas zu essen oder nichts mehr zu essen. Beides wäre für die Eltern OK, sie sind ergebnisoffen.

Wenn man in der Haltung A ist, dann möchte man auch mit dem Satz: „Wenn Du nicht am Tisch sitzen bleibst, dann ist Dein Essen beendet.“, eine Information zur Erleichterung einer Entscheidung geben. Die ergebnisoffene Haltung von unterstützender Transparenz wäre leichter zu erkennen, wenn es so formuliert würde:  

„Ich werde gleich den Tisch abräumen und das Abendessen beenden. Falls Du vorher noch etwas essen möchtest, dann nimm Dir jetzt bitte etwas.“

Anhand einer Formulierung ist selten klar zu erkennen, in welcher Haltung jemand ist. Denn genau genommen – erst wenn sich das Kind entscheidet weiter umherzulaufen und die Eltern diese Entscheidung nicht akzeptieren können und mit anderen Mitteln versuchen ihr gewünschtes Ziel (das Kind soll etwas essen) zu erreichen, wird deren innere Haltung im Außen sichtbar.

Aber wir haben ja hier auch die Formulierung „Wenn Du nicht…, dann…“ und die lässt vermuten, dass das Elternteil in der anderen Haltung (B) unterwegs ist.

Haltung B: Menschen nennen dem Empfänger zwei Sachverhalte, die keinen logischen/natürlichen kausalen Zusammenhang haben, sondern ihn nur bekommen, indem der Sender ihn willkürlich herstellt, weil ihnen wichtig ist, dem Empfänger ein bestimmtes Zukunftsszenario zu verdeutlichen, welches der Sender eintreten zu lassen geneigt ist, wenn der Empfänger eine bestimmte, erwünschte Entscheidung/Handlung zur Bedürfniserfüllung des Senders nicht trifft/vollzieht. In Kürze: Wenn der Interaktionspartner nicht macht, was man will, dann gibt man ihm überzeugendere Gründe, zu tun, was man will.

Das Bedürfnis hinter dieser Strategie ist aus unserer Sicht, „Situationen so gestalten wollen, dass man sich in ihnen wohlfühlt und man die Zuversicht behalten kann, dass dies zuverlässig und zeitnah geschieht.“ In Bedürfniswörter-Listen wären das die Substantive „Wirksamkeit, Sicherheit, Leichtigkeit“

Nochmal obiges Beispiel: „Wenn Du nicht am Tisch sitzen bleibst, dann ist Dein Essen beendet.“

In der nicht GFK-konformen Haltung von „urteilender oder sogar strafender Ausübung einer Machtposition zur Erzwingung von Strategien zur Erfüllung der eigenen Bedürfnisse ohne Rücksicht auf die Bedürfnisse anderer“, möchten die Eltern zuverlässig und zeitnah ein bestimmtes Verhalten des Kindes erleben. Und die Eltern sind gerade ratlos, in Bezug auf alternative Strategien, die ähnlich zuverlässig und zeitnah Wirksamkeit zeigen könnten.

Und – das ist uns noch wichtig zu erwähnen – in der Haltung von B machen Eltern nichts „falsch“. Genauso wenig, wie sie in der Haltung von A etwas „richtig“ machen. In beiden Fällen tun die Eltern nichts anderes, als auf die ihnen zum gegenwärtigen Zeitpunkt am besten zur Verfügung stehende Art und Weise zur Bedürfniserfüllung ALLER Beteiligten beizutragen.

Und jetzt würden wir – wenn dies ein Buch wäre – ein neues Kapitel beginnen oder auf ein bereits vorhandenes verweisen, denn jetzt kommt das Thema „zeitebenenabhängig übergeordnete Bedürfnisbereiche“ hinzu. Denn auf den ersten Blick erklärt sich einigen Lesern wahrscheinlich nicht, inwiefern die Eltern in B zur „Bedürfniserfüllung ALLER Beteiligten“ beizutragen versuchen. Man könnte denken, „Die Kinder-Bedürfnisse werden doch hier gar nicht berücksichtigt – wieso schreiben die Autoren „ALLER Beteiligten“?“

Stichworte wie „Kinder auf das Leben vorbereiten“; „Vermittlung von Werten“, „Ihnen beibringen, was später bedeutsam sein könnte“ und „Den Rahmen des Familienlebens halten wollen“, spielen hier eine Rolle. Kurz – die „guten Gründe…“ oder die „Notwendigkeiten im Alltag“ – die Kinder (noch) nicht kennen können.

Und ja, ein großes, großes Themen-Konglomerat, das nicht in einen Coachingbrief passt und gleichzeitig doch eine so hohe Bedeutung hat, denn die „Wirksamkeit mit Leichtigkeit“ die die Eltern letztendlich in B so gern hätten, gibt es ja in der Haltung von B auch nur kurzfristig und situativ. Kinder unterwerfen sich womöglich einem Druck und das Gewünschte entsteht. Und dann…?

Die Schattenseite: Mit einer ausgeprägten Tendenz zur Konsequenz- und Strafandrohung legt man nach unserer Überzeugung häufig die Grundlage für einen zukünftig stärkeren Widerstand gegen Bitten und Forderungen, die dann nur mit immer größer werden müssenden Androhungen noch Gehör finden. Tragisch, wenn es dann später so weit geht, dass Kinder in der Folge vielleicht weniger Kontakt mit den Eltern haben wollen, weil da „immer so ein Druck und Zwang“ empfunden wird.

Wir denken mal über ein Grundlagen-Webinar nach… J

Wochenaufgabe: Prüfen Sie in dieser Woche einmal Ihre Haltung, wenn Sie gerade „Wenn-Dann-Formulierungen“ benutzt haben:

A: Möchten Sie Ihr Gegenüber auf etwas Wichtiges aufmerksam machen, damit diese Person eine sinnvolle Entscheidung treffen kann oder vor einer drohenden Gefahr achtsam sein kann?

B: Möchten Sie Ihr Gegenüber gerade dazu bringen, etwas zu tun, was es nicht tun würde, wenn Sie nicht zusätzliche Gründe liefern? 

Aktuelles

Webinar

Die Willenskraft stärken und Vorsätze umsetzen
Passiert es Ihnen auch, dass Sie Ihre guten Vorsätze und vernünftigen Vorhaben manchmal nicht umsetzen und dann mit sich selbst hadern?
In diesem Webinar erfahren Sie mehr über die Grundlagen der Willenskraft und wie man sie trainieren kann.

Termine und Anmeldung:
Dienstag, 22.02.2022 um 18.00 Uhr
Donnerstag, 03.03.2022 um 18.00 Uhr
https://www.edudip.market/w/400708

Jeden Montag, ab 07.03.2022 darauf aufbauend: 10-wöchiges Online-Training (10x 60 Minuten) zur Begleitung Ihrer Veränderungen und zum Etablieren neuer Gewohnheiten.
https://www.erfolgsschritte.de/seminare-trainings/w01_willenskraft_staerken.php

Weitere Seminare

25.02.2022 Schneeschuhwanderung Hohganthütte, Einzelteilnehmende und Paare (4,5 Tage)
(Unter 2G-Bedingungen. Durch das Zusammenlegen der beiden Termine sind nur noch wenige Plätze frei.)
11.03.2022 Wandeltage 2022 – Jahresausbildung (WT 3, 6 Module, 18 Tage) (3 Plätze frei)
20.03.2022 Bildungsurlaub Einführung GfK Baltrum (Warteliste)
27.03.2022 Bildungsurlaub Einführung GfK Baltrum (5 Tage)
21.05.2022 GFK-Tag in Erfurt: https://www.gfk-info.de/seminar/gfk-tage-in-erfurt/
30.05.2022 Einführung in die GfK Erfurt Jugendberufshilfe Thüringen e.V. (2 Tage)
14.06.2022 Trainerinnenausbildung in Präsenz (TTT 41, 4 Module, 20 Tage – Trainerteam)
04.09.2022 Bildungsurlaub GfK und Führung in Dießen am Ammersee (5Tage)
27.11.2022 Bildungsurlaub Einführung GfK Spiekeroog (5 Tage)

Weiteres finden Sie auf unserer Website:
https://erfolgsschritte.de/seminare-trainings/termine.php

Es sind noch nicht alle Informationen zu den Seminaren aktualisiert; fragen Sie direkt bei uns nach, wenn Sie konkrete Fragen dazu haben.

Sie sind mit der Mailadresse [email] für den Empfang dieses Coachingbriefes eingetragen.
Wenn Sie sich abmelden möchten, klicken Sie bitte hier [loeschlink]

Herausgeber:
Hartke Unternehmensentwicklung GmbH
Dunlopstraße 9, 33689 Bielefeld
Fon: 05205 / 7290525 und Fax: 05205 / 7290527
http://www.ab-ins-kloster.de
© Copyright Anja Palitza & Olaf Hartke

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