444/21 Von der Herausforderung zur Herausbitte

Liebe Leserinnen und liebe Leser,

wir freuen uns, dass wir wieder Trainings veranstalten dürfen. Zwar mit geringerer Teilnehmerzahl aber doch wieder Trainings mit den jetzt üblichen Corona-Sicherheitsmaßnahmen. In Jena starten wir am 18./19. Juli ein Übungsseminar in Gewaltfreier Kommunikation mit neun Plätzen. Wenn Sie Interesse haben, dann melden Sie sich gleich an.

Herzliche Grüße, heute von uns beiden aus Bielefeld
Anja Palitza & Olaf Hartke

Thema: Von der Herausforderung zur Herausbitte

Zitat:
„Achte auf Deine Gedanken, denn sie werden Worte.
Achte auf Deine Worte, denn sie werden Handlungen.
Achte auf Deine Handlungen, denn sie werden Gewohnheiten.
Achte auf Deine Gewohnheiten, denn sie werden Dein Charakter.
Achte auf Deinen Charakter, denn er wird Dein Schicksal.“ (aus dem Talmud)

Beispiel: Wir haben auf Youtube einem Gespräch zwischen zwei Trainern der Gewaltfreien Kommunikation (Irmtraud Kauschat und Gerhard Rothhaupt) den Begriff „Herausbitte“ entnommen. Folgender Dialog entspann sich:

Anja: Wow. „Herausbitte“, der Begriff gefällt mir. Wie geht es Dir mit dem Begriff?
Olaf: Na, ich weiß nicht so recht. Klingt etwas fremd.
Anja: Wenn ich darüber nachdenke, dann steckt so viel mehr Kraft in diesem Wort.
Olaf: Was meinst Du genau damit?
Anja: Die Worte die ich wähle, haben eine Wirkung. Bei mir und auch bei denen, die meine Worte empfangen.
Olaf: Ja, das teile ich und gleichzeitig braucht es auch eine Alltagstauglichkeit bei der Wahl von Wörtern, die ich nutzen will. Ich will mich ja verständlich machen und nicht verwunderte und fragende Blicke erzeugen.
Anja: Das sehe ich auch so. Und doch habe ich gerade große Freude an der Erkenntnis.
Olaf: Ja, das merke ich.
Anja: Ich habe ja schon die Nutzung der Wörter „Schwierigkeit“ oder „Problem“ für mich eingeschränkt und nutze gern das Wort „Herausforderung“ – „Herausbitte“ ist für mich die logische Fortsetzung.
Olaf: Dann schreib das doch als Beispiel für unseren Coachingbrief und sage denjenigen, die das Wort „Herausbitte“ nicht sofort verstehen, dass Du es in untiger Information erklären wirst.
Anja: Untiger?
Olaf: Ja, untiger.
Anja: Das Wort ist auch erklärungsbedürftig.
Olaf: Wenn man im Text auf etwas verweisen möchte, das obendrüber steht, sagt man ja auch „an obiger Stelle“ – und ich finde, wenn man auf etwas verweisen möchte, das drunter steht, kann man auch „an untiger Stelle“ sagen.
Anja: Der Clip von Irmtraud und Gerhard ist noch ganz frisch; hat aber schon erste Likes. Ich glaube, ein obiger-untiger-Clip von Dir würde keine bekommen.
Olaf: Wirft mit dem Radiergummi

Information: Die alltäglichen Worte sind nicht nur Ausdruck unserer Haltung und unserer Einstellung zum Leben unsere Worte beeinflussen gleichzeitig und oft ganz unbemerkt unser Bewusstsein. Wir bestärken oder festigen damit unsere Sichtweisen, Glaubenssätze und Überzeugungen.

So z.B. wenn ich mich in einer Situation befinde, die ich so nicht haben will und für den Moment keine Lösung sehe, dann kann ich es als Problem ansehen, es auch als schwer empfinden und es als Schwierigkeit betrachten oder mich auch als herausgefordert erleben.

Wenn wir bei diesem Beispiel bleiben: Wer oder was fordert mich denn heraus? Ist es die Situation? Oder gar jemand anderes? Doch bin ich das letztendlich nicht selber? Hinter einer Forderung steckt zudem auch der Gedanke des „müssen“ oder „sollen“. Doch weder die Situation noch andere können mich zwingen, etwas zu tun oder zu lassen. Ich entscheide immer selbst. Vielleicht entspricht nicht jede Entscheidungsoption, die ich sehe, meiner Lieblingslösung und gefällt mir zu 100%. Doch der Entscheider bin und bleibe ich selbst. Und so fordert mich vielleicht eine Situation in der ich angespannt, unruhig, nervös, ängstlich, traurig, wütend etc. bin. Doch es bleibt dabei: Ich fordere ich mich selbst heraus, nach einer Lösung Ausschau zu halten.

Doch Forderungen haben eine Wirkung. Denn Menschen bevorzugen es, für sich selbst zu entscheiden. Zahlreiche Menschen sehnen sich nach Autonomie und Selbstbestimmung. Und für manche Menschen ist es ein Wert, den sie unter keinen Umständen aufgeben würden. Und so erzeugen Forderungen in manchen Fällen sogar massiven Widerstand und Boykott. Gleichzeitig haben alle Menschen das Bedürfnis beizutragen. Sie wollen etwas für andere Menschen tun und sie machen es mit Freude, wenn sie es frei entscheiden können.

Und Forderungen zeigen nicht nur im Miteinander mit Anderen eine Auswirkung, sondern auch im Inneren des Menschen. In der Psychologie spricht man von inneren Anteilen, die eine Persönlichkeit ausmachen. So gibt es womöglich innere Anteile, die unter keinen Umständen Forderungen nachgeben wollen und daher bemüht sind, die anderen Anteile auszubremsen.

Wenn ich mir diese Hintergründe bewusst mache, dann ergibt das Wort „Herausbitte“ für mich viel mehr Sinn, als das Wort „Herausforderung“. Ein neuer Gedanke kann für mich sein, dass ich mich selbst bitte etwas zu tun, um mit der Ausgangssituation umzugehen. Ich bitte mich zu überlegen, wie ich aus dieser Situation herauskomme. Und wenn es mir darum geht, dass ich wirklich ins Handeln komme, dann kann ich mir nachdrücklich auch der Bedürfnisse bewusst werden, die hinter dem Veränderungswunsch stehen. Die Heraus-„Forderung“ benötige ich dann nicht, sondern erlebe wieder meine eigene Entscheidungsfreiheit.

Zum „Sofort-Üben“: Welche Kräfte alltäglicher Worte werden Ihnen jetzt möglicherweise noch bewusst? (Unsere spontane Auswahl finden Sie am Ende des Coachingbriefes.)

Wochenaufgabe: Überlegen Sie doch diese Woche mal für sich, welche Worte Sie immer wieder benutzen und welche Wirkung diese Worte auf Sie selbst haben. Kleine Übung dazu:

Nehmen Sie eine meditative Ausgangsposition ein und lassen Sie folgende Worte auf sich wirken. Verlust, Zweifel, Probleme, Forderung, Schuld, Opfer, Feind, Krieg, Zwang, Fehler, Arbeit, hässlich… Welche Bilder, Erinnerungen, Gedanken, Gefühle tauchen dazu auf?

Recken und Strecken Sie sich und nehmen nun wieder Ihre meditative Körperhaltung ein: Wie wirken diese nun folgende Worte auf Sie und welche Bilder, Erinnerungen, Gedanken, Gefühle tauchen dazu auf? Vergnügen, Bitten, Gefühle, Liebe, Erfolg, Freiwilligkeit, Schönheit, Genuss, Vertrauen, Partner, Wertschätzung, Wahl, Berufung.

Aktuelles:
Sie sind voller Lebenshunger auf Gemeinschaft, wiedermal etwas Besonderes erleben können, sich selbst und vielleicht auch Ihren Partner (wenn Sie ihn mitbringen) einmal von einer ganz anderen Seite kennenlernen können? Dann sind Sie genau richtig.

18.-19. Juli 2020 Vertiefungsseminar Gewaltfreie Kommunikation in Jena – 2 Tage

Kostenfreie Live-Webinare zum Kennenlernen (45 min.)

Vier Fallen der Kommunikation und wie Gewaltfreie Kommunikation sie vermeiden hilft
Termine, Infos und Anmeldung: https://www.edudip.market/w/339668

Gewaltfreie Kommunikation – Um was geht es denn dabei?
Termine, Infos und Anmeldung: https://www.edudip.market/w/339660

Zukunftsfähige Gruppen-Entscheidungen treffen
Termine, Infos und Anmeldung: https://www.edudip.market/w/312740

Live-Webinare zum Wissen vertiefen und Anwendung üben (60 min.)

Besuchen Sie diese 60-minütigen Webinare, wenn Sie nicht nur einen ersten Eindruck von Gewaltfreier Kommunikation gewinnen möchten, sondern sich intensiver mit dem Modell auseinandersetzen und Anwendungs-Fähigkeiten erwerben möchten.

(10,- € pro 60-Minuten-Webinar, einzeln buchbar)

A – Einführungs-Reihe Gewaltfreie Kommunikation (6 Module)
Sie erhalten ein breiteres Wissen über die Grundlagen Gewaltfreier Kommunikation und haben auch die Möglichkeit, die Fähigkeiten in den sechs Bereichen kurz zu üben und eigene Beispiele einzubringen.

B – Vertiefungs-Webinare…
basieren auf den Grundlagen und sind speziellen Aspekten der Gewaltfreien Kommunikation gewidmet. Sie bieten Ihnen auch Gelegenheiten für Fragen und eigene Beispiele.

C – Übungs-Webinare…
sind begrenzt auf wenige Teilnehmer und haben keine festgelegten Inhalte. Sie sind Raum für persönliche Fragen und Beispiele und bieten regelmäßige Gelegenheiten zum Üben. Theorie nur dort, wo es zum Verständnis der individuellen Beispiele nötig ist. Fokus auf Anwendung im privaten und beruflichen Alltag.

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Angebote zu  A   –   Einführungs-Reihe
Eine Kurz-Einführung oder auch geeignet als eine Erinnerung an bekannte Inhalte in 6 einzeln buchbaren Modulen über einen Zeitraum 4-6 Wochen.

Grundannahmen der Gewaltfreien Kommunikation als Beziehung-Grundlage
Termine, Infos und Anmeldung: https://www.edudip.market/w/358532

Frustrierende „Ja, aber…“-Diskussionen in sachliche Beobachtungen zurückführen
Infos und Anmeldung: https://www.edudip.market/w/359050

Gefühle verstehen und als Richtungsgeber nutzen
Termine, Infos und Anmeldung: https://www.edudip.market/w/359092

Bedürfnisse als gemeinsame Basis im Miteinander entdecken
Termine, Infos und Anmeldung: https://www.edudip.market/w/359096

Statt frommer Wünsche erfolgversprechende Bitten äußern
Termine, Info und Anmeldung: https://www.edudip.market/w/359098

Zusammenfassung, zweierlei Ohren und Weiteres
Termine, Infos und Anmeldung: https://www.edudip.market/w/359100

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Angebote zu  B   –   Vertiefungs-Webinare
Vertiefungs-Webinare zu speziellen Aspekten der Gewaltfreien Kommunikation bauen auf den Grundlagen auf und verdeutlichen Ihnen die Anwendung Gewaltfreier Kommunikation in herausfordernden oder belastenden Situationen. Die Teilnehmerzahl ist beschränkt, es gibt Übungsgelegenheiten und Raum für eigene Beispiele.

NEU

Wut und Ärger in konstruktive Lösungsenergie verwandeln
Termine, Infos und Anmeldung: https://www.edudip.market/w/363404

Weitere Themen sind in Vorbereitung.

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Angebote zu  C   –   Übungs-Webinare
Übungs-Webinare beinhalten wenig Theorie – lediglich zum Verständnis und zur Klärung der Ursachen der eingebrachten Beispiele bauen wir spontan kurze Informationseinheiten ein. Die Webinare bieten Raum für persönliche Fragen, eigene Beispiele und Gelegenheit, die praktische Anwendung zu trainieren.

Praxis: Gewaltfreie Kommunikation üben, üben, üben…
Termine, Infos und Anmeldung: https://www.edudip.market/w/359106

Konflikte klären mit Gewaltfreier Kommunikation
Termine, Infos und Anmeldung: https://www.edudip.market/w/357744

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Unsere Gedanken zum „Sofort-Üben“:

„Ja, aber…“ – nimmt dem vorigen Argument seine Bedeutsamkeit und Wichtigkeit. Wir empfehlen das Wort „aber“ zu ersetzen durch „und gleichzeitig“.

„Ich muss“ – ist ein Wort, das die Freiheit der Selbstbestimmung leugnet. Wir empfehlen das Wort müssen zu ersetzen durch den Satz: „Ich entscheide mich, weil mir…“ und es mit einem Bedürfnis zu koppeln.

„Ich sollte“ – ist geprägt von Erwartungen an sich selbst. Wenn ich etwas als sinnvoll ansehe, dann kann ich sagen: „Ich habe die Idee, dass diese (Entscheidung, Umsetzung, Verhalten…) hilfreich für mich ist und es das Bedürfnis nach… unterstützt.

„Das ist schwierig…“ – weist daraufhin, dass die Umsetzung von etwas eine hohe Komplexität hat. Oft wird die Bewertung von „schwierig“ auch im Kontext von Dingen verwendet, die vergleichsweise einfach, aber noch völlig neu sind. Wir empfehlen da eher zu sagen: „Das ist noch ungewohnt für mich.“ (Z. B. beim Lernen von Gewaltfreier Kommunikation.)

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