407/2019 Gewaltfreie Kommunikation in der Schule

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

wir waren im August in zwei Schulen in Jena als Trainer eingeladen und haben uns mit Lehrern über unsere Erfahrungen, Ideen und unser Wissen über die Gewaltfreie Kommunikation ausgetauscht.  Wir sind begeistert vom Engagement vieler Lehrerinnen und Lehrer und ihrem Wunsch, dass Schule immer mehr ein Ort des „Miteinander Seins und Lernens“ werden soll. Daher haben wir diese Ausgabe unseres Coachingbriefes dem Thema Schule gewidmet.

Herzliche Grüße aus Jena und Bielefeld

Anja Palitza & Olaf Hartke

 

Thema: Gewaltfreie Kommunikation in der Schule

 Zitate zu den Themen Lernen und Schule:

„Ich unterrichte meine Schüler nie. Ich versuche nur Bedingungen zu schaffen, unter denen sie lernen können.“
(Albert Einstein, deutscher Physiker, 1879 – 1955)

„Man kann einen Menschen nichts lehren, man kann ihm nur helfen, es in sich selbst zu entdecken.“
(Galileo Galilei, Mathematiker, 1564 – 1643)

„Das Wichtigste ist nicht, dass jedes Kind unterrichtet werden sollte. Man sollte vielmehr in jedem Kind den Wunsch zu lernen wecken.“
(John Lubbock, britischer Archäologe, 1834 – 1913)

„Einen jungen Menschen unterrichten heißt nicht, einen Eimer füllen, sondern ein Feuer entzünden.“
(Aristoteles, griechischer Philosoph, 384 – 322 v. Chr.)

„Alles Lernen ist nicht einen Heller wert, wenn Mut und Freude dabei verloren gehen.“
(Johann Heinrich Pestalozzi, Schweizer Pädagoge, 1746 – 1827)

 

Beispiel: Das folgende Beispiel ist von Marshall Rosenberg aus seinem Buch:
„Erziehung, die das Leben bereichert. Gewaltfreie Kommunikation im Schulalltag.“

Die Situation ereignete sich am zweiten Tag des Schuljahres. Die Lehrerin hatte den Schülern/innen mehrere Aufgaben im Mathematikunterricht gestellt. Alle Schüler/innen der Klasse hatten sich an die Arbeit gemacht, bis auf einen Jungen, der auf seinem Platz saß und missmutig aus dem Fenster schaute. Daraufhin kam es zwischen der Lehrerin und dem Schüler zu folgendem Gespräch:

Lehrerin (L): Die Aufgaben, die ich gestellt habe, scheinen dich zu langweilen und nicht zu interessieren. Es sieht so aus, als würdest du lieber etwas anderes machen.

Schüler (S): (wütend) Mathe ist blöd!

L.: Das klingt ja, als ob du einen ziemlichen Hass auf Mathematik hättest und etwas tun möchtest, das für dich nützlicher ist.

S.: Genau.

L.: Da bin ich aber von mir selbst enttäuscht. Ich wollte Mathematik für alle interessant machen, und nun sehe ich, dass mir das bei dir nicht gelungen ist.

S.: Ich verstehe nicht, warum wir uns überhaupt mit Mathematik beschäftigen müssen.

L.: Ist es für dich wichtig, zu verstehen, was für einen Sinn etwas hat, bevor du dich damit beschäftigst? Und siehst du keinen Grund, dich mit Mathematik zu beschäftigen?

S.: Ja.

L.: Ich bin jetzt etwas verwirrt. Ich bin mir nämlich nicht sicher, ob du nicht verstehst, wie Mathematik dir nützlich sein könnte, oder ob du es einfach nicht magst, dich mit Mathematik zu beschäftigen. Um was von beidem geht es?

S.: Es ist einfach zu schwierig.

L.: Willst du damit sagen, dass du frustriert bist und mehr Hilfe brauchst, um zu verstehen, wie man Matheprobleme löst?

S.: Ja, aber es ist auch langweilig.

L.: Du langweilst dich also dabei und möchtest, dass es für dich interessanter ist.

S.: Ja.

L.: Wir können den Unterricht ganz bestimmt so gestalten, dass Mathematik für dich leichter wird und dir mehr Spaß macht. Das würde ich jedenfalls gerne versuchen.

S.: Wie?

L.: Dazu brauche ich deine Hilfe. Du müsstest mir jedes Mal sagen, wenn die Arbeit für dich langweilig oder zu schwer wird. Wenn du das tust, können wir gemeinsam experimentieren, um herauszufinden, wie es für dich leichter und verständlicher wird.

L.: (versucht auf das nonverbale Verhalten des Schülers mit Empathie zu reagieren)
Du scheinst noch immer zu zweifeln.

S.: Und was ist, wenn Sie keine Zeit haben?

L.: Du möchtest also wissen, was wir in einem solchen Fall machen werden?

S.: Hmmm.

L.: Wenn ich zu beschäftigt bin, um mich speziell um dich zu kümmern, gebe ich dir eine andere Arbeit, mit der du dich allein auseinandersetzen kannst, bis ich Zeit für dich habe. Ich würde dich nicht mit einer Mathematikaufgabe allein lassen, wenn klar ist, dass du damit allein nicht weiterkommst.“

(nach Rosenberg 2004b, 92ff.)

Information: Im Modell der Gewaltfreien Kommunikation steht nicht die Frage im Vordergrund: Was „soll“ und „muss“ der Andere leisten, können oder umsetzen. Auch wenn dies als Erwartungen von Seiten des Bildungsplanes, der Schule und der Eltern an die Lehrer und Lehrerinnen herangetragen wird. Aus unserer Sicht geht es in der Gewaltfreien Kommunikation um ein Miteinander, das auch in künstlich geschaffenen Lernumgebungen wie der Schule gilt. Ziel ist es, dass Kinder sich als die aktiven Gestalter ihres Lebens erleben und dazu ist es wichtig, dass sie erfahren, dass ihre Bedürfnisse genauso zählen, wie die Bedürfnisse anderer Menschen. Sie brauchen Vorbilder, die Ihnen vorleben, wie es gehen kann, dass man die eigenen Bedürfnisse und die des Gegenübers im Blick behält.

Das „Lernen wollen“ bei Kindern ist aus unserer Sicht das kostbarste Gut, was es zu erhalten und zu schützen gilt. Es bildet die Grundlage für die weitere Selbstentwicklung im Leben. Und zudem ist aus unserer Erfahrung für die Lehrenden nichts anstrengender und frustrierender, als Kinder, die die Lust am Lernen verloren haben, kein Zutrauen in sich entwickelt haben, dass sie sich etwas erarbeiten können oder auch in den Lernangeboten selbst keinen Sinn mehr erkennen können. Dann erfüllt die „Lerneinrichtung Schule“ wichtige Bedürfnisse der Kinder nicht und in der Folge der Resignation oder des Machtkampfes zwischen Schülern und Lehrern bleiben die Bedürfnisse der Lehrenden gleichfalls auf der Strecke.

Gewaltfreie Kommunikation liefert keine konkreten Umsetzungsstrategien, wie Schule auf eine Art und Weise „gelebt werden“ kann, in der die Bedürfnisse aller gleichermaßen zählen. Jedoch mit der Fähigkeit, die eigenen Gefühle und Bedürfnisse und die anderer erkennen zu können und darüber hinaus mit der Motivation, die Haltung der Gewaltfreien Kommunikation auch umzusetzen, können professionell Lehrende in ihren Berufszweigen eigene Handlungsideen entwickeln. Diese gilt es auszuprobieren und weiterzuentwickeln. Hand in Hand mit den Menschen, denen es letztendlich zu Gute kommen soll – den Schülern. Darin sehen wir gelebtes Miteinander.

 Zum „Sofort-Üben“: Welche Gefühle und Bedürfnisse können bei unserem Beispiel bei Schüler und der Lehrerin vermutet werden? (Unsere Gedanken finden Sie dazu am Ende des Coachingbriefes.)

Wochenaufgabe: Haben Sie Schüler oder Lehrende in Ihrem Umfeld? Sprechen Sie doch mal mit ihnen und versuchen Sie dabei, die jeweiligen Bedürfnisse zu erkennen, wenn Sie Antworten auf diese Frage bekommen: „Was müsste passieren, dass Du als Schüler/in oder Lehrer/inn in der Schule mehr Freude hast und mehr Sinn erfährst?“

Aktuelles:

Die ersten sechs Anmeldungen für unsere „Wandeltage 2020“ sind eingegangen.
Alle Klöster sind gebucht und die Gruppe geht im Januar 2020 an die Start.
Hier die Information für weitere Interessenten:
https://www.erfolgsschritte.de/seminare-trainings/m10_jahresausbildung_gfk.php

Termine im Jahr 2019

http://www.ab-ins-kloster.de

21.09.2019 Einführungsseminar Gewaltfreie Kommunikation in Jena – 2 Tage
(AKTUELL sind nochmal 2 Plätze frei geworden)

06.10.2019 Bildungsurlaub auf der Nordseeinsel Baltrum (ausgebucht, Warteliste)

In den Herbstferien noch nichts vor?
13.- 19.10.2019 Familienfreizeit im Schiefergebirge in Lehesten – 7 Tage
https://www.erfolgsschritte.de/pdf/gfk_familienfreizeit_schieferpark_2019.pdf

15.11.2019 Workshop Wut und Würde in Naumburg
https://www.erfolgsschritte.de/seminare-trainings/m03_wut_wuerde_gfk.php

16.11.2019 Vertiefungsseminar Gewaltfreie Kommunikation in Jena – 2 Tage
29.11.2019 Vertiefungsseminar Gewaltfreie Kommunikation in Berlin – 2 ½ Tage

Und weil die Nachfrage für unser Einführungs- und Vertiefungsseminar in Jena so groß ist haben wir für 2020 schon neue Termine:

08.02.2020 Einführungsseminar Gewaltfreie Kommunikation in Jena – 2 Tage
09.05.2020 Vertiefungsseminar  Gewaltfreie Kommunikation in Jena – 2 Tage

Was sagen Sie zu unserem Coachingbrief?
Wir freuen uns, wenn Ihnen dieser Coachingbrief gefällt und Sie ihn an Interessierte weiterleiten. Neue Leserinnen und Leser können sich hier auch in den Verteiler für den direkten Mailempfang eintragen:
http://www.coaching-briefe.com

Herausgeber:
Hartke Unternehmensentwicklung GmbH
Dunlopstraße 9, 33689 Bielefeld
Fon: 05205 / 7290525 und Fax: 05205 / 7290527
http://www.ab-ins-kloster.de
© Copyright Anja Palitza und Olaf Hartke

 

Unsere Gedanken zum Sofort-Üben:

Lehrerin: Ist neugierig und möchte verstehen, was den Schüler bewegt und auch, wie sie dazu beitragen kann, dass dem Schüler Mathematik Spaß macht und dieser mit Freude und Zuversicht lernen mag. Darin, dass Schüler gern Mathematik lernen und auch den Sinn in der Auseinandersetzung mit dem Fach erkennen, sieht sie vielleicht auch für sich den Sinn ihrer Tätigkeit.

Schüler: Ist vermutlich gelangweilt, frustriert, genervt und auch skeptisch. Ihm ist es wichtig, dass er seine Zeit sinnvoll verbringt, dass er Zuversicht haben kann, dass er auch aus seiner Sicht Schwieriges lernen und begreifen kann, dass er sich selbst kompetent und selbstwirksam erlebt, Freude am Lernen erlebt und vielleicht auch die nötige Unterstützung erhält, die ihm das Lernen erleichtern kann.

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