396/2019 Weshalb ich so traurig bin…

Liebe Leserin, lieber Leser,

heute bin ich (Anja) dabei, einen Coachingbrief zu verfassen, doch meine Stimmung ist im Keller. Ich kann mich nicht konzentrieren und auch nicht motivieren. Kein Thema spricht mich an. Ich wandere an Olafs Bücherregal entlang und frage mich, welches Thema ich denn mit Leidenschaft aufgreifen könnte. Doch nichts tut sich auf. Stattdessen drängt immer wieder ein starkes Grundgefühl nach oben. Es ist Traurigkeit. Sie zeigt sich und verschwindet wieder. Noch kann ich sie nicht greifen. Als ich zum Thema Traurigkeit recherchiere, so findet mich diese Geschichte. Sie tut mir gut und lädt mich zu einem Zwiegespräch mit diesem Anteil ein, der gerade so traurig ist.

Herzliche Grüße, heute von uns beiden aus Bielefeld
Anja Palitza & Olaf Hartke

Thema: Weshalb ich so traurig bin…

Zitat: „Das Ziel im Leben ist, all unser Lachen zu lachen und all unsere Tränen zu weinen.“ (Marshall B. Rosenberg)

Beispiel: Als Beispiel teilen wir mit Ihnen die von mir gefundene Geschichte:

Von der traurigen Traurigkeit

Es war einmal eine kleine Frau, die einen staubigen Feldweg entlanglief. Sie war offenbar schon sehr alt, doch ihr Gang war leicht und ihr Lächeln hatte den frischen Glanz eines unbekümmerten Mädchens.

Bei einer zusammengekauerten Gestalt, die am Wegesrand saß, blieb sie stehen und sah hinunter.

Das Wesen, das da im Staub des Weges saß, schien fast körperlos. Es erinnerte an eine graue Decke mit menschlichen Konturen.

Die kleine Frau beugte sich zu der Gestalt hinunter und fragte: “Wer bist du?”

Zwei fast leblose Augen blickten müde auf. “Ich? Ich bin die Traurigkeit”, flüsterte die Stimme stockend und so leise, dass sie kaum zu hören war.

“Ach die Traurigkeit!” rief die kleine Frau erfreut aus, als würde sie eine alte Bekannte begrüßen.

“Du kennst mich?” fragte die Traurigkeit misstrauisch.

“Natürlich kenne ich dich! Immer wieder einmal, hast du mich ein Stück des Weges begleitet.”

“Ja aber…”, argwöhnte die Traurigkeit, “warum flüchtest du dann nicht vor mir? Hast du denn keine Angst?”

“Warum sollte ich vor dir davonlaufen, meine Liebe? Du weißt doch selbst nur zu gut, dass du jeden Flüchtigen einholst. Aber, was ich dich fragen will: Warum siehst du so mutlos aus?”

“Ich…, ich bin traurig”, sagte die graue Gestalt.

Die kleine, alte Frau setzte sich zu ihr. “Traurig bist du also”, sagte sie und nickte verständnisvoll mit dem Kopf. “Erzähl mir doch, was dich so bedrückt.”

Die Traurigkeit seufzte tief.
“Ach, weißt du”, begann sie zögernd und auch verwundert darüber, dass ihr tatsächlich jemand zuhören wollte, “es ist so, dass mich einfach niemand mag. Es ist nun mal meine Bestimmung, unter die Menschen zu gehen und für eine gewisse Zeit bei ihnen zu verweilen. Aber wenn ich zu ihnen komme, schrecken sie zurück. Sie fürchten sich vor mir und meiden mich wie die Pest.”

Die Traurigkeit schluckte schwer.
“Sie haben Sätze erfunden, mit denen sie mich bannen wollen. Sie sagen: ‘Papperlapapp, das Leben ist heiter.’ und ihr falsches Lachen führt zu Magenkrämpfen und Atemnot. Sie sagen: ‘Gelobt sei, was hart macht.’ und dann bekommen sie Herzschmerzen. Sie sagen: ‘Man muss sich nur zusammenreißen.’ und sie spüren das Reißen in den Schultern und im Rücken. Sie sagen: ‘Nur Schwächlinge weinen.’ und die aufgestauten Tränen sprengen fast ihre Köpfe. Oder aber sie betäuben sich mit Alkohol und Drogen, damit sie mich nicht fühlen müssen.”

“Oh ja”, bestätigte die alte Frau, “solche Menschen sind mir auch schon oft begegnet…”

Die Traurigkeit sank noch ein wenig mehr in sich zusammen.
“Und dabei will ich den Menschen doch nur helfen. Wenn ich ganz nah bei ihnen bin, können sie sich selbst begegnen. Ich helfe ihnen, ein Nest zu bauen, um ihre Wunden zu pflegen. Wer traurig ist, hat eine besonders dünne Haut. Manches Leid bricht wieder auf, wie eine schlecht verheilte Wunde und das tut sehr weh. Aber nur, wer die Trauer zulässt und all die ungeweinten Tränen weint, kann seine Wunden wirklich heilen. Doch die Menschen wollen gar nicht, dass ich ihnen dabei helfe. Stattdessen schminken sie sich ein grelles Lachen über ihre Narben. Oder sie legen sich einen dicken Panzer aus Bitterkeit zu.”

Die Traurigkeit schwieg. Ihr Weinen war erst schwach, dann stärker und schließlich ganz verzweifelt. Die kleine, alte Frau nahm die zusammengesunkene Gestalt tröstend in ihre Arme. Wie weich und sanft sie sich anfühlt, dachte sie und streichelte zärtlich das zitternde Bündel.

“Weine nur, Traurigkeit”, flüsterte sie liebevoll, “ruh dich aus, damit du wieder Kraft sammeln kannst. Du sollst von nun an nicht mehr alleine wandern. Ich werde dich begleiten, damit die Mutlosigkeit nicht noch mehr Macht gewinnt.”

Die Traurigkeit hörte auf zu weinen. Sie richtete sich auf und betrachtete erstaunt ihre neue Gefährtin: “Aber…, aber – wer bist du eigentlich?”

“Ich?” sagte die kleine, alte Frau schmunzelnd. “Ich bin die Hoffnung.”

Verfasser: Inge Wuthe

Information: Von Thom Bond, einem Trainer für Gewaltfreie Kommunikation haben wir folgenden Satz übernommen: „Wir sind alle mit einem bordeigenen Radargerät für Bedürfnisse ausgestattet.“ Und dieses uns innewohnende Signalsystem sind die Gefühle. Gefühle zeigen an, dass sich viele Bedürfnisse in unserem Leben gerade erfüllen oder sie machen uns mit aller Deutlichkeit darauf aufmerksam, dass sich gerade Bedürfnisse nicht in ausreichendem Maße erfüllen.

Hirnforscher sagen, dass niemand, der ein funktionierendes limbisches System besitzt, seine Gefühle abstellen kann. Das limbische System – dieser stammesgeschichtlich alte Teil des Gehirns – ist der Entstehungsort unserer Gefühle.

Gerhard Roth schreibt, dass das Gefühl in uns Wünsche, Pläne und Absichten erzeugt und damit erst das bewusste Denken anstößt. Spannend für uns ist, dass unser Denken (unser Verstand und unsere Vernunft) immer dann in Gang kommt, wenn die Stammregion, in der die Gefühle entstehen, keine fertigen Rezepte als Entscheidungs- oder Handlungsvorlage vorweisen kann. Dies entsteht vor allem dann, wenn Situationen sehr komplex sind.

Roth geht davon aus, dass in solchen Situationen der Verstand erst hinzugenommen wird. Dieser sitzt in der Großhirnrinde und stellt einen großen, assoziativen Speicher dar, der viele Datenmengen aus verschiedenen Sinnesmodalitäten schnell verknüpfen kann. Das kann das limbische System nicht. Doch hat man genügend abgewogen, so braucht es noch den entscheiden Schritt – die Entscheidung und/oder die Handlung. Und hier spielen unsere Gefühle erneut eine Rolle, denn unser Wissen allein ist nutzlos. Die letzte Entscheidungsinstanz – so Roth – liegt im limbischen System, wird dort gefällt und vom Verstand blitzschnell begründet.

Sich seiner Gefühle bewusst zu werden und diese wahrzunehmen, ist eine Fähigkeit, die wir entwickeln können. Das wiederum ermöglicht uns, mit unseren Bedürfnissen in Verbindung zu treten. Gefühle sind aus unserer Sicht ein wichtiger Schlüssel zu mehr Mitgefühl mit uns selbst und mit anderen. Über die Gefühle gelangen wir zu einem tieferen Verständnis von Situationen. Gefühle aktivieren uns, für uns selbst oder jemand anderen einzutreten. Nach unserer Erfahrung bekommen wir mehr Verbindung zu uns selbst und zu anderen, wenn wir eine tiefere Beziehung zu unseren Gefühlen und darüber auch zu unseren Bedürfnissen haben.

Wochenaufgabe: Diese Woche könnten Sie nutzen, um Ihren Gefühlen zu lauschen und deren Wahrnehmung zu trainieren. Nehmen Sie sich dazu am Abend zehn Minuten Zeit und erinnern sich an die von Ihnen wahrgenommenen Gefühle im Laufe des Tages. Wo in Ihrem Körper haben Sie die Gefühle wahrgenommen? Wie reagiert Ihr Körper aufgrund der Gefühle? Und wer noch weiter üben möchte, der kann den Bedürfnissen nachgehen, die damit in Verbindung standen.

Aktuelles:

Termine im Jahr 2019

http://www.ab-ins-kloster.de

21.09.2019 Einführungsseminar Gewaltfreie Kommunikation in Jena – 2 Tage (ausgebucht, Warteliste)

06.10.2019 Bildungsurlaub auf der Nordseeinsel Baltrum (ausgebucht, Warteliste)

13.- 19.10.2019 Familienfreizeit im Schiefergebirge in Lehesten – 7 Tage (Infos sh. Anlage)

15.11.2019 Workshop Wut und Würde in Naumburg

16.11.2019 Vertiefungsseminar Gewaltfreie Kommunikation in Jena – 2 Tage
29.11.2019 Vertiefungsseminar Gewaltfreie Kommunikation in Berlin – 2 ½ Tage

Was sagen Sie zu unserem Coachingbrief?
Wir freuen uns, wenn Ihnen dieser Coachingbrief gefällt und Sie ihn an Interessierte weiterleiten. Neue Leserinnen und Leser können sich hier in den Verteiler eintragen: http://www.coaching-briefe.com

Herausgeber: Hartke Unternehmensentwicklung GmbH
Dunlopstraße 9, 33689 Bielefeld
Fon: 05205 / 7290525 und Fax: 05205 / 7290527
© Copyright Anja Palitza und Olaf Hartke

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