395/2019 empCARE – Wissenschaftlich geprüftes Empathie-Training für Pflegende

Sehr geehrte Leserin, sehr geehrter Leser,

vor drei Wochen waren wir in Karlsruhe; die Krankenkasse IKK-Classic möchte noch in diesem Jahr beginnend mit einem Präventions-Programm die Pflegekräfte in Krankhäusern stärker unterstützen.

Das neue Training besteht aus dem bewährten Konzept einer Einführung in Gewaltfreie Kommunikation und ist wissenschaftlich auf Wirksamkeit überprüft worden.

Das BMBF (Bundesministerium für Bildung und Forschung) förderte im Rahmen des Forschungsprogramms „Präventive Maßnahmen für die sichere und gesunde Arbeit von morgen“ mit einer Million Euro das Verbundprojekt „Pflege für Pflegende: Entwicklung und Verankerung eines empathiebasierten Entlastungskonzepts in der Care-Arbeit“ – empCARE.

Wir sind Teil des IKK-Trainer-Teams für dieses Angebot und möchten Ihnen deshalb in dieser Ausgabe etwas zu Empathie in pflegenden und sozialen Berufen schreiben.

Wir wünschen viel Freude und zahlreiche Erkenntnisse bei der Lektüre.

Herzliche Grüße aus Jena und Bielefeld

Anja Palitza & Olaf Hartke

  

Thema: empCARE – Wissenschaftlich geprüftes Empathie-Training für Pflegende

Zitat: „Weil ich glaube, dass die Freude am einfühlsamen Geben und Nehmen unserem natürlichen Wesen entspricht, beschäftige ich mich schon viele Jahre meines Lebens mit zwei Fragen:

Was geschieht genau, wenn wir die Verbindung zu unserer einfühlsamen Natur verlieren und uns schließlich gewalttätig und ausbeuterisch verhalten? Und umgekehrt, was macht es manchen Menschen möglich, selbst unter den schwierigsten Bedingungen mit ihrem einfühlsamen Wesen in Kontakt zu bleiben?“ (Marshall B. Rosenberg)

Beispiel: Schwester Monika hat heute Nachtdienst und ist für 36 Patienten allein zuständig. Der Spätdienst hat noch einige zusätzliche Aufgaben hinterlassen, die sie gerade abarbeitet als im Zimmer 6 nach der Schwester geklingelt wird. Eine Frau liegt im Bett und weint. Das Bett ist heute zum dritten Mal nass. Diesmal hat sich die Frau die Infusion entfernt, die ins Bett gelaufen ist. Das Bett ist so nass, dass es die Schwester gleich neu beziehen will als es erneut in einem anderen Zimmer klingelt. Schwester Monika antwortet folgendes: „Nun hören sie mal auf mit dem Weinen. Es ist gar nicht so schlimm. Ich werde das Bett neu beziehen und dann den Arzt holen, der ihnen eine neue Infusion legt.“ Nachdem sie das Bett bezogen, den Arzt Bescheid gegeben hat und zu dem anderen Patienten, der geklingelt hat geschaut hat kehrt sie zu ihrer begonnenen Aufgabe zurück. Keine Stunde später klingelt die Frau aus Zimmer 6 erneut. Als sie hereinkommt sieht sie die Patientin weinen. Sie hat sich erneut die Infusion gezogen und das Bett ist wieder nass und zudem blutig. Die Schwester Monika ist wütend und sie sagt: „Sie sind aber auch anstrengend. Der Arzt hat Ihnen doch bestimmt auch gesagt, dass Sie die Nadel in Ruhe lassen sollen, oder?“

Information: Gerade Menschen in pflegenden und sozialen Berufen sind sehr stark emotional herausgefordert. Diese emotionale Herausforderung entsteht neben den gesellschaftlichen und den eigenen Erwartungen insbesondere durch die intensive Nähe zu den betreuten Personen und deren Angehörigen. Pflegende werden konfrontiert mit den Geschichten, den Hoffnungen, Wünschen und den Emotionen der Patienten und nehmen durch den direkten und engen Kontakt mit diesen eine Schlüsselfunktion ein, der sie sich nicht entziehen können.

Zuwendung, Mitgefühl und Empathie sind häufig genannte Aspekte, die mit den Berufen helfender Menschen verbunden werden. Eine Betreuung ohne Empathie scheint hier nur schwer vorstellbar.

Doch was wird unter Empathie verstanden? Professor Marcus Roth von der Universität Duisburg-Essen stellt folgende Definition von Empathie vor:

„Empathie wird definiert als Fähigkeit, die emotionale Situation eines anderen Menschen zu erkennen, zu verstehen und mitzufühlen. Dabei muss gleichzeitig ein Bewusstsein dafür bestehen, dass die mitgefühlten Emotionen empathisch übertragen sind, also der Ursprung dieser Emotionen in der anderen Person liegen.“

Mit der Empathie-Fähigkeit geht einher, dass mehr Altruismus bzw. helfendes Verhalten, mehr Lebenszufriedenheit, weniger Aggressivität, weniger gefühlter Stress entstehen kann und führt für den Empathie-Empfangenden zu mehr Offenbarung von relevanten Symptomen, zu mehr Compliance, mehr Zufriedenheit mit der Betreuung, mehr Übernahme von Eigenverantwortung.

Roth hat mit seinem Forschungsteam zu empCare zahlreiche Studien ausgewertet, die nahelegen, dass Empathie neben ihrer wohltuenden Wirkung für den Empfangenden aber auch sehr belastend für den Gebenden sein kann.

Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass es durchaus einen dysfunktionalen Umgang mit der eigenen Empathie geben kann und das dieser das Belastungserleben in sozialen Berufen erhöht. Aus ihrer Sicht ist ein „zu viel“ an Empathie oder die nicht adäquat ausgedrückte Empathie eng assoziiert mit klassischen Belastungsfolgen wie Berufsunzufriedenheit, Depressivität, Burnout oder psychosomatischen Symptomen. Auch mit dem Wunsch, den Beruf zu verlassen.

Sie bezeichnen den dysfunktionalen Umgang auch mit einem empathischen Kurzschluss, der durch die ausgelösten empathischen Emotionen hervorgerufen wurde. Dieses „zu viel“ an ausgelösten Emotionen führt zu einer Überforderung, welche mit dem Wunsch einhergeht, die Situation zu verlassen, um die eigene Emotion erst einmal regulieren zu können. Kann man aus solchen Situationen nicht heraus, so entstehen pseudo-empathische Reaktionen, die einhergehen mit Beschwichtigungen („Das wird schon wieder.“), schnellen Lösungsversuchen („Ich kläre das für Sie.“), Bewertungen („Sie sehen alles so negativ.“) oder auch Belehrungen („Sie sollten sich aber auch an die Anweisungen halten.“).

Im Alltag kommen diese Verhaltensweisen häufig vor und sind nicht per se immer negativ. Doch gerade in helfenden Berufen entsteht eine Diskrepanz zwischen der Situation des Gegenübers durch eine Antwort ohne echten Bezug auf das Gegenüber. Es kommt zu einem Abbruch des Kontaktes und zur Verstärkung von Gefühlen der Insuffizienz und der Unauthentizität mit langfristigen Folgen wie Unzufriedenheit und Symptomen der Erschöpfung.

Roth und seine Mitarbeiter gehen davon aus, dass Menschen in sozialen Berufen bewusste Strategien brauchen, wie sie mit emotionalen Herausforderungen in der Versorgung der zu betreuenden Menschen und deren Angehörigen auch im Sinne der Selbstpflege umgehen können. Aus diesem Grund haben sie ein Schulungsprogramm entworfen, in dem es um die bewusste Gestaltung empathischer Momente geht. Die Teilnehmer und Teilnehmerinnen erfahren, wie sie das eigene Empathieverhalten reflektieren können und wie sie mit den eigenen und fremden Bedürfnissen umgehen können, so dass es ihnen besser gelingt, ein Gleichgewicht zwischen Empathie und Selbstempathie herzustellen.

Zum „Sofort-Üben“: Wie könnte in unserem Beispiel eine empathische Reaktion klingen?

Wochenaufgabe: Wenn Sie in der kommenden Woche selber stark herausgefordert sind, so halten Sie doch bewusst in diesen Momenten einmal inne. Atmen Sie zuerst durch und spüren Sie Ihre Gefühle. Können Sie auch die zugehörigen Bedürfnisse spüren?

Wenn die Zeit drängt und Sie schnell reagieren wollen, nehmen Sie sich hinterher die Zeit zum Durchatmen und für das Nachspüren der momentanen Gefühle. Gehen Sie dann noch einen Schritt weiter und fragen Sie sich: Für welche Bedürfnisse habe ich mich eingesetzt und welche sind jetzt noch lebendig?

Aktuelles: Sie sind neugierig geworden, was das empCare-Programm beinhaltet? Hier können Sie sich weiter dazu informieren: https://www.empcare.de

Wenn Sie Fragen zu einer Durchführung bei Ihnen vor Ort haben, sprechen Sie uns gern an.

Termine im Jahr 2019

https://www.ab-ins-kloster.de

21.09.2019 Einführungsseminar Gewaltfreie Kommunikation in Jena – 2 Tage
06.10.2019 Bildungsurlaub auf der Nordseeinsel Baltrum (ausgebucht, Warteliste)
13.- 19.10.2019 Familienfreizeit im Schiefergebirge in Lehesten – 7 Tage
16.11.2019 Vertiefungsseminar Gewaltfreie Kommunikation in Jena – 2 Tage
29.11.2019 Vertiefungsseminar Gewaltfreie Kommunikation in Berlin – 2 ½ Tage

Was sagen Sie zu unserem Coachingbrief?
Wir freuen uns, wenn Ihnen dieser Coachingbrief gefällt und Sie ihn an Interessierte weiterleiten. Neue Leserinnen und Leser können sich auch hier in den Verteiler für den direkten Mailempfang eintragen:
http://www.coaching-briefe.com

 

Herausgeber:
Hartke Unternehmensentwicklung GmbH
Dunlopstraße 9, 33689 Bielefeld
Fon: 05205 / 7290525 und Fax: 05205 / 7290527
© Copyright Anja Palitza und Olaf Hartke

Unsere Gedanken zum Sofort-Üben:

Als ersten Schritt empfehlen wir stille Selbstempathie: Ich bin frustriert und genervt. Ich möchte meine Arbeit in Ruhe erledigen. Meine Arbeit soll sinnvoll sein und Bestand haben. Dazu brauche ich Unterstützung und Zusammenarbeit.

Empathie nach Außen, während sie das Bett neu bezieht:

Schwester Monika: „Sie sind traurig?“

Patientin: „Es ist alles sinnlos. Lassen Sie mich doch einfach in Ruhe!“

Schwester Monika: „Sie klingen ganz verzweifelt – ist das so?

Patientin: „Ja, es ist doch alles sinnlos. Ich werde bald sterben. Wozu noch diese Quälerei?“

Schwester Monika: „Sie sind müde und wollen am liebsten ihre Ruhe haben?“

Patientin schaut auf: „Ja, es hat doch keinen Zweck mehr mit mir.“

Schwester Monika hält mit dem Bett beziehen inne und schaut der Patientin in die Augen:
„Sie hätten gern die Zuversicht, dass die Behandlung sinnvoll ist und ihnen Erleichterung verschafft?“

Die Patientin nickt und sagt leise: „Ja.“
Und  einige Sekunden später: „Und dann mache ich ihnen noch so eine Arbeit. Jetzt müssen sie wegen mir schon zum zweiten Mal kommen.“

Schwester Monika: „Hmmh. Ja es stimmt, es ist für mich nicht leicht, wenn ich immer wieder komme und die Bettwäsche wechsle und gleichzeitig bin ich jetzt dankbar, dass ich gehört habe, wie es ihnen geht. Haben sie eine Idee, wie es jetzt weiter gehen kann?“

Patientin: „Ob ich mit dem Arzt noch einmal sprechen könnte? Ich will mich entschuldigen und ihn fragen, ob ich die Infusion heute noch dringend brauche. Ich will heute Nacht endlich wieder einmal schlafen. Ich kann einfach nichts Fremdes mehr in meinem Körper aushalten.“

Schwester Monika: „Ja den Arzt kann ich nochmal bitten zu kommen. Darf ich ihm von diesem Gespräch erzählen?“

Patientin: „Ja, vielleicht macht es dies einfacher. Ich danke ihnen.“

Das Bett ist bezogen und Schwester Monika verlässt das Zimmer und informiert den diensthabenden Arzt.

 

 

 

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