332/2018 – Wenn Kinder andere Vorstellungen haben

Liebe Leserin, lieber Leser,

das wunderbare Ostermontags-Wetter – zumindest hier in Jena – hat uns gestern an das Saale-Ufer und in die Felder und Wälder ringsherum gezogen. Das Schreiben des Coachingbriefes haben wir spontan auf abends verschoben und prompt sind wir heute unterwegs über ein lohnendes Beispiel gestolpert.

So wünschen wir also nunmehr nachträglich frohe Ostern und senden herzliche Grüße von uns beiden, diese Woche aus Jena

Anja Palitza & Olaf Hartke

 

Thema: Wenn Kinder andere Vorstellungen haben

Zitat: „Ein Nein aus tiefstem Herzen ist besser und größer als ein Ja, mit dem man gefallen oder – noch schlimmer – Ärger vermeiden will.“ (Mahatma Gandhi)

„Alles, was ein Mensch jemals tut (oder lässt), ist ein Versuch, sich mindestens ein Bedürfnis zu erfüllen.“ (Marshall B. Rosenberg)

 Beispiel: Auf unserer Radtour am Ostermontag treffen wir während einer Rast auf eine Familie. Mutter, Vater, Oma, Opa und ein Kind von etwa drei Jahren.

Oma zum Kind: „Jeremy komm von diesem Stein runter. Du fällst noch.“

Jeremy beklettert weiter den Stein. Oma erneut: „Jeremy komm jetzt runter. Wir wollen weitergehen.“

Jeremy schaut kurz auf und hüpft jetzt auf dem Stein. Die Mutter kommt hinzu und teilt Jeremy folgendes mit: „Jeremy-Noah, Du kommst da sofort runter. Wenn nicht dann gehen wir jetzt allein los und Deinen Osterhasen esse ich auch auf. Jeremy bricht sofort in lautes Weinen aus. Er rutscht vom Stein herunter, bleibt stehen und weint weiter. Die Familie geht allein vor. Er bleibt weiter stehen und weint. Die Mutter dreht sich herum und kommt zurück und nimmt ihren Sohn an die Hand und zieht ihn hinter sich her mit den Worten: „Du bist so ein bockiges Kind. Deinen Osterhasen kannst Du jetzt vergessen.“

Information: Die Androhung oder die Anwendung einer Strafe verfolgt den Wunsch, eine Verhaltensänderung zu erreichen, damit sich die Bedürfnisse des Strafenden erfüllen. Dabei nimmt es der Strafende in Kauf, dass Bedürfnisse des Bestraften übergangen werden. Die Verhaltensänderung findet dann meistens aus Angst vor der drohenden Konsequenz statt. Der Strafende kann diese Verhaltensänderung so lange erwirken, wie er sich in einer Machtposition gegenüber dem Bestraften befindet, in der er über ihn entscheiden kann – nötigenfalls auch gegen dessen Willen.

Der Einsatz von Strafen widerspricht in der Gewaltfreien Kommunikation dem Grundsatz der Gleichwertigkeit der Bedürfnisse der Interaktionspartner. Mit diesem Wissen können wir uns fragen: Wollen wir, dass unser Gegenüber aus Angst vor unserer Macht sein Verhalten verändert oder möchten wir, dass unser Gegenüber aus Freude und Freiwilligkeit zu unserem Leben beiträgt?

Zum „Sofort-Üben“: Welche verschiedenen Bedürfnisse könnten diesen Verhaltensweisen zugrunde liegen?

  1. Jeremy beklettert den Stein.
  2. Oma ruft Jeremy mit der Bitte, dass dieser vom Stein klettern soll.
  3. Jeremy hüpft auf dem Stein.
  4. Mutter kommt hinzu und möchte, dass Jeremy vom Stein klettert und mit den anderen mitgeht.
  5. Mutter läuft mit den anderen voraus.
  6. Jeremy weint.
  7. Mutter kommt zurück und nimmt ihren Sohn an die Hand.

(Unseren Vorschlag dazu finden Sie am Ende des Coachingbriefes)

Wochenaufgabe: Überlegen Sie selbst einmal, welche Strategien Sie gewöhnlich nutzen, wenn andere Ihren Wünschen nicht nachkommen? Unterscheiden sich Ihre „Beeinflussungs-Strategien“ in Abhängigkeit davon, wen Sie gegenüber haben?

Aktuelles: Wenn Sie erfahren wollen, wie man Konfliktsituationen ohne Druck und Strafandrohung verwandeln kann und andere zu kooperativem Verhalten einlädt, dann kommen Sie zu unserem Einführungsseminar Gewaltfreie Kommunikation am 26./27. Mai 2018 in Jena.

Intensiv geübt und trainiert werden die Kenntnisse aus dem Einführungskurs dann in einem Übungs- und Vertiefungsseminar am 1./2. September 2018 in Jena.

Bei Interesse finden Sie nähere Informationen unter:
http://www.erfolgsschritte.de/seminare-trainings/termine.php

 

Unser Vorschlag: Folgende Bedürfnisse vermuten wir:

  1. Jeremy beklettert den Stein.

Er hat Freude am Ausprobieren, Lernen und sich spüren.

  1. Oma ruft Jeremy mit der Bitte, dass dieser von Stein klettern soll.

Sie ist besorgt, dass er sich verletzten könnte und durch sein Weinen viel Trost und Zuspruch braucht. Sie möchte es vielleicht leicht haben, entspannt bleiben können, den Spaziergang in Harmonie beenden.

  1. Jeremy hüpft auf dem Stein.

Er ist fröhlich und feiert seinen Erfolg. Will sich ausprobieren. Oder er will seine Freude am Klettern durch das Hüpfen ausdrücken.

  1. Mutter kommt hinzu und möchte, dass Jeremy vom Stein klettert und mit den anderen mitgeht.

Sie möchte etwas bewirken. Sie möchte es leicht haben. Sie möchte von der Oma anerkannt werden in ihrer Erziehung des Kindes. Sie möchte die Oma unterstützen.

  1. Mutter läuft mit den anderen voraus.

Mutter erhofft sich darüber vielleicht eine Wirkung. Vielleicht möchte sie auch ihren Entschluss verdeutlichen.

  1. Jeremy weint.

Er ist traurig. Wahrscheinlich besorgt um seinen Osterhasen. Vielleicht auch verwundert, weil die anderen vorausgehen, ohne auf ihn zu warten.

  1. Mutter kommt zurück und nimmt ihren Sohn an die Hand.Sie möchte wirksam sein. Ein bestimmtes Ergebnis erzielen. Vielleicht will sie auch ihren Einfluss und auch ihren Respekt schützen.

 

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