Ampelsystem zur Verhaltensbewertung von Kindern – Symbolbild zum Coachingbrief "Was bleibt, wenn niemand schützt"

Was bleibt, wenn niemand schützt – ein persönlicher Coachingbrief über Kinder, Bewertungen und das Bedürfnis nach Verbundenheit

Liebe Leserin und lieber Leser, ein Beitrag bei LinkedIn über ein Ampelsystem in einer Schule hat mich (Anja) in den vergangenen Tagen besonders bewegt. Es ging darin um ein System, bei dem Kinder einer grünen, gelben oder roten Kategorie zugeordnet werden, je nach gezeigtem Verhalten: Grün - das Verhalten war gut Gelb - das Verhalten ist grenzwertig und es gab schon Verwarnungen Rot- das Verhalten des Kindes geht gar nicht Dahinter werden die Namen der Kinder aufgelistet; diese Liste hängt dann sichtbar im Klassenzimmer aus. Die Absicht dahinter mag sein, Orientierung zu geben und Kindern eine Rückmeldung über ihr Verhalten zu ermöglichen. Gleichzeitig frage ich mich: Was geschieht in einem Kind, wenn sein Name öffentlich mit einer negativen Bewertung verknüpft wird? Wie leicht wird aus der Botschaft „Dein Verhalten war nicht in Ordnung“ die innere Überzeugung „Mit mir stimmt etwas nicht“? Mich berührt das Thema tief, weil ich als Kind selbst erlebte, wie schmerzhaft Ablehnung ohne das Eingreifen Erwachsener sein kann. Ab der fünften Klasse wurde ich eine Zeitlang von Mitschüler:innen beleidigt und manchmal auch körperlich angegangen. Es veränderte sich später in ein konsequentes, stilles Ausgrenzen. An Unterrichtsmomente kann ich mich nur wenig erinnern, wohl aber an die damalige Angst, Einsamkeit und Ohnmacht. Ob die Lehrkräfte wissend wegsahen oder ratlos bezüglich Maßnahmen waren, blieb während und auch nach dieser Zeit für mich offen. Zurück blieb die Erfahrung, dass man auch unter Menschen, die einen Schutzauftrag haben, mit seiner Not allein sein kann – und die Idee entwickeln kann, nicht schützenswert zu sein. Genau deshalb lässt mich das Thema nicht los, wenn in Systemen, Kinder öffentlich bewertet werden. Nicht, weil ich glaube, dass Lehrkräfte Kindern schaden möchten. Ich kenne viele engagierte Pädagog:innen, die jeden Tag ihr Bestes geben und Kinder begleiten möchten. Vielmehr frage ich mich: Was bringt Menschen dazu, solche Instrumente einzusetzen, und welche Unterstützung brauchen Pädagog:innen, um auch in herausfordernden Situationen andere Wege zu finden? Darum soll es in diesem heutigen Coachingbrief gehen. Herzliche Grüße von uns beiden aus Jena und Bielefeld, Anja Palitza & Olaf Hartke