462/2020 Sozialer Wandel findet statt (V) – In der Kita

Liebe Leserin und lieber Leser,

in dieser Woche geht es in unserem Coachingbrief um den sozialen Wandel in der Erziehung und hier speziell im Bereich der Kindertagesstätten.

Herzliche Grüße, diese Woche aus Jena und Bielefeld
Anja Palitza & Olaf Hartke

Zitat: „Erziehung ist Beispiel und Liebe, sonst nichts.“ (Friedrich Fröbel, dt. Pädagoge)

Beispiel: Leon sitzt in der Spielzeugecke und spielt mit einem Bagger. Der kräftigere Jonas kommt hinzu und nimmt Leon den Bagger weg, indem er den Bagger, den Leon noch versucht festzuhalten, ihm kraftvoll aus den Händen zieht. Leon beginnt zu weinen. Eine Erzieherin kommt hinzu und sagt: „Jonas, gib sofort den Bagger zurück. Leon hatte den Bagger zuerst.“

Jonas gibt den Bagger auch nach nochmaliger Aufforderung nicht zurück. Die Erzieherin nimmt Jonas den Bagger weg, indem sie den Bagger, den Jonas noch versucht festzuhalten, ihm kraftvoll aus den Händen zieht, um ihn Leon zurückzugeben. Jonas beginnt nun auch zu weinen.

Da nun keine noch stärkere Erzieherin auftaucht, um der ersten Erzieherin den Bagger wegzunehmen, indem sie den Bagger, den die erste Erzieherin noch versucht festzuhalten, ihr kraftvoll aus den Händen zieht, um ihn Jonas zurückzugeben, erhält Leon den Bagger zurück. Die meisten Menschen würden das als „gerecht“ bewerten; auf die Bedürfnisse der drei Beteiligten würden nur Wenige schauen.

Jonas ist ärgerlich und will Leon den Bagger erneut wegnehmen. Die Erzieherin nimmt ihn bei der Hand, zieht ihn gegen seinen Widerstand aus der Spielzeugecke weg in die gegenüberliegende Ecke des Raumes und setzt ihn dort auf einen Stuhl. Dort sagt sie zu ihm: „Hier bleibst Du jetzt erstmal sitzen. Bis Du wieder ein lieber Junge bist, der weiß, was sich gehört.“

Leon verliert derweil das Interesse am Bagger, überlässt ihn Finn und geht zur Kletterwand.

Lernt Jonas in dieser Situation, was Fairness, Rücksicht und Achtsamkeit bedeuten oder eher, dass es gut ist, der Stärkere zu sein?

Information: Erstaunlich – die Idee, dass auch Kinder ein Recht auf Gewaltfreiheit haben, ist sogar in Deutschland noch recht jung. In Artikel 1 des deutschen Grundgesetzes wurde bereits im Mai 1949 verankert, dass die Würde des Menschen unantastbar ist. Doch erst vierzig Jahre später – seitdem 1989 die Generalversammlung der Vereinten Nationen die UN-Kinderrechtskonvention unterzeichnet hat – beginnt dieses Grundrecht auch Schritt für Schritt für Kinder Geltung zu bekommen.

Erst 1992 erkennt Deutschland die UN-Kinderrechtskonvention mit einigen Vorbehalten an. Erst seit dem 08. November 2000 stellt der § 1631 des BGB klar, dass „körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen“ unzulässig sind. Und erst 2010 werden die letzten Vorbehalte gegen die Konvention von 1989 zurückgenommen.

Rechtlich gesehen sind Kinder somit erst seit 10 Jahren in Bezug auf eine würdevolle Behandlung den Erwachsenen gleichgestellt. Wir gehen davon aus, dass die pädagogischen Fachkräfte in Deutschland diesem Ansatz Rechnung tragen wollen. Sie sind bemüht, das Prinzip der Gewaltfreiheit im Umgang mit Kindern zu leben. Doch das ist eine große Herausforderung. Wir Menschen haben wenig bis gar nicht erfahren, was es heißt, dass die Bedürfnisse aller gleichermaßen zählen und wie man mit seinem eigenen Verhalten zur Umsetzung beitragen kann.

Auch hier in unserem Kulturkreis sind wir weitestgehend mit dem Konzept von Dominanz und Unterwerfung aufgewachsen. Das Konzept des Bestrafens beispielsweise, findet in unserer Gesellschaft immer noch hohe Anerkennung und hohe Akzeptanz. Die Situation des obigen Beispiels ist nicht fiktiv, sondern sie wiederholt sich ähnlich vermutlich vielerorts täglich.

Und gerade wenn wir zusätzlich noch unter Zeitdruck stehen oder selber gerade kraftlos sind, ist es umso schwieriger, einen Ort der Verbundenheit und Gleichwertigkeit zu kreieren, an dem die Bedürfnisse aller gesehen und respektiert werden.

Nach Marshall Rosenberg fängt Gewalt schon da an, wo ein „Du musst“, „Du solltest…“ oder „Du darfst nicht…“ in Verbindung mit der Überzeugung, dass der Andere keine Wahl habe, in uns auftaucht. Gewaltfreiheit schließt nach unserer Überzeugung jederzeitige Wahlfreiheit ebenso ein, wie verantwortliches Handeln im Interesse der Gemeinschaft und dem Bewusstsein dafür, dass wir alle miteinander verbunden sind. Das ist für viele Menschen so neu und ein so einschneidender Paradigmenwechsel, dass es der intensiven Auseinandersetzung mit dem Konzept von Gewaltfreiheit bedarf.

Wir haben zahlreiche Menschen kennengelernt, die sich intensiv dafür einsetzen, dass die Prinzipien der Gewaltfreiheit nach dem Modell der Gewaltfreien Kommunikation auch gegenüber Kindern gelebt und umgesetzt werden.

Einen umfassenden Fachartikel von Barbara Leitner finden Sie hier:

Und den folgenden Erfahrungsbericht aus einem Kindergarten empfehlen wir:

In diesem Artikel beschreibt Beate Ruben, „wie sich unser Team aufgrund einer Fortbildung in Gewaltfreier Kommunikation (GFK) in der erzieherischen Arbeit entwickelt hat und wie GFK auf allen Beziehungsebenen – mit den Kindern, mit den Eltern, mit uns untereinander – eine Veränderung bewirkt hat und weiter wirkt.“

Wir empfehlen zudem den Podcast von Peter Schmid. Er hat unter anderem ein Interview mit Frank Gaschler geführt, der gemeinsam mit Gundi Gaschler das Konzept „Giraffentraum“ entwickelte. Ein Konzept, wie Gewaltfreie Kommunikation im Kindergarten etabliert werden kann. Frank Gaschler spricht hauptsächlich über seine Erfahrung als Elternteil in der Erziehung seiner Töchter.
https://gfk-helden.podigee.io/13-neue-episode

Wer gern Bücher liest, die auf viele Menschen eine aufbauende und zuversichtlich machende Wirkung haben, dem legen wir das Buch: „Magische Erlebnisse, gesammelt von Gundi Gaschler“ ans Herz.

Sie schreibt dazu: „Jeder hat schon einmal etwas Magisches erlebt, aber nur selten darüber gesprochen. Wenn diese magischen Geschichten erzählt werden, entsteht ein ganz besonderer Zauber.“

Gundi Gaschler hat ihn eingefangen. Sie hat Menschen, denen sie begegnet ist, eingeladen ihre „wunder“-baren Erlebnisse mit ihr zu teilen und sie hat die dabei entstehende Magie in diesem Buch festgehalten. Wir kommen auch darin vor. 🙂

Erschienen im BoD Verlag. Erhältlich überall wo es Bücher gibt. Über die Homepage www.gundigaschler.com auch als Hörbuch erhältlich.

Zum Sofort-Üben: Welche Gefühle hat das Lesen des Beispiels in Ihnen ausgelöst? Gab es auch gedankliche Urteile, die zusätzlich in Ihnen aufgetaucht sind? Und auf welche Bedürfnisse weisen diese Gefühle und Gedanken hin?

Wochenaufgabe: Überlegen Sie sich in dieser Woche doch einmal, was für Sie Gewaltfreiheit bedeutet. (Unsere Sicht auf Gewaltfreiheit finden Sie am Ende des Coachingbriefes.)

Aktuelles
Auch 2021 wird es trotz Corona natürlich wieder Trainings und Seminare geben; in den letzten Wochen haben wir Vieles geplant und vororganisiert und eine ganze Reihe interessanter Seminare und Veranstaltungen auf die Beine gestellt. Wir laden Sie herzlich ein, unter den noch unbekannten, aber vermutlich gut umsetzbaren Regeln des Jahres 2021 mit uns Gewaltfreie Kommunikation zu lernen oder zu vertiefen.

Die Anmeldemöglichkeiten für folgende Veranstaltungen sind seit heute auf unserer Website: www.ab-ins-kloster.de

Es sind noch nicht alle Informationen zu den Seminaren aktualisiert; fragen Sie direkt bei uns nach, wenn Sie konkrete Fragen dazu haben.

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Wandeltage 2021
Sechs Teilnehmer haben sich bereits vor dem Werbe-Start für unsere Jahresausbildung angemeldet. Gesellen Sie sich dazu und machen Sie das Jahr 2021 zu Ihrem Wandeljahr.

Start ist am 19. März 2021 im Kloster Drübeck.
www.wandeltage.de

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Vertiefungsseminar
Wir haben ein neues Vertiefungsseminar entwickelt. Es geht darum, die vier Aspekte der Gewaltfreien Kommunikation mehr zu verinnerlichen und bewusster in den Alltag zu integrieren.
30./31.01.2021 Vertiefungsseminar Gewaltfreie Kommunikation (II) in Arnsberg – 2 Tage

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Wie gewohnt in 12-jähriger Tradition auf der Hohgant-Hütte

Das Leben lieben lernen – Gewaltfrei leben
Die Schneeschuhwanderung für Einzelpersonen und Paare mit allgemeinen Lebens-Themen im GFK-Seminar.

26.02.-02.03.2021 auf der Hohganthütte bei Interlaken im Naturpark Berner Oberland
https://www.erfolgsschritte.de/seminare-trainings/m05_gewaltfrei_leben_hohgant.php

Partnerschaft neu entdecken
Kennen Sie diese Herausforderungen in der Partnerschaft?

  • Das „Schmetterlinge-im-Bauch-Gefühl“ geht innerhalb von 6-12 Monaten nach dem ersten „Verliebtsein“ verloren.
  • Die Partner entwickeln während ihrer Beziehung unterschiedliche Interessen und stellen die Weichen für veränderte Lebenswege.
  • Berufliche Veränderungen, eigene Kinder und möglicherweise noch Wohneigentum sorgen für neue Herausforderungen.
  • Zärtlichkeit und Sexualität bekommen für den Partner eine andere Bedeutung und einer von beiden „kommt zu kurz“.
  • Konflikte lassen sich nur noch schwer oder gar nicht mehr klären und belasten die Partnerschaft dauerhaft.
  • Im Spannungsfeld zwischen den Konfliktthemen und den veränderten persönlichen Interessen gelingt die Kommunikation nicht mehr wie früher und die Gespräche werden kürzer und schwieriger.

Vom 03.-07.03.2021 exklusiv für Paare – Die Schneeschuhwanderung mit Paar-Themen im GFK-Seminar.

https://www.erfolgsschritte.de/seminare-trainings/m05_gewaltfrei_leben_hohgant_paare.php

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Weitere Seminare

16.02.2021 Start der Trainerausbildung bei K-Training mit uns und 3 anderen Trainern

11.04.2021 Bildungsurlaub GfK und Führung auf der Nordseeinsel Baltrum 5 Tage

24.10.2021 Bildungsurlaub Einführung GfK auf der Nordseeinsel Spiekeroog 5 Tage

17.07.2021 Einführungsseminar Gewaltfreie Kommunikation in Jena  2 Tage

09.10.2021 Vertiefungsseminar Gewaltfreie Kommunikation in Jena   2 Tage

14.11.2021 Bildungsurlaub Einführung GfK am Jadebusen bei Wilhelmshaven  – 5 Tage

In 2021 feiern wir 11-jähriges Bestehen unserer Trainer-Zusammenarbeit. Diesen Tag wollen wir nicht im stillen Kämmerlein verbringen. Wir träumen mal… Ein großes Coachingbrief-LeserInnen-Treffen. Wenn nur 1-2% von Ihnen dabei wären – dann wären wir mit etwa 20-40 Personen zusammen. Eine weitere alte Idee will umgesetzt werden: Die Helfensteine. Ein magischer Ort, nicht nur für uns. Und geographisch ziemlich zentral in Deutschland. Wann und wie genau ist noch in der Planung – lassen Sie sich überraschen.

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Herausgeber: Hartke Unternehmensentwicklung GmbH
Dunlopstraße 9, 33689 Bielefeld
Fon: 05205 / 7290525 und Fax: 05205 / 7290527
http://www.ab-ins-kloster.de
© Copyright Anja Palitza und Olaf Hartke

Unsere Gedanken zur Wochenaufgabe:
Urteile, die zum obigen Beispiel auftreten könnten:

Jonas verhält sich nicht fair. Er darf anderen Kindern nichts wegnehmen. Er muss fragen, ob er den Bagger haben darf. Er ist störrisch/ungezogen/bockig/frech/uneinsichtig, wenn er nochmal versucht, Leon den Bagger wegzunehmen. Er verdient eine Strafe.

Die Erzieherin ist gerecht. Sie hat das richtig gemacht. Man muss ungezogenen Kindern auch mal zeigen, wie sie sich zu verhalten haben. Solches Verhalten darf man nicht durchgehen lassen.

Unter Gewaltfreiheit verstehen wir:

  1. Die Bedürfnisse Anderer genauso wichtig zu nehmen, wie meine eigenen.
  2. Meine Aufmerksamkeit auf meine Gefühle und Bedürfnisse und die anderer zu legen.
  3. Zu versuchen, jeglichen Impulsen andere zu bestrafen oder zu belohnen, nicht nachzugeben.

Eine Haltung von Gewaltfreiheit in obiger Situation würden wir so beschreiben:

Die Erzieherin sagt zu Leon: „Jonas hat den Bagger genommen und Du bist traurig, weil Du weiter spielen möchtest?“

Zu Jonas: „Du hast Dir den Bagger genommen, weil Du neugierig warst und auch damit spielen wolltest? Und es fiel Dir schwer, zu warten bis Leon fertig ist?“

Und: „Schau mal, Leon weint. Er ist traurig und möchte weiter damit spielen. Ich finde es wichtig, dass jedes Kind das Spielzeug, das es gerade in der Hand hat, auch behalten darf. Das nenne ich fair miteinander umgehen. Gibst Du Leon bitte den Bagger zurück?“

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Idealtypisch für ein begleitendes Beispiel geschieht dann natürlich in der Theorie das, was die Autoren zeigen möchten: Jonas findet eine Bereitschaft, den Bagger zurückzugeben.

Der Jonas in der Praxis wird hingegen antworten: „Nein!“ Im Seminar würde sich dazu ein Rollenspiel anbieten oder wir würden erläutern, wie man trotz des „Nein“ in der Haltung von Gewaltfreiheit bleiben kann. In diesen Coachingbrief passt das leider nicht mehr hinein.

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